Eine Stadt und ihr launisches Mädchen: Neue Führung befasst sich mit der Lenne

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Die Lenne prägt Altena und seine Menschen schon immer.

Altena – Die Lenne prägt die Stadt und ihre Menschen schon immer. Doch die Lenne macht das Leben nicht immer leicht. Eine neue Stadtführung beschäftigt sich  nun intensiv mit dem Fluss.

Launisch wie ein kleines Mädchen: So hat sich die Lenne gegenüber den Altenaern im Laufe der Jahrhunderte häufig präsentiert. Launisch deshalb, weil der wasserreiche Nebenfluss der Ruhr den Bürgern der Stadt sowohl Arbeit und Brot gegeben hat, sie durch Hochwasser aber auch oftmals stark traf. Mehr als mannshoch stand einige Male die Innenstadt unter Wasser, bis die Bigge-Talsperre Mitte der 1950er Jahre gebaut wurde. 

Lange Zeit war der Fluss darüber hinaus eine einzige stinkende Kloake. Vor der Gründung des Altenaer Industrie-Abwasserverbandes zu Beginn der 1960er Jahre leiteten nämlich viele Drahtziehereien ihre Abwässer ungeklärt in die Lenne. Auch die Bürger der Stadt benutzten den Wasserlauf damals oft zur Müllentsorgung. 

Stadtführerin Ursula Rinke (82) will jetzt der Altenaer Lebensader eine besondere Würdigung zukommen lassen. Bereits vor Jahresfrist hat sie eine spezielle Lenne-Führung fertiggestellt, die sie nun im Rahmen von ein- bis zweistündigen Touren anbieten will. 

Für Führung muss Brücke fertig sein 

Einzig ein Umstand verhindert, dass die ehemalige Kulturbeauftragte der Stadt diese zusätzliche Themenführung des Teams Stadtführung durch „ihr Altena“ noch nicht anbietet: „Wir werden am Markaner starten, einem Bereich, der seit Jahrhunderten Dreh- und Angelpunkt in Altena ist. Dort entsteht zurzeit die neue Fußgängerbrücke über die Lenne. Leider ist sie noch nicht fertig. Wenn das aber so weit ist, dann geht es mit der neuen Lenne-Führung sofort los.“ 

Keine Frage: Die Lenne gehört seit der Verleihung der Stadtrechte zu Altena, wie die Feste auf dem Klusenberg. Der Fluss teilt zwar die Stadt, aber dank der vielen Innenstadtbrücken ist das heute kein wirkliches Problem mehr. Die Industrialisierung der Stadt und Region wäre ohne das Gewässer ganz sicher nicht möglich gewesen. 

Nur ein Beispiel für viele: das als Wasserkraftwerk genutzte Gebäude in Wilhelmstal zwischen Altena und Werdohl. Es entstand 1916 und steht heute unter Denkmalschutz. Die Wehranlage des Laufwasserkraftwerks wurde 2011 saniert. Heute ist sie an das Unternehmen Mark E verpachtet. 

Lenne ist eindeutig weiblich 

Noch heute gibt die Lenne vielen Altenaern Arbeit, ist darüber hinaus zu einem weichen Standortfaktor für die Stadt geworden. Denn längst ist das Gewässer wieder so sauber, das die darin schwimmenden Bachforellen, Bachsaiblinge, Regenbogenforellen, Rotfedern, Rotaugen und Äschen wieder geangelt und mit Genuss verzehrt werden können. Die beiden Lenneterrassen werten einen Aufenthalt am Wasser zusätzlich auf. Die Lenne wird im Stadtgebiet von kleinen Wasserläufen aus der Rahmede, Nette und der Brachtenbecke gespeist. 

Während der Rheinstrom in Liedern und Gedichten als „Vater Rhein“ – und damit als Mann – besungen und beschrieben wird, ist die Lenne eindeutig weiblich, meint Ursula Rinke mit einem Augenzwinkern. Und die Lenne gebärdet sie sich dabei eben oftmals wie ein kleines, launisches Mädchen. 

Ursula Rinke mit einem historischen Foto der Stadt samt Lenne.

Rinke forschte in vielen Archiven, wälzte Aufsätze und Veröffentlichungen über den Fluss und leitet das Weibliche der Lenne unter anderem aus dem althochdeutschen Wort „Lenne“ für „das Mädchen“ beziehungsweise in den mehr als 16 Nationen vorhandenen Namen Lenne und Linne für mild, als weibliche Attribute, ab. 

Wesentlich bezieht sich Rinke bei diesen Überlegungen und Ableitungen auf den Altenaer Lehrer und Heimatforscher Erich Hennigs. Der gab Anfang des 20. Jahrhunderts das Büchlein „Lehna – die Lenne“ heraus. Wer es heute aufschlägt, trifft zwar auf eine Sprache, die nicht mehr ganz zeitgemäß erscheint, doch Hennigs Einlassungen über Alter und Eigenschaften der Lenne scheinen unantastbar. 

Stinkend, braun und tot

„Wie alt die Lenne ist? Sie sah sich schon erwachsen, als um sie herum im Sauerlande noch Höhlenbär und Höhlenlöwe als reißende Tiere umgingen“, schreibt der Lehrer. Obwohl er von Storch, Reier, Fischadler und Bibern berichtet, ließ er in seiner Begeisterung über den Fluss aus, dass zu seiner Zeit die Lenne durch die Beizabwässer der Drahtziehereien braun, stinkend und tot daherfloss. 

Und weil sie sowieso schon hässlich und widerlich war, wurde sie auch noch von den Bewohnern der Stadt als fließende Abfallanlage missbraucht, sagt Rinke. Erst nach 1967, als sich der Industrieabwasserverband Altena gründete, ging es langsam wieder bergauf mit der Wasserqualität. 

Die Bedeutung der Salatbrücke

Rinke wird bei ihrer ein- bis zweistündige Lenne-Führung „endlich die Möglichkeit haben, einen Lenne-Rundweg anzubieten. Die neue Brücke macht’s möglich“, freut sie sich. „Dann geht es eben nicht nur starr an einem Flussufer geradeaus.“ Stichwort Lenneübergänge: Die acht Hauptbrücken im Stadtgebiet, ihre Geschichte und Bedeutung für die Stadt nehmen breiten Raum bei der Führung ein. 

Von der Pott-Jost- über die Steinerne Brücke bis zum Lindscheid. Rinke schlägt gekonnt Verbindungen vom Fluss zum Leben am Ufer – einschließlich der Bahnlinie und Bebauung. Natürlich nimmt eine Betrachtung und Begehung der Steinernen Brücke, wahrscheinlich um 1570 erbaut und 1687 erstmals urkundlich erwähnt, breiten Raum ein. 

Über diese Amtsbrücke und den ältesten nachgewiesenen Brückenschlag der Stadt gibt es viel zu erzählen, war sie doch einst der einzige gesicherte Lenne-Übergang weit und breit. Schmunzeln werden Rinkes Zuhörer sicherlich über ihre Ausführungen zur Salatbrücke. Bis 1891 trug die Mittlere Brücke diesen Namen im Volksmund. Der Steg war ursprünglich aus Holz und führte dicht über der Wasseroberfläche über den Fluss. 

Mit Booten durch die Stadt - keine Seltenheit bei Hochwasser.

Die Brücke wurde bei Hochwasser oder Eisgang häufig weggeschwemmt, was zum Beispiel für das Jahr 1776 belegt ist. Oft dauerte es viele Jahre, bis sie wieder aufgebaut war. Der Kosename Salatbrücke leitete sich von den Gärten der Altenaer auf der anderen Lenneseite ab. Dort, wo heute die Bahn fährt. 

Die Bürger konnten ihre Bohnen, Gurken, Kartoffeln und Karotten nur über diese Brücke erreichen. Als der Sohn von Ursula Rinke noch ein kleiner Junge war, begleitete er sie häufiger bei Spaziergängen entlang des Flusses. 

Alte Namen, Häuser und Institutionen im Blick

Damals wuchs bereits der Gedanke, sich einmal intensiv mit der Bebauung links und rechts der Lenne zu befassen. Das tut Rinke jetzt auch im Rahmen der Lenne-Führung und stellt die sehenswerten Bauten der Commerzbank, Ossenberg-Engels, die alte Apotheke und den ehemaligen Kaufhaus-Böhrer-Komplex mit seiner Geschichte vor. 

So kommt auch fast Vergessenes wieder ans Tageslicht: Im niedrigsten Haus des Böhrer-Komplexes war jahrhundertelang das Rathaus und Gericht angesiedelt. Wer den Blick am Haus mit den Nummern 74 bis 78 hebt und hinauf sieht, kann noch den Erker erkennen, hinter dem sich einst der Kohlbönn, die Altenaer Arrestzelle, verbarg. Sie war durch Gitter vor dem Fenster und mehrere Riegel und Schlösser vor der bis heute erhaltenen mächtigen Eichenholztür gesichert. 

Dort, wo heute Gäste gut in der City speisen können, im Restaurant Kuzina-Mediterrane an der Lennestraße 43 nämlich, befand sich früher das Weinhaus Nüter. „Die Altenaer nannten es umgangssprachlich ,Zum roten Teppich’“, erläutert die 82-jährige Ulla Rinke und kann noch viele weitere Details zu Häusern und Gebäuden sowie Namen und Personen erzählen, die nahe der Lenne gewohnt und gearbeitet haben. 

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