Pflegedokumentation im Blickpunkt der SPD-Politik

ALTENA – Mit ihrem Besuch im Ellen-Scheuner-Haus löste die Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag (SPD) gestern ein Versprechen aus dem vergangenen Jahr ein: „Schon damals war mir klar, dass ich noch mehr verstehen und kennenlernen muss und möchte.“

Gemeinsam mit Michael Scheffler (SPD) informierte sich Freitag über die Zukunft der Altenpflege mit einem Schwerpunkt auf der Pflegedokumentation. „Ich habe viel dazugelernt. Manches hat mich allerdings schwer erschüttert“, brachte Freitag die Gespräche mit Einrichtungsleiterin Christa Kisser und ihren Kollegen Kornelia Tymoszuk und Martin Rolfes auf einen kurzen Nenner.

Seit der Reform der Pflegeversicherung im Jahre 2008 müssen Altenpflegeeinrichtungen wie das Ellen-Scheuner-Haus eine umfassende Pflegedokumentation für jeden einzelnen Patienten führen. „Wir möchten eines ganz deutlich sagen: Wir haben nichts gegen eine Dokumentation. Schließlich wollen wir zeigen, dass wir in unserem Bereich mit viel Kompetenz am Start sind und unsere Arbeit richtig gut machen. Aber unsinnige Fragen, die uns wertvolle Zeit stehlen und die Mitarbeiter ächzen lassen, die müssen doch nicht sein“, machte Christa Kisser ihrem Unmut Luft. Fragen nach der Wahl der Frühstücksmarmelade der Bewohner oder der genauen Marke des Duschgels seien ihrer Meinung nach nicht dokumentierungswürdig.

Mit dieser Kritik stieß die Einrichtungsleiterin des Ellen-Scheuner-Hauses bei den beiden SPD-Politikern auf offene Ohren. „Wir geben Christa Kisser vollkommen Recht. Das sind völlig sinnfreie Dokumentationspunkte. Die Zeit, die das Pflegepersonal für solche Dinge aufwendet, sollte besser in die Pflege der Bewohner fließen“, waren sich Freitag und Scheffler einig.

Kisser stellte fest, dass viele Fragen außerdem die Bewohnerrechte beschneiden. „Wir werden vom Pflege-Tüv, der unsere Dokumentationen auswertet, ja auch gefragt, warum manche Patienten nicht aufstehen wollen. Natürlich wissen wir, dass Motivation durch Pflegekräfte und die Mobilität der Bewohner ganz wichtige Dinge sind. Aber wenn ein Mensch nun mal nicht aufstehen möchte, dann ist das in dem Moment für uns der einzige maßgebliche Faktor. Da ist mir dann auch die Dokumentation oder der Pflege-Tüv egal.“

Den Aufwand, den die Mitarbeiter einer Pflegeeinrichtung in die Dokumentation betreiben müssen, konnte Christa Kisser mit Zahlen eindrucksvoll darstellen: „Wenn ich fünf Minuten mit einem Bewohner über seine Befindlichkeit, seine Probleme oder Wünsche spreche, dann muss ich für die Dokumentation dieses Gesprächs rund 20 Minuten ansetzen. Das steht doch in keinem gesunden Verhältnis.“

Dagmar Freitag MdB und Michael Scheffler dankten Kisser und ihrem Pflegeteam für die gute und bewohnerorientierte Arbeit und versprachen, ihren Wünschen und Problemen Gehör zu verschaffen. „Wir nehmen aus diesen Gesprächen jede Menge wichtige Informationen mit. Und sie bestärken uns darin, dass einiges verändert werden muss“, so Freitag.

Die SPD-Bundestagsfraktion wolle nach der Osterpause einen Antrag in den Bundestag einbringen, der eine Änderung der Dokumentation fordert. „Wir wollen nichts abschaffen. Wir wollen nur zeigen, dass der Gesetzgeber sich unter einer Pflegedokumentation etwas völlig anderes vorstellt“, erklärte Freitag ihren Ansatz. Auch die Politik wolle nicht, dass Einrichtungen mit sinnloser Bürokratie wertvolle Zeit verlieren. „Da ist in der Umsetzung, die aber nicht der Gesetzgeber verschuldet hat, einiges schiefgelaufen. Und genau da muss jetzt ganz gezielt und realitätsnah nachgebessert werden. Auch und vor allem im Interesse der Bewohner von Pflegeeinrichtung – denn schließlich ist uns ihr Wohlbefinden und ihre pflegliche Behandlung wichtig“, stellten Freitag und Scheffler gemeinsam deutlich heraus.

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