„Massenanfall von Verletzten“

Nach dem Lidl-Zwischenfall: Muss so viel Einsatz sein?

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Nicht nur am Lidl standen etliche Einsatzfahrzeuge: In Elverlingsen wurde sogar ein Bereitstellungsraum eingerichtet.

Altena - Immens erschien manch einem der Aufwand, der am Montagabend nach dem Vorfall im Lidl betrieben wurde. Dort hatte ein ertappter Ladendieb Reizgas versprüht, was zu einem Großeinsatz von Rettungsdienst und Feuerwehr führte.

Auf Fragen dazu antwortet Kreispressesprecher Hendrik Klein:

100 Einsatzkräfte für elf Leichtverletzte - man könnte den Einsatz von Rettungsdienst und Feuerwehr am Montagabend am Lidl auch für etwas übertrieben halten. Wie kam es dazu, dass so viele Helfer alarmiert wurden?

Hendrik Klein: Einsätze mit einer größeren Zahl an Verletzten (Massenanfall von Verletzten - MANV) werden im Märkischen Kreis nach einem NRW-weit angewandten Stufenkonzept abgearbeitet. Jede dieser Stufen zieht im MANV-Konzept MK vorgegebene Einsatzmittelketten, Funktionsalarmierungen und administrative Maßnahmen nach sich. Aus den ersten Anrufen lassen sich bei einer erhöhten Anzahl an Verletzten keine detaillierten Verletzungsmuster hinsichtlich Schwer- oder Leichtverletzter abfragen. 

Ebenso ist die genaue Anzahl der Patienten beim Eröffnungszeitpunkt des Einsatzes zumeist nicht ermittelbar. Beim vorliegenden Einsatz musste nach der ersten Meldung durch die Polizei von 15 Verletzten ausgegangen werden, sodass der Einsatz mit dem Stichwort MANV 25 eröffnet wurde, was dann die Alarmierung der nach Konzept für die betroffene Ortslage vorgesehen Einheiten nach sich zieht. Somit wurden auch Transportkapazitäten für bis zu 25 Verletzten entsandt. Neben dem rettungsdienstlichen Einsatz ergab sich durch das eingebrachte Reizgas auch eine Einsatzlage für die Feuerwehr, welche unter Atemschutz Erkundungs- und Lüftungsmaßnahmen innerhalb des Ladengeschäfts durchführen musste. Daraus ergab sich die hohe Anzahl der Einsatzkräfte.

Hier gibt es alle Infos zum Einsatz

Die Polizei war mit einem Großaufgebot zur Stelle.

Wer trifft solche Entscheidungen? Was passiert in der Kreisleitstelle, wenn ein Notruf ahnen lässt, dass es sich um einen etwas größeren Einsatz handelt?

Klein: Das Einsatzstichwort wählt der Disponent, der den Einsatz annimmt, auf Basis der durch den Anrufer übermittelten Informationen. Bei größeren Einsatzlagen zieht er direkt den diensthabenden Lagedienstführer hinzu. Aus den Stichworten gehen dann Einsatzmittelketten, Alarmierungen und gegebenenfalls weitere Maßnahmen hervor und die Einsätze werden nach den vorgeplanten Schemata abgearbeitet.

Ab einer gewissen Größe des Einsatzes werden beispielsweise zusätzliche Disponenten alarmiert, um die Besatzung der Leitstelle zu verstärken, oder der Alarmierungskopf des Krisenstabes bzw. je nach Größe der Krisenstab selbst werden zusammengezogen, um organisatorische Entscheidungen zu treffen. Vor Ort trifft die Einsatzleitung die notwendigen Entscheidungen über etwaige zusätzliche Alarmierungen. Da ein Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten ein Katastrophenschutz-Konzept des Märkischen Kreises ist, waren an diesem Einsatz auch die ärztliche Leitung Rettungsdienst und der Kreisbrandmeister vor Ort beteiligt.

Der Lidl-Markt an der Werdohler Straße in Altena.

Frage: Rettungswagen und Notärzte aus allen Nachbarstädten wurden in Altena zusammengezogen. Wie wird dann gewährleistet, dass medizinische Notfälle in Werdohl, Hemer oder anderswo noch gut und schnell versorgt werden können?

Klein: Grundsätzlich sieht das MANV-Konzept je nach Größe eine gewisse Anzahl von aus dem Regelrettungsdienst hinzu zu ziehenden Rettungsmitteln vor. Hier entscheidet der Lagedienstführer nach Gesamteinsatzlage im Märkischen Kreis, welche Einsatzmittel genau entsandt werden. Dieses wird unter der Prämisse der Aufrechterhaltung der Grundversorgung im gesamten MK durchgeführt. So sollte beispielsweise vermieden werden, beide Werdohler Rettungswagen zu einem Einsatz nach Altena zu schicken, wenn gleichzeitig keine Rettungsmittel in Plettenberg und Lüdenscheid mehr verfügbar sind, die gegebenenfalls in Werdohl aushelfen könnten.

 Mögliche Kompensationsmaßnahmen sind ferner das Alarmieren von Hilfsorganisationen, die normalerweise nicht im Regel-RD eingesetzt werden, zur Besetzung von Rettungswagen oder das kurzzeitige Verlegen von Rettungswagen aus Nachbarkommunen auf Stadtgrenzen, um durch ein Rettungsmittel die Grundversorgung in mehreren Kommunen zu sichern. 

Im Normalfall bedient sich der Lagedienstführer einer Mischung aus diesen möglichen Ersatzmaßnahmen. Für größere Einsatzlagen sind in NRW festgelegt Konzepte vorgeplant. So werden zum Beispiel für den Transport von Patienten aus Schadensgebieten sogenannte Patiententransportzüge alarmiert, welche 10 Patienten transportieren und anderen Kliniken im Umland zuführen können. Auch so wird eine Entlastung des Regelrettungsdienstes erreicht, damit dieser für akute Notfälle weiterhin zur Verfügung steht. Für diese Konzepte bedient man sich ebenfalls Hilfsorganisationen wie DRK und Johanniter.

Diese Folgen hatte der Zwischenfall für den Lidl-Markt

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