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Nettenscheid-Komplex: Auf einmal ist das Wasser weg

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Von: Jona Wiechowski

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Galt die Anlage an der Blackburner Straße Anfang der 1970er-Jahre noch als modern, ist sie zunehmend verfallen.
Galt die Anlage an der Blackburner Straße Anfang der 1970er-Jahre noch als modern, ist sie zunehmend verfallen. © Wiechowski, Jona

Fast alle Wohnungen im oberen Nettenscheid-Komplex stehen leer – und das seit Jahren. Ruhe kehrt dort aber trotzdem nicht ein. Ende Oktober brachte die WDR-Lokalzeit den Wohnkomplex in die Schlagzeilen: Zwei Bewohner berichteten davon, dass ihr Wasser abgestellt worden sei.

Altena – Fast alle Wohnungen im oberen Nettenscheid-Komplex stehen leer – und das seit Jahren. Ruhe kehrt dort aber trotzdem nicht ein. Ende Oktober brachte die WDR-Lokalzeit den Wohnkomplex in die Schlagzeilen: Zwei Bewohner berichteten davon, dass ihr Wasser abgestellt worden sei.

„Das [Wasser] wurde abgestellt von einem, der hier mehrere Wohnungen gekauft und die Wasserleitung im Keller getrennt hat – ohne uns zu benachrichtigen“, erzählt Bewohner Waldemar Godulla, der seit 50 Jahren dort wohnt, in dem Beitrag.

Am 29. September sei Schluss gewesen mit der Wasserversorgung. Kochen, Waschen, Duschen – all das ging folglich nicht mehr. Betroffen von dem Ganzen ist auch Nachbar Heinrich Felix, der seit 30 Jahren dort wohnt; auch ihm gehört die Wohnung; auch für ihn komme Ausziehen nicht infrage.

Das WDR-Kamerateam begleitet sie nach unten in den Keller, wo sie die Wasserleitungen zeigen: Neue seien installiert worden. Diese seien auch für das Nachbargebäude. „Die alten Wasserleitungen [...] enden in einem abgeschlossenen Kellerraum. Hier gibt es kein Licht – und ein Stück fehlt“, heißt es im Beitrag.

Nachfrage bei der Hausverwaltung Immoeuro24. Hausverwalter Ercan Topal, dem nach eigener Aussage inzwischen 107 der 121 Wohnungen der Anlage gehörten, betont im Gespräch mit der Redaktion mehrfach, das Wasser nicht abgedreht zu haben, sondern die Leitung lediglich in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt zu haben. Und das sei auch rechtlich so in Ordnung – ein entsprechender Gerichtsbeschluss des Amtsgerichts Altena liege vor.

Mehrere Schilder weisen am Nettenscheid-Komplex auf die Hausverwaltung Immoeuro24 GmbH WEG und Mietverwaltung hin. Mehrfach wird auf anderen Schildern zudem auf Videoüberwachung hingewiesen.
Mehrere Schilder weisen am Nettenscheid-Komplex auf die Hausverwaltung Immoeuro24 GmbH WEG und Mietverwaltung hin. Mehrfach wird auf anderen Schildern zudem auf Videoüberwachung hingewiesen. © Wiechowski, Jona

Dem sei zwar nicht so, wie Marcus Teich, Vorsitzender Richter und stellvertretender Pressesprecher am Landgericht Hagen, auf Nachfrage der Redaktion erklärt. Zu beanstanden sei der Rückbau allerdings nicht.

Teich erklärt zu den Hintergründen, dass die Gebäude in den 70er-Jahren mit nur einem Wasseranschluss gebaut wurden; der Zähler habe sich im Gebäude mit der Hausnummer 28 befunden. Der sei im Laufe der Zeit eigenmächtig ausgebaut und in das Haus Nummer 30 wieder eingebaut worden, was dann irgendwann den Stadtwerken aufgefallen sei.

Also sollte der Zähler zurückgebaut werden, was dann vor kurzem auch passiert sei. Teich: „Wer das war, weiß man nicht.“ Zu beanstanden sei das aber nicht. Dieser Umstand sorge allerdings dafür, dass am Haus Nummer 30 eine Versorgungslücke entstanden sei – und die Bewohner dort keine Wasserversorgung hätten.

Bei der Stadt Altena ist der Sachverhalt bekannt – eine Handhabe habe die Stadtverwaltung allerdings nicht. In dem WDR-Beitrag wird Bürgermeister Uwe Kober zitiert. „Stand der Dinge ist, dass unsere Stadtwerke die Wasserversorgung bis ins Gebäude zur Wasseruhr sichergestellt haben, es aber anscheinend wohl unter den Eigentümern in den Gebäuden Unstimmigkeiten gibt, sodass im Moment zwei oder drei Parteien ohne Wasserversorgung stehen, aber wir leider als Stadt auch nicht wirklich weiterhelfen können, da es sich da um private, zivilrechtliche Dinge handelt“, sagte er vor der Kamera.

Rückblick: Nicht der erste Zwischenfall am Nettenscheid

Seit 50 Jahren gibt es die Hochhäuser auf dem Nettenscheid. Im Jahr 2011 gab der seit diesem Jahr im Ruhestand befindliche Stadtplaner Roland Balkenhol dem Rat einen Überblick über die komplizierte Situation am Nettenscheid, die auch die Stadtverwaltung Altena schon mehrfach beschäftigt hatte: Damals gab es dort insgesamt 120 Wohnungen, die 83 verschiedenen Inhabern gehörten. Etwa 75 Prozent der Besitzer seien insolvent, hatte Balkenhol seinerzeit geschätzt. „Das Elend begann in den 1990er-Jahren, als die Investoren Heinrich Rösch und Heribert Jackels den Hochhauskomplex kauften. Sie hatten große Pläne: Aufwertung, Aufteilung in Eigentumswohnungen, Verkauf mit Vermietungsgarantie“, schrieb das AK im Dezember 2011. „Dutzende von Käufern, fast alle weit entfernt von Altena lebend, schlugen zu – und erlebten ein finanzielles Fiasko, als Strom- und Gasrechnungen nicht mehr bezahlt wurden und die Mieter daraufhin in Scharen die Wohnungen verließen. Gegen Rösch und Jackels ermittelte später der Staatsanwalt – ohne Erfolg, die Geschäftsmänner wurden in zwei Instanzen freigesprochen. Eine Betrugsabsicht könne ihnen nicht nachgewiesen werden, meinten die Richter“, berichtete das AK Ende 2020.

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