Ein Praktikum beim Blauen Kreuz

ALTENA ▪ Eigentlich wollte sie nach Finnland, aber jetzt sitzt sie in Altena. Daniela Groß absolviert ihr Studienpraktikum beim Blauen Kreuz Am Roten Berge. Was zunächst nur eine Notlösung war, ist für die 21-jährige nun zum großen Glücksgriff geworden.

„Ich wollte eigentlich weder in die Suchtarbeit, noch nach Altena. Aber es ging einiges schief, sodass ich schnell eine Alternative brauchte“, erinnert sich die Praktikantin. Im Juli begann ihr Dienst in Altena. Seitdem hat sie rund 400 Stunden dort gearbeitet und das Fazit fällt positiv aus: „Mir persönlich hat das mehr gebracht, als jedes andere Praktikum mir hätte bringen können.“

Normalerweise studiert die Letmatherin im dritten Semester Soziale Arbeit an der evangelischen Fachhochschule in Dortmund. „Ich habe mein Studium mit dem Gedanken begonnen, mich auf Schulsozialarbeit zu spezialisieren. Ich habe im Studium aber gemerkt, dass es viel mehr gibt. Suchteinrichtungen hatte ich gar nicht auf dem Zettel“, erzählt die 21-jährige. Sie ist die erste Studienpraktikantin überhaupt in der Blau- Kreuz-Stelle in Altena. „Bisher hatten wir nur mal Schülerpraktikanten oder welche, die das aus sozialen Gründen auferlegt bekommen haben“, erklärt Andreas von Ende. Der Kreissekretär freut sich über die Unterstützung: „Es ist schön, nicht alles alleine machen zu müssen. Und vor allem jemanden zum Reden zu haben.“

Die erste Zeit verbrachte Daniela Groß mit Zuschauen, denn Suchtberatung sei nichts für Laien. Oft sei Fingerspitzengefühl gefragt. „Man muss die Menschen akzeptieren wie sie sind. Wer hier her kommt, möchte nicht hören, was er falsch macht, sondern verstanden werden“, erklärt Groß. Direkt an ihrem zweiten Arbeitstag nahm vom Ende die Praktikantin mit in die Motivationsgruppe. Was der jungen Frau als erstes klar wurde war, dass Sucht keine Schichten kennt. So gäbe es viel mehr Suchtkranke als sie vorher gedacht hätte. Begeistert ist sie von den oft schnellen Erfolgen: „Ich find es faszinierend, was für ein Potenzial in den Klienten steckt, wenn sie dann nicht mehr trinken und ihre Leistung wieder abrufen können.“ Dennoch gäbe es einige Schicksale, die sie nicht sofort vergessen könne. Den Kopf abends wieder frei zu bekommen sei da oftmals nicht leicht.

Fasziniert ist Daniela Groß vor allem von der christlichen Arbeitsweise des Blauen Kreuzes, denn das sei gelebter Glaube. „Gott ist hier nicht außen vor, sondern wird in die Arbeit einbezogen. Allerdings wird der Glaube niemanden aufgezwungen, sondern eigentlich immer nur angeboten“, erklärt sie. Sie selbst ist Christin und arbeitet ehrenamtlich in der Kirche. Für sie ist klar: Das familiäre Gefühl, das in den Gruppen herrsche, habe seinen Ursprung in der christlichen Haltung der Mitarbeiter. Es sei faszinierend und erschreckend zugleich, dass es Suchtkranke gebe, die beim Blauen Kreuz mehr Familie erfahren, als sie es zu Hause je taten.

Dennoch sei Suchtarbeit ein schwieriges Berufsfeld. „Ich bin hier an meine persönlichen Grenzen gestoßen und habe gemerkt, dass ich persönliche Defizite habe, die ich zuerst aufarbeiten muss“, erzählt sie offen. Daher sei sie froh über dieses intensive Praktikum. „Die meisten Menschen studieren Soziale Arbeit, weil sie anderen helfen wollen und verlieren sich selbst dabei aus dem Fokus.“ Sie sei froh, dass ihr diese Erkenntnis bereits jetzt gekommen ist und nicht erst im Beruf. Ob sie später in der Suchtarbeit tätig sein will, weiß sie noch nicht. Aber eines ist sicher: „Diese intensive Erfahrung kann mir keiner mehr nehmen.“ ▪ lm

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