Eva Pungel will trotz Konfliktlage nach Israel reisen / „Kenne mich gut aus“

„Ich bete täglich um Frieden“

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Eva Pungel mit dem Fotobuch, das sie Bernadette gern überreichen würde.

Altena - Das Fotobuch für ihren Schützling Bernadette hat Eva Pungel schon griffbereit auf der Kommode liegen. Im Winter war der Teenager aus Bethlehem bei ihr in Dahle eingezogen, damit deutsche Ärzte ihre Hüftfehlstellung korrigieren konnten. Jetzt würde die Dahlerin sie zu gern besuchen. Und auch die vielen Freunde und Bekannten vom Ölberg, wo Eva Pungel seit vielen Jahren volontiert.

Zurzeit geht allerdings kein Flugzeug. Und Eva Pungel betet täglich um Waffenstillstand und Frieden. „Ich bete für Palästinenser und Israelis. Ich kann mich auf keine Seite stellen. Das Recht hat niemand.” Eva Pungel denkt nur an die Menschen in der Konfliktregion. „Da sind Mütter, die weinen, weil ihre Söhne kurz vor Gaza stehen und in den Krieg ziehen sollen. Oder schon mitten drin sind. Vielleicht sogar schon tot.”

Eva Pungels Bekanntenkreis in Jerusalem und Bethlehem lebt in ständiger Sorge. Täglich telefoniert sie mit Freunden. Für ihre nächste Reise ist schon alles vorbereitet. Vier Wochen lang könnte sie Haus und Hund einer deutschen Einwanderin vor den Toren Jerusalens hüten. „Trotz allem würde ich fliegen. Ich freue mich darauf. Sobald das Auswärtige Amt grünes Licht gibt und ein Flugzeug startet, breche ich auf.”

Ihre Erfahrungen im Land geben ihr Mut. Eva Pungel kennt sich gut aus – auch auf den Schleichwegen. Wechselt sie die Grenzgebiete, dann sind ihr zwei Dinge immer hilfreich: Das Kreuz im Auto und der Deutsche Pass. Dann muss sie nicht durch das Labyrinth der Personenkontrolle, durch das sich Palästinenser schlängeln müssen, um in jüdisches Gebiet zu kommen. Eva Pungel darf durchfahren. Bernadette kann umgekehrt nicht so ohne weiteres die recht kurze Entfernung zu dem Domizil von Eva Pungel nehmen. Selbst für die Benutzung des Schulbusses brauchen die Kinder und Jugendlichen aus dem autonomen Palästinensergebiet Sondergenehmigungen, damit sie überhaupt die Grenzen passieren können. Eva Pungel hat es leichter. „Ich kann auch mal eben zur Autowerkstatt meines Vertrauens fahren.” Was in Deutschland so selbstverständlich ist, kann in Israel ziemlich anstrengend sein.

Für das gegenseitige Misstrauen hat Eva Pungel sogar Verständnis: „,Da sind zehnjährige Kinder, die zum dritten Mal schwere Waffengewalt in ihrer Heimat erleben. So hat kein Volk die Chance, sich dem anderen anzunähern.” Dass Zusammenleben aber auch gelingen kann, wo es zugelassen wird, hat Eva Pungel während ihrer Arbeit im Café der Hilfe (Auguste Viktoria) auf dem Ölberg erfahren. Sie hat palästinensische Kinder zu einem jüdischen Zahnarzt begleitet, der mit einem beherzten „Auf geht’s!” die Behandlung einleitete. Auch Bernadette musste nach diesen guten Erfahrungen umdenken. Vorher waren ihr böse Worte gegen Juden leicht über die Lippen gegangen. Etwas anderes hatte sie nicht gelernt.

Um diese Chance der Begegnung werden die Menschen im Gaza-Streifen weitgehend betrogen. ,,Das gegenseitige Misstrauen hat sich von Generation zu Generation vererbt. Dadurch ist ein Schwarz-Weiß-Denken entstanden, unter dem nun alle zu leiden haben. Auch jene, die nur in Frieden leben möchten”, erklärt Eva Pungel.

Ihr Schützling Bernadette, eine Katholikin, musste während ihres Deutschlandaufenthaltes auch erst lernen, unbefangen auf andere Menschen zuzugehen. „Sie ist hier so offen geworden und in ihrer Heimat wieder in der alten Denkweise gefangen. Das tut mir weh”, sagt Eva Pungel ehrlich.

Käme noch in dieser Woche das Okay, würde sie sofort mit leichtem Gepäck aufbrechen. Mit sämtlichen Sicherheitsvorkehrungen ist sie längst vertraut: Sie steht im Krisen-E-Mailverteiler der Deutschen Botschaft, über den sie sofort über eine Evakuierung informiert wäre. Einen Schutzbunker in der Nähe des Hauses kennt sie auch. Und sie weiß, welche Gebiete sie meiden sollte. Auch Eva Pungels Kinder haben so viel Vertrauen in die Erfahrung ihrer Mutter, dass sie sie ohne weiteres ziehen lassen würden – wenn sich die Lage erst mal beruhigt. „Dafür bete ich jeden Tag.”

von Ina Hornemann

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