„Wir sind eine große Bildungsbewegung“

In Uwe Krauses Arbeitszimmer teilen sich Calvin und Luther ein Bücherregal. Für das veränderte Amtsverständnis, das die Reformation mit sich brachte, ist der Pfarrer sehr dankbar.  Foto: Hornemann

Altena -  Die evangelische Kirchengemeinde Dahle ist die letzte in Altena, die den Begriff reformiert noch im Namen trägt. Pfarrer Uwe Krause ist in Evingsen, aber auch in einer unierten Gemeinde tätig. Als Spagat zwischen den Reformatoren Luther und Calvin empfindet er sein Wirken aber nicht. „Innerprotestantisch gibt es dafür kaum noch ein Bewusstsein. In der Tiefe spielt es für beide Gemeinden keine Rolle. Früher, als die Katechismusverse noch von Konfirmanden auswendig gelernt werden mussten, da hat man genau gewusst, wer welcher evangelischen Gemeinde angehört hat.“

Herr Krause, beginnen wir am Anfang: Wie steht es eigentlich um Ihre persönliche religiöse Sozialisation?
Pfarrer Uwe Krause: Ich stamme aus einer unierten evangelischen Kirchengemeinde in Kamp-Lintfort, bin aber durch den Posaunenchor eines Nachbardorfs auch früh in eine evangelisch-reformierte Gemeinde gekommen, was mir auch gut gefallen hat. Nach dem Studium und dem Vikariat habe ich mich uniert ordinieren lassen. So kann ich als Pfarrer in lutherischen, reformierten und unierten Gemeinden arbeiten, was für mich kein Widerspruch ist.

In Altena ist es noch nicht allzulange her, dass durch Union eine große evangelische Kirchengemeinde entstanden ist. Das war nicht für jeden Gemeindeangehörigen leicht. Verstehen Sie das?
Krause: Ja natürlich. Reformierte Gemeinden sind ja nicht an der katholischen Messe orientiert, wie die lutherischen. Die Liturgien unterscheiden sich schon. Selbst die unierte Liturgie ist eine andere, als in einem reformierten Prädikantengottesdienst. Beide haben einen anderen Spannungsbogen. Durch Unierung bricht für zwei Gemeinden etwas Vertrautes weg, worin man zuhause war, da muss man behutsam mit umgehen. Aber diese Gemeindeform existiert und funktioniert bereits 200 Jahre. Auch dieses Jubiläum können wir feiern, das geht in dem ganzen großen Lutherthema ein bisschen unter.

Luther war ja auch nicht der einzige, der für die Reformation verantwortlich war.
Krause: Nein, und er gehört auch nicht auf einen Sockel gehoben, da muss man ganz selbstkritisch sein. Er hat sich letztlich ja sogar der gleichen Methoden bedient, wie seine schärfsten Kritiker, die ihn in die Isolation geschickt haben. Man muss die Sache von den Prioritäten her betrachten. Kirche wäre ohne ihn gänzlich weggebrochen, sie war zu einer zum Selbstzweck gewordenen Institution verkommen. Es war ein großes Glück, dass Luther ein Augustinerbruder war und Zugang zu einer Bibel hatte. Als diesen Bruder stellen wir ihn zum Reformationsjubiläum deshalb auch bewusst auf unserer Brotbanderole dar. In dieser Phase hat der den Glauben an die Gnade Gottes neu entdeckt.

Im Zuge ökumenischer Bestrebungen wird heute oft gestöhnt: Es müsse mühsam wieder angenähert werden, was gar nicht hätte getrennt werden sollen...
Krause: Den Protest hat es gebraucht. Die von Luther infrage gestellte Kirche lehrte ihre Anhänger, dass sich Gnade mit Geld erkaufen ließe. Durch sein Bibelstudium konnte er das widerlegen. Und die gedruckten 95 Thesen gegen den Ablass verbreiteten sich rasend schnell mit Hilfe des Buchdrucks. Luther erkannte, dass der Zuspruch Gottes schon immer da war. Damit hatte sich die mittelalterliche Rechtfertigungslehre überholt, das Amtsverständnis von Priestern war überhaupt nicht schriftgemäß zur damaligen Zeit. Protestanten - damals war es ja noch ein Schimpfwort - wurden zu einer an der Bibel ausgerichteten Bildungsbewegung, die basisdemokratisch das Leben gestaltete.

Und wenn Sie heute noch 500 Jahre weiterdenken?
Krause: Dann wird sich Kirche komplett in ihren Strukturen verändert haben. Landeskirchen könnten dann weggebrochen sein. Das ist aber auch der Veränderung weltlicher Rahmenbedingungen geschuldet. Migration, Partikularismus, Ressourcen, Diktaturen, Monarchien, Clans, Ökologie... Die Welt wird neue Lösungen suchen und es wird eine Rolle spielen, welche Kulturen sich miteinander solidarisieren. Der christliche Glaube hat einige Antworten zu geben. Aber es wird Christen brauchen, die sich zu ihrem Glauben bekennen und sich nicht am gesellschaftlichen Mainstream orientieren. Es bedarf Mut, sein Verständnis von Solidarität, Friedenspolitik und Ehe in christlicher Haltung auszudrücken. Ich werde das nicht mehr erleben, aber ich fürchte es nicht. Im Glauben gibt es schließlich immer neue Schätze zu heben und Vorbilder zu entdecken. Das macht mich gelassen!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare