Notdienst-Arzt meldet sich erst nach acht Stunden

Weite Wege müssen Notdienst-Ärzte zurück legen.

ALTENA - Vor gut einer Woche ist Erich W. gestorben. Für die Angehörigen kam das nicht überraschend: „Wir wussten, dass er das Wochenende nicht überleben würde“, berichtet seine Tochter. Sie nahm am Freitag mit ihren Kindern Abschied von Erich W., abends um 22 Uhr kam der Anruf der Mutter: „Der Vater ist jetzt gegangen“.

Was nun zu tun war, hatten sich Mutter und Tochter vom Hausarzt erklären lassen und informierten deshalb den ärztlichen Notdienst über die neue, zentrale Rufnummer. Ihre Mutter habe geschildert, dass ihr Mann verstorben sei und dass ein Arzt zum Ausfüllen des Totenscheins benötigt werde, schildert die Tochter. Offensichtlich zu kompliziert für die Frau am anderen Ende der Leitung: „Die erste Frage war, ob Lebensgefahr bestehe.“ Erst nach einigem Hin und Her sei der Sachverhalt dann geklärt worden.

Dann passierte schlicht und ergreifend nichts. Es kam kein Arzt, es gab keinen Totenschein, folglich konnte auch der Bestatter nicht geholt werden. Die Witwe verbrachte die Nacht mit der Leiche ihres Mannes in einer nicht allzu großen Wohnung. „Irgendwann konnte die nicht mehr“, schildert ihre Tochter.

Mutter konnte nicht mehr

Den ersten Kontakt zwischen dem Notdienstarzt und der Witwe gab es um 6.15 Uhr, also gut acht Stunden nach Erich Ws. Ableben. Die Tochter: „Der Arzt rief bei meiner Mutter an und schilderte ihr, er sei jetzt in Olpe und warte auf seinen Fahrer. Der komme aus Iserlohn und werde ihn dann zu zwei Patienten in Lüdenscheid bringen. Dann warte noch ein Fall in einem Dorf kurz vor Siegen auf ihn, anschließend sei Altena an der Reihe. Meiner Mutter war sofort klar, dass das noch Stunden dauern würde“.

In ihrer Not wandte sich die Familie schließlich ans nahe gelegene Krankenhaus – „die Ärzte da haben nur mit dem Kopf geschüttelt“, sagt die Tochter. Einer davon war innerhalb kürzester Zeit zur Stelle, um den Totenschein auszufüllen. Zwölf Stunden nach Eintritt des Todes konnte endlich der Bestatter kommen.

Die Odyssee war damit noch nicht beendet: Der Notdienst-Arzt sollte verständigt werden, dass er nun nicht mehr nach Altena kommen müsse. „Ich musste sechs oder sieben Mal die Notdienstnummer wählen, bis ich überhaupt durchgekommen bin“, schildert die Tochter und berichtet, dass sie minutenlang die Warteschleifenmusik gehört habe – „was, wenn es sich wirklich um einen Notfall handelt?“, fragt sie sich nach dieser Erfahrung. Den Mann, den sie schließlich ans Telefon bekam, empfand sie als nicht wirklich kompetent: „Der konnte erkennbar noch nicht einmal seinen Computer bedienen“.

Tragischer Fall

Der tragische Fall aus Altena bestätigt die landesweiten Klagen, die nach dem ersten Notdienstwochenende laut geworden sind. Es scheint vor allem ganz gravierende logistische Probleme zu geben, die darauf zurückgeführt werden, dass die Notdienst-Ärzte eben nicht nur für einen Kreis zuständig sind, sondern auch in Nachbarkreise geschickt werden können. Nach der Auswertung der schlechten Erfahrungen des vergangenen Wochenendes drängt sich der Eindruck auf, dass die Zentrale in Duisburg das getan hat, ohne sich über die damit verbundenen Entfernungen im Klaren zu sein. Den Ärzten wurden bis zu 100 Kilometer lange Anfahrten zugewiesen.

von Thomas Bender

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