Millionen-Schäden bei 100-jährigem Hochwasser

So war das früher: Vor dem Bau der Biggetalsperre wurde die Innenstadt regelmäßig überflutet.

ALTENA - Die Städte müssten sich besser gegen klimatisch bedingte Wetterkapriolen wappnen. Das fordert der deutsche Städtetag und rennt damit bei Stadt und Kreis offene Türen ein.

Sie bereiten sich gerade auf eine Stabsübung vor, bei der es um ein sehr hohes Lennehochwasser geht. „HQ 100“ heißt ein solches hunderjähriges Hochwasser im Fachjargon, der Pegel Altena wird dann auf mindestens 4,60 Meter steigen. Schäden im siebenstelligen Bereich dürften die Folge sein.

„Irgendwann hilft nichts mehr“, weiß Klaus Peter Trappe, der Leiter des Ordnungsamtes. Auf normale Hochwasser ist die Stadt bekanntlich gut vorbereitet. Im „Hochwasseraktionsplan Lenne“, der im Jahr 2001 veröffentlicht wurde, wird der Schutz für die Altenaer Innenstadt immer wieder als vorbildlich bezeichnet. Der habe aber Grenzen, warnt Trappe: Irgendwann laufe das Wasser über die Schutzplanken, dringe auch aus Richtung Markaner in die Innenstadt ein – „und dann geht das sehr schnell“.

Dass dann Gebäude Schaden nehmen, lässt sich nicht verhindern – hier Vorsorge zu treffen, ist Sache der Eigentümer. Die Rettungskräfte haben dann andere Probleme. So muss in einem solchen Fall zum Beispiel die Stromversorgung unterbrochen werden – man müsse aber vorher genau wissen, wer zwingend auf Strom angewiesen sei, weil er zum Beispiel ein Beatmungsgerät benötige, benennt Trappe nur eins von vielen möglichen Problemen und weist darauf hin, dass von einer solchen Unterbrechung auch das Ellen-Scheuner-Haus mit 100 zum Teil schwer pflegebedürftigen Bewohnern betroffen sein könnte.

Dass das alles keine Fiktion ist, zeigt ein Blick zurück ins Jahr 1998. Am 29. Oktober stieg die Lenne damals wegen starker Regenfälle in nur 24 Stunden um drei Meter. Im Rathaus tagte ein Krisenstab, das THW verteilte in der Innenstadt Sandsäcke. Erste Prognosen gingen davon aus, dass die 4,50 Meter-Marke erreicht oder sogar überschritten werden könnte. Am Bungern drängten sich die Schaulustigen, ein Übertragungswagen des WDR sendete live Hochwasserbilder aus Altena.

Minutiös hat der Ruhrverband die damaligen Ereignisse dokumentiert. Er sitzt bei Hochwassern im Lennetal automatisch mit im Boot, weil ihm die Biggetalsperre gehört. Bis zu 32 Millionen Kubikmeter „Hochwasserschutzraum“ müsssen dort je nach Jahreszeit verfügbar sein, um Überschwemmungsfolgen im Lennetal abzumildern. Das geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Hochwasserwarndienst der Bezirksregierung, der ziemlich genau weiß, was bei bei sehr hohen Wasserständen wo passiert. Im Oktober 1998 entschloss man sich, an der Bigge alle Schleusen zu schließen und verhinderte so, dass das Altenaer Innenstadt volllief. Der Pegel stieg damals auf etwa 4,10 Meter. Ein „Mittleres Hochwasser“ liegt bereits bei einem Pegelstand von 3,05 Metern vor.

Die Bigge ist quasi die einzige Vorkehrung gegen die Hochwasser der Lenne. Im 130-seitigen Hochwasseraktionsplan wird beschrieben, dass viel mehr auch nicht möglich ist. „Retentionsflächen“, also Gebiete, die bei Hochwasser gezielt überflutet werden können, lassen sich wegen der Enge des Tals zum Beispiel so gut wie gar nicht schaffen.

Der Aktionsplan beschäftigt sich auch mit den finanziellen Folgen von Hochwassern. Überraschende Erkenntnis: Das „HQ 100“ würde andere Städte viel stärker treffen als Altena. Auf 1,2 Mio. Euro schätzen die Fachleute die in Altena zu erwartenden Schäden, in Nachrodt werden es 1,5 Mio. Euro sein und in Werdohl sogar 2,6 Mio. Euro. Das liegt in erster Linie daran, dass in den Nachbarstädten mit Überflutungen von Gewerbegebieten wie zum Beispiel Dresel zu rechnen ist. In Altena hingegen würde selbst ThyssenKrupp VDM ein Jahrhunderthochwasser schadlos überstehen – dafür sorgen bauliche Maßnahmen wie zum Beispiel eine Schutzmauer. Vier mal im Jahr tagt im Konzern ein Arbeitskreis, der sich mit Fragen des Brandschutzes und der Abwehr von Naturgefahren beschäftigt. Hochwasser sei dort immer wieder Thema, sagt Konzernsprecher Philipp Verbnik und verweist darauf, dass die Versicherung großen Wert auf solche Vorsorgemaßnahmen legt.

Rund neun Millionen Euro Schaden würde das Jahrhunderthochwasser nach den Berechnungen im Hochwasseraktionsplan zwischen Finnentrop und Hagen insgesamt anrichten – dank der Bigge. Gäbe es die nicht, läge der Schaden bei rund 61 Mio. Euro.

von Thomas Bender

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