Opfer zeigt Herz im Amtsgericht: Keine Strafe

Altena - 500 Euro vor Mitternacht, 935 Euro nach Mitternacht. Zwei Tage später hob eine 38-jährige Altenaerin nach gleichem Muster mit einer Kreditkarte nochmals 1 000 Euro vor und 1 000 Euro nach Mitternacht ab.

Das Problem: Sie belastete damit Ende April 2014 nicht ihr eigenes Konto, denn die Karte gehörte ihr gar nicht.

Betrunken, aber erinnerungsfähig

Im Amtsgericht Altena traf sie den rechtmäßigen Besitzer jetzt wieder: Der 59-Jährige schloss aus, dass er so betrunken gewesen sei, dass er nicht gemerkt habe, wie sie das von ihm angeblich bestellte Geld in seinen Brustbeutel gesteckt habe. Einen solchen Auftrag zur Beschaffung des Geldes habe es nicht gegeben, versicherte er. Auch den Ankauf einer neuen Küche und einer Waschmaschine habe er nicht erwogen: „Nö!“ Genau dafür habe sie ein weiteres Sparpapier des Zeugen auflösen wollen, behauptete die Angeklagte. Die Mitarbeiter der Sparkasse hatten ihr jedoch die Auszahlung des Geldes verweigert.

Die Angeklagte und der Zeuge hatten sich in persönlich schweren Zeiten kennengelernt und sich „gegenseitig ein bisschen Sorgen umeinander“ gemacht. Er war schlecht zu Fuß, sie half ihm bei Besorgungen, putzte ihm ein bisschen die Wohnung und hatte so Zugang zum Haushalt des 59-Jährigen.

Die entscheidende Frage war vor Gericht: Hatte der 59-Jährige die 38-Jährige mit der Abhebung des Geldes beauftragt, wie die Angeklagte behauptete: „Bei den Geldabhebungen wurde ich geschickt.“ Einiges sprach dafür, dass es nicht so war. Die Kreditkarte sei ihm kurz vor den Abhebungen gestohlen worden, berichtete der Zeuge – möglicherweise von einem Bekannten der Frau, den er auch benennen konnte. Die PIN-Nummer zu der Karte habe sich in einem Schränkchen in seiner Wohnung ganz in der Nähe zu der von ihm selten genutzten Kreditkarte befunden, erklärte der Zeuge. Ob er noch ein Interesse an der Strafverfolgung der Angeklagten habe, wollte Richter Dirk Reckschmidt auf der Zielgeraden der Verhandlung wissen.

„Nein“, antwortete der Zeuge und zeigte ein großes Herz: „Das ist eine ziemlich arme Frau, der es nicht so gut geht.“

„Das ist eine ziemlich arme Frau“

Der Richter stellte das Verfahren daraufhin vorläufig ein. Um wenigstens ein paar Euro für den Geschädigten zu retten, war mit der Einstellung jedoch eine Auflage verbunden: 600 Euro muss die Angeklagte, die von staatlichen Sozialleistungen lebt, in den kommenden sechs Monaten an den 59-Jährigen zahlen. Im Gegenzug wird das Verfahren wegen Betruges und Manipulation eines Datenverarbeitungsvorganges endgültig eingestellt.

von Thomas Krumm

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