Krankenhaus: Jetzt reden die Mitarbeiter

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Abschied nehmen, erster Teil: Einige Dutzend Krankenhausmitarbeiter trafen sich am Samstag zu einem Essen im Restaurant Dalmatia. Eine offizielle Trauerfeier wird wahrscheinlich noch folgen.

Altena - „Das Beste, was ich hatte, ist weg“ - das sagen ganz viele der (meist weiblichen) Mitarbeiter des Krankenhauses, die sich am Samstagabend im Restaurant Dalmatia trafen. Auch, um endlich mal ihren Frust öffentlich zu machen.

Jahrelang haben sie geschwiegen und runtergeschluckt, immer in der Hoffnung, dass es irgendwann auch wieder besser werden würde. Mit dem Ergebnis, dass sie jetzt vor einem Scherbenhaufen stehen.

Noch am 20. Dezember habe der Insolvenzverwalter auf einer Klinikkonferenz versichert, dass es auf jeden Fall weitergehe, empört sich Claudia Sommer. „Das war völlig unfair“, es habe auch ihrer Glaubwürdigkeit geschadet. Immerhin habe sie mit dieser Nachricht auch versucht, verunsicherte Patienten zu beruhigen.

Mitorganisatorin des Treffens war Claudia Krabbe, die nicht gut auf den Insolvenzverwalter Thomas Thiele zu sprechen ist. Statt Konkursausfallgeld habe es auch von dem nur Abschlagszahlungen gegeben, klagt sie und steht damit nicht allein. Fast 1000 Euro habe ihr auf einer der letzten Abrechnungen gefehlt, klagt eine Mitarbeiterin. Gehaltsverzicht in der Zeit, wo die Deutsche Klinik-Union das Haus führte, fehlerhafte Abrechnungen und „Abschlagszahlungen“ durch die Lenne-Kliniken, auch vom Insolvenzverwalter keine vollen Bezüge - das alles summiere sich bei ihr längst auf einen fünfstelligen Betrag, rechnet eine Krankenschwester vor.

„Das war ja unsere Familie“

Warum haben sie es so lange ausgehalten? Pflegepersonal wird gesucht, das wissen auch die St. Vinzenz-Mitarbeiter. „Aber das war ja unsere Familie da“ - immer wieder fallen Sätze wie dieser. Immer wieder wird die angenehme Atmosphäre im Kollegenkreis gerühmt, auch das familiäre Verhältnis zu den Patienten kommt mehrfach zur Sprache. „Und genau das ist dann ausgenutzt worden“, sagte Claudia Krabbe.

Im Moment haben die Mitarbeiter (das sind sie noch, Kündigungen wurden noch nicht ausgesprochen) einen Haufen Probleme. Völlig unklar ist zum Beispiel, wie sie an die Unterlagen kommen sollen, die sie fürs Arbeitsamt brauchen. Arbeitszeugnis? „Die sollen wir uns selber schreiben“, berichtet Elke Meyer-Schnabel, die seit fast 35 Jahren dabei ist. „Wer von denen, die jetzt noch da sind, sollte mir denn auch ein Zeugnis schreiben?“ Es sei sicher nicht einfach, nach einer so langen Tätigkeit im St. Vinzenz „an anderer Stelle wieder bei Null anzufangen“, gibt Claudia Sommer zu bedenken.

Auch die ständigen Veränderungen in der Verwaltung sind Thema am Samstagabend im Dalmatia: Wenigstens eine Handvoll neuer Verwaltungsmitarbeiterinnen sei in den wenigen Monaten, in denen Michael Kaufmann im Haus das Sagen hatte, eingestellt worden „wofür, das wusste keiner“. Dass es auf der Leitungsebene nicht rund lief, das sei schnell klar gewesen, schildern die Mitarbeiter und beschreiben das Umfeld des Ex-Geschäftsführers als chaotisch und undurchschaubar: „Eigentlich sollten wir diese unsäglichen Rundschreiben, die der losgelassen hat, alle mal veröffentlichen“.

Mitarbeiter ergriffen jeden Strohhalm

Dass vor gut einem Jahr die Mehrheit der Mitarbeiter eher in Kaufmann denn Retter gesehen hat denn in Dr. Dirk Ernst, dem damaligen Chefarzt der Chirurgie, der ebenfalls an der Übernahme des Hauses interessiert war, das ist den Mitarbeitern inzwischen ein bisschen unangenehm. Die von Kaufmann angekündigte Kooperation mit Plettenberg sei schon ein wichtiges Argument gewesen, sagt Claudia Krabbe. Außerdem habe Ernst einen weiteren Gehaltsverzicht für erforderlich gehalten. Kaufmanns Kooperation mit Plettenberg habe jedoch letztlich nie richtig stattgefunden, wirft Dr. Helmut Mahr ein - der ehemalige Oberarzt ist hoch geschätzter Gast in der Runde.

Erkennbar ist, dass die Mitarbeiter jeden Strohhalm ergriffen haben. Wäre nicht die von Kaufmann angekündigte Schließung der Chirurgie ein letztes Warnsignal gewesen, hätte man sich nicht da nach einem neuen Job umschauen müssen? Etwa zeitgleich kam mit Bernd Myschor ein neuer Chefarzt in die Innere - ein weiterer Hoffnungsschimmer, an den die Mitarbeiter zu dem Zeitpunkt einfach glauben wollten.

Kündigung kommt nicht in Frage

Jetzt zu kündigen, das kommt für die Beschäftigten übrigens gar nicht in Frage - dann würden sie womöglich auf Ansprüche aus dem noch auszuhandelnden Sozialplan verzichten. Um den müssen sich Christel Piessens und die anderen Mitglieder des Betriebsrats wohl mehr oder weniger allein kümmern. „Immer wenn wir die Hilfe der Gewerkschaft brauchten, waren unsere Ansprechpartner krank oder im Urlaub“, ärgert sie sich über die Verdi-Geschäftsstelle in Hagen. Allerdings müssen die Mitarbeiter auch zugeben, dass der Organisationsgrad eher mäßig ist, also nur wenige von ihnen Mitglied der Dienstleistungsgewerkschaft sind.

Natürlich haben die Beschäftigten des Krankenhauses sehr genau die Diskussionen der vergangenen Tage verfolgt. „Mir fehlt dabei aber, dass sich die Altenaer um uns, also um das Personal, Gedanken machen“, sagt Birgit Sahnow. „Zumindest wir Älteren finden sicher nicht so schnell eine neue Stelle.

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