"Nichts, außer heiße Luft und Falschaussagen!"

Die Nachfrage nach Haus- oder Landärzten ist in Altena ungebrochen, die Stadt gilt als unterversorgt. Dr. Martin Junker, praktizierender Hausarzt und Leiter der Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), äußert sich zur aktuellen Situation.

Altena - Seit dem 23. September gibt es in der Rahmede keinen niedergelassenen Arzt mehr. Aus Gesundheitsgründen musste Frank Killing, der hier als Hausarzt und Internist niedergelassen war, seine Praxis aufgeben.

Von Johannes Bonnekoh und Thomas Keim

Bemühungen, die Situation zu ändern, hat es bereits einige gegeben. Die Lage ist Dr. Martin Junker von der Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) Lüdenscheid gut bekannt. Der Mediziner, der in Olpe eine Hausärztliche Allgemeinpraxis führt, ist in dieser Körperschaft Öffentlichen Rechts (KV) als Bezirksstellenleiter tätig.

Lesen Sie zum Thema auch:

- Rahmede sucht weiter nach Arzt: Kandidat winkt ab

- Rahmede komplett ohne Arzt

Nach Auskunft des Landesgesundheitsministeriums NRW aus Düsseldorf wird Altena in der so genannten Liste 1 geführt, in der Städte und Gemeinden aufgelistet sind, in denen „die Gefährdung der hausärztlichen Versorgung droht.“

Diese Liste werde vom Ministerium aufgestellt, erklärt Dr. Junker. Wie das geschieht und wer die Zahlen zusammenstellt, sei ihm unbekannt. Junker merkt an: „Allerdings können die Zahlen kaum realistisch sein, da die lokalen Sachverständigen nicht gefragt werden! Sachverstand in der Politik stört allerdings auch!“

Die Frage, was das Land unternimmt, damit sich etwas ändert, beantwortet der Mediziner ebenso eindeutig: „Nichts, außer heiße Luft und Falschaussagen!“

Hier Empörung, dort ein Bürgergespräch

Die Kassenärztliche Vereinigung und insbesondere die Bezirksstelle Lüdenscheid sei dagegen laufend aktiv, um insbesondere auch die Kommunen auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen und gemeinsame Aktivitäten zu koordinieren oder anzuregen.

Dr. Junker: „Bereits im Januar 2012 haben sämtliche Kommunen der Bezirksstelle von mir eine genaue Situationsschilderung der zu erwartenden Probleme mit Darstellung der demographischen Situation bekommen.“ Nur zwei Gemeinden hätten geantwortet: Eine empört, in der anderen sei er zu einem Bürgergespräch eingeladen worden.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum es scheinbar so uninteressant für Mediziner ist, aufs Land zu gehen. „Alle Umfragen zeigen, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen“, so der Mediziner. „Die Bürokratie wird zunehmend als unerträglich und abschreckend empfunden.“

Erfüllender Beruf mit dankbaren Patienten

Der Partner – über 50 Prozent der neuen Ärzte sind Frauen – bekomme dort oft keinen neuen Arbeitsplatz. Kindergarten-, Schul- und kulturelle Bedingungen würden oft als wenig attraktiv empfunden.

„Erst jetzt folgt die Frage des unsicheren und reglementierten Arbeitsplatzes und Honorars“, sagt Junker. Früher sei ein Bank-Kredit für einen Arzt selbstverständlich gewesen, heute stellten die Banken fast unüberwindliche Hürden auf. Man könne kaum noch von einem „freien Beruf“ sprechen.

Dennoch würde er jungen Berufskollegen dazu raten, aufs Land zu gehen, sagt Junker weiter. „Es gibt einen Haufen Gründe, gerade als Land- und Hausarzt zu arbeiten. Es ist ein erfüllender Beruf mit in der Regel dankbaren Patienten, für die man gerne arbeitet.“

Bemühungen laufen "sehr intensiv weiter"

 Es klaffe auf dem Land allerdings eine größere Lücke zwischen Kassen- und Privatpatienten. Privatpatienten aber brauche man, um die Praxis für gesetzlich Krankenversicherte zu subventionieren.

Eine mögliche Förderung eines neuen Arztes durch die KVWL bestehe aus bis zu 50.000 Euro Investitionshilfe – übrigens zur Hälfte aus dem Honorar aller Ärzte –, Umsatzgarantien, einem „Paten“ bei der KV für die Bürokratie und kollegialen Hilfen.

Dagegen streiche das Land seine viel gepriesenen Hilfen, wenn die KV hier aktiv werde. Die letzten zwei bewilligten Zuschüsse in unterversorgten Gebieten seien wegen der Haushaltssperre gestrichen worden.

Rechnet Dr. Martin Junker damit, dass sich ein neuer Arzt für die Rahmede findet? „Ich persönlich habe viel unternommen, auch die KV in Dortmund.“

Erst kürzlich habe er ein Gespräch mit einem niederlassungswilligen Kollegen geführt, „der sofort übernehmen würde, wenn der Vorbesitzer und Vermieter zur Einigung und zu akzeptablen Konditionen bereit sind.“ Aber auch in den anderen Gebieten des Kreises liefen die Aktivitäten von Seiten der Bezirksstelle „sehr intensiv weiter.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare