Zwei-Klassen-Gesellschaft befürchtet

Privilegien für Geimpfte: Entrüstung an der Basis

Eine saubere Spritze.
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Impfstoff (Symbolfoto)

Die ersten Impfungen in Deutschland laufen. Für einige Senioren und Pflegemitarbeiter steht bald die Zweitimpfung bevor. Danach sollen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit immun sein gegen das Coronavirus. Und dann? Sollen Geimpfte gesellschaftliche Privilegien genießen? Die Meinungen dazu gehen weit auseinander.

Altena/Nachrodt-Wiblingwerde – „80-Jährige essen nur Gehacktes und Püriertes. Die Restaurants warten auf Kundschaft, die etwas Richtiges möchte“, witzelt Siegfried Kruse. Nicht ernst gemeint sind auch die Schnabeltassen, über die der Wiblingwerder redet. Fakt ist aber: So ganz übel findet Siegfried Kruse den Vorschlag von Bundesaußenminister Heiko Maas nicht. Maas möchte Menschen mit Corona-Impfung früher als anderen den Besuch von Restaurants oder Kinos erlauben, ihnen ein Stück Normalität gönnen. Doch Siegfried Kruse ist der Einzige, der dem positiv gegenüber steht, wie eine Umfrage unter Altenaern und Nachrodt-Wiblingwerdern zeigt.

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„Ich finde es vom Grundgedanken überhaupt nicht gut. Wie will man das kontrollieren?“, fragt Bernd Greif. „Sollen alle geimpften Menschen dann einen Button tragen, den man das schon von Weitem sehen kann? Ich finde, man sollte besser an einem Strang ziehen.“ Dass heute auch noch nicht geklärt sei, ob ein Geimpfter das Virus übertragen kann und es allein deshalb keine Privilegien geben sollte, ist das Hauptargument gegen den Vorstoß von Heiko Maas, mit dem sich alle Befragten beschäftigen. Auch Siegfried Kruse sagt: „So lange man nicht weiß, ob die Geimpften das Virus weitergeben können, haben sie draußen nichts zu suchen.“

Es ist nicht aber nur die Sicherheit des Impfstoffes, über die sich alle Gedanken machen. „Ungleich ist immer schlecht“, sagt Michael Sonntag und findet es nicht richtig, wenn Menschen gegeneinander ausgespielt werden. „Wir haben nicht 80 Millionen Impfen parat. Wenn wir dieses System so fahren, wie wir es fahren, müssen wir alle abwarten. Und die Frage ist: Wann sind wir gleich behandelt?“ Auch der Altenaer würde gern mal wieder im Restaurant ein „schönes Schnitzel essen, an der Lenneterrasse ein Bier trinken oder in den Urlaub fahren“, aber seine Impfung steht noch nicht an. Und selbst wenn: „Was ist zwischen der ersten und zweiten Impfung? Was ist, wenn alle im Kino sitzen, weil sie geimpft sind und sich dann alle gegenseitig anstecken. Die Unsicherheit, was der Impfstoff kann, ist doch zu groß.“

Als „Blödsinn“ bezeichnet Alexander Schmitz die Idee des Außenministers. „Es gebe dann eine Zwei-Klassen-Gesellschaft und man würde Bürger gegeneinander aufhetzen.“ Der Händler aus Altena kann sich gut vorstellen, dass durch das Versprechen von Privilegien für Geimpfte die Bevölkerung auch unter (Impf)-Druck gesetzt werden soll. Natürlich, so sagt Alexander Schmitz, sind alle Menschen genervt von der Situation, wünschen sich die Normalität zurück. „Irgendwann muss es weiter gehen“, blickt er auch besonders auf Geschäftsleute, die sehr dringend auf eine Wiedereröffnung der Läden angewiesen sind. Aber dennoch sollten diejenigen, die noch keine Chance hatten, sich impfen zu lassen und jetzt warten, dass sie dran sind, nicht dafür bestraft werden, dass sie warten müssen.

„Grundsätzlich müssen wir irgendwann wieder anfangen, das Leben hochzufahren, sonst geht alles kaputt“, sagt auch Jan Schröder. Friseure, Restaurants, Kneipen: „Ich habe Sorgen vor den Auswirkungen der Pandemie“, so der Nachrodter. Und trotzdem findet er Ausnahmeregelungen für Geimpfte schlecht. „Und was hätte ich davon, wenn ich geimpft wäre und meine Freunde nicht? Ich könnte dann trotzdem nicht mit ihnen im Kino sitzen.“ Die Impfungen müssten seiner Ansicht nach viel schneller gehen. „Deutschland ist eines der reichsten Länder in der EU und wir kriegen es nicht gebacken, dass die Impfungen vernünftig laufen. Darüber bin ich wirklich enttäuscht“, glaubt Jan Schröder, dass die Quittung dafür bei der anstehenden Bundestagswahl kommen wird.“

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