Mit Milchersatz und viel Humor

Piano-Kabarettist André Hartmann treibt seinem Publikum Tränen ins Gesicht

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André Hartmann zeigte  sein Können als fantastischer Imitator.

Altena – André Hartmann hat mit vielem gerechnet, denn er ist spitzenmäßig vorbereitet auf seinen Auftritt in Altena. Er betreibt herrliche Wortakrobatik mit Pott Jost und Altroggen, spielt mit Klinke-Draht und dem Buchholz. Doch als sich seine Zuhörer nach zweieinhalb Stunden ausgerechnet das Sauerland-Lied von dem begnadeten Pianisten und Komiker wünschen, da muss André Hartmann einfach mit seinem Publikum lachen.

Die Gäste haben längst Tränen in den Augen und bei André Hartmann schießen sie spontan ein, als er mit dem Smartphone am Ohr Reiner Hänschs Stimme lauscht und versucht, die Klänge der Hymne am Flügel synchron nachzuspielen. 

Es ist nicht die erste Stelle im Programm, an der André Hartmann diese unglaubliche Spontanität unter Beweis stellt, aber diese Szene birgt schon Grandioses. Dass er für jeden Unfug zu haben ist, macht der Künstler ab der ersten Sekunde seines Programms klar: „Wünschen Sie sich von mir, was Sie wollen!“, fordert er seine Gäste auf. 

Weil sich sein Programm „Veganissimo“ ganz besonders auf Food-Trends bezieht, dürfen es natürlich gerne Lieder mit Bezug zu Lebensmitteln sein. Und da erfährt der Zuschauer ganz erstaunliche Fakten der Musikgeschichte: Sämtliche Titel, in denen Backwaren vorkommen, stammen aus Ungarn! Unter anderem von ganz bedeutenden Komponisten wie Franz Liszt und zum Beweis mengt er dessen große Klaviersonaten am Flügel mal eben in den Teig von „Backe backe Kuchen“.

Der begnadete Pianist ging auf jeden Musikwunsch ein

Da mag man doch gerne Sahne oben drauf haben, doch wer glaubt, dass Udo Jürgens diesen Hit gemacht hat, der irrt gewaltig! Bach hatte den schon komponiert, später wurde er verwässert durch Rudi Carrell und Udo Lindenberg, bis schließlich der Herr Jürgens die formvollendete bekannte Variante auf die Bühne brachte. 

Dabei beweist André Hartmann, dass er ein Stimmen- und Akzentimitator von Gottes Gnaden ist und als solcher heutzutage größten Wert auf politische Korrektheit legen muss. Zur Schonung der Nerven von Veganern ist die Sahne nämlich ab sofort gestrichen, der Künstler setzt ein Milchersatzprodukt an die Stelle des fetten Rahms. 

Die Europahymne? Wird nicht mehr gespielt, es könnten sich andere Staaten ausgeschlossen fühlen. 

Händels Messias? Könnte religiöse Gefühle Andersgläubiger verletzen und die Tatsache, dass Händel ein Mann war, die Feministinnen auf den Plan rufen. Ein Werk von Clara Schumann geht auch nicht, da steckt wieder Mann drin. 

Und wenn André Hartmann vielleicht als Kompromiss nur ein halbes „Te Deum“ anspielen würde, könnten empfindliche Ohren auf ein „Halbes Hendl“ stoßen, was wiederum den Vegetariern im Publikum sauer aufstoßen könnte. Mal ganz abgesehen davon, dass in abgespeckten Versionen Speck drin steckt.

Seinem Publikum trieb der Künstler zeitweise Lachtränen in die Augen.

 Eieiei! Wie soll man da politisch korrekt bleiben? André Hartmann konferiert mit und als Ex-Kanzler Gerhard Schröder, mit dessen Parodie er einst bundesweite Berühmtheit erlangte. Er zitiert Angela Merkel auf die Bühne und wechselt dann zu großen Künstlern wie Jopi Heesters, Inge Meysel, Heino, Westernhagen und Grönemeyer, doch es gibt keine Antworten auf das Dilemma mit der politischen Korrektheit. Aber: Die Zuschauer lachen nicht nur, sie jubeln und applaudieren. Sowohl die Frauen, die Männer, die Diversen und auch die Frutarier. André Hartmann hat sie alle erreicht. Was für ein gelungener Abend!

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