Die Stallknechte der neuesten Generation

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Peter Wilhelm Geßler (r.) und sein Sohn Carsten sind zufrieden mit dem Fütterungsroboter – ebenso die 144 Milchkühe, die seit drei Wochen von dem vollautomatischen Stallknecht versorgt werden

ALTENA - Füttern, Melken, Reinigen: Alltag in jedem Kuhstall. Im Milchviehbetrieb der Familie Geßler in Kleinendrescheid werden diese Arbeiten nicht mehr allein von Hand durchgeführt. Ein feuerroter Futterroboter und vier vollautomatische Melkroboter erledigen die Routine-Arbeiten.

144 Milchkühe strecken derzeit ihre Köpfe durch das Fressgitter auf den Futtertisch. Sie kauen den ganzen Tag einvernehmlich in fast himmlischer Ruhe. „Die Kühe werden jetzt nicht mehr zweimal täglich, morgens und abends, gefüttert, sondern sechs- bis achtmal am Tag“, erklärt Carsten Geßler.

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Milchviehbetrieb der Familie Geßler in Kleinendrescheid

So bekommen die Tiere mehrfach kleine Portionen, was ihrer Wiederkäuer-Natur entgegenkommt. Die Tiere können sich ihren Tag frei einteilen und es kommt nicht zu Rangeleien innerhalb der Herde.

Der Futterroboter deckt den Tisch

Der Futterroboter, auf neuestem Stand der Technik und völlig selbstständig, macht es möglich. Permanent schiebt er den Tieren das Futter zurecht, sodass sie problemlos herankommen, misst die durchschnittliche Höhe des Futterstands und legt nach, wenn der niedriger als 5 Zentimeter ist. Grassilage, Maissilage, Stroh sowie Kraft- und Mineralfutter mischt er in seiner Trommel und „weiß“ immer ganz genau, welche Tiergruppe welche Futterbedürfnisse hat, also zu welchem Stallabschnitt er welches Gemisch ausliefern muss.

Auftanken an der Akkuladestadion

Wenn der Stallknecht der neuen Generation gerade nicht durch die Gänge schiebt, muss er aufladen – sowohl Energie als auch neues Futter. Während eine elektrische Baggerschaufel, die an einer Schiene unter der Decke entlangfährt, die Futterbestandteile von den Ballen löst, sie zum Roboter fährt und über dessen Öffnung fallenlässt, lädt der Roboter selbst an seiner Akkuladestation auf. Stimmt die Zusammensetzung des Futters, mischt der Roboter es gründlich durch, bevor er sich von seiner Ladestation löst und sich ganz leise summend wieder auf den Weg macht, um die Kühe zu versorgen.

Der neue Stall hat insgesamt 2,5 Millionen Euro geskostet

Peter Wilhelm Geßler (r.) und sein Sohn Carsten sind zufrieden mit dem Fütterungsroboter – ebenso die 144 Milchkühe, die seit drei Wochen von dem vollautomatischen Stallknecht versorgt werden

Rund 150000 Euro hat das Fütterungsgerät, das es in gleicher Form deutschlandweit bisher nur auf einem weiteren Milchviehbetrieb gibt, gekostet. Ein vergleichsweise kleiner Teil der Gesamtinvestition, die die Famile Geßler getätigt hat. Der neue Stall – 3300 Quadratmeter groß, kameraüberwacht sowie licht- und luftdurchflutet – hat insgesamt 2,5 Millionen Euro gekostet. Der Bau auf einer Fläche, die vorher Acker war, hat ein knappes Jahr gedauert.

Seit drei Wochen stehen die Kühe nun in ihrem neuen Zuhause. „Da haben sie sich schnell dran gewöhnt. Die haben auch keine Angst vor den Geräten“, erzählt Carsten Geßler. Dürfen sie auch nicht haben, denn zwischen den Kühen fährt – ebenfalls automatisch – ein Reinigungsroboter hin und her. „Der schiebt den Kot durch die Ritzen im Boden. Darunter befindet sich ein zwei Meter tiefer Güllekeller“, beschreibt der Landwirt die Architektur des Neubaus, die für Hygiene sorgen soll.

Die Kühe gegen selbstständig zum Melken

Die technischen Helfer gehören jetzt zum Alltag, auch beim Melken. Die Kühe gehen selbstständig zum Melk-roboter, weil sie dort schmackhaftes Futter bekommen. „Auch das Melken wird jetzt vollautomatisch erledigt und vor allem drei-, viermal täglich“, erzählt Peter Wilhelm Geßler. Der Vorteil ist, dass die Euter öfter geleert werden. Die Kuh hört dann nicht auf, Milch zu produzieren, sobald ihr Euter voll ist, sondern geht zum Melkroboter.

Datenerfassung dank Sensortechnik

Durch ein Halsband mit Sensortechnik erkennt der Computer, um welche Kuh es sich handelt und ob sie tatsächlich schon bereit ist, wieder gemolken zu werden. Die Melkmaschine wird ebenfalls per Sensortechnik gesteuert und findet die Zitzen von allein. Allerlei Daten der Kuh werden auf den Computer im Büro und den Tablet-PC übertragen: Wie viel wiegt die Kuh? Wie viel Futter hat sie gefressen? Wie viele Liter Milch hat sie abgegeben? Wie oft ist sie am Tag schon gemolken worden? Alle Angaben werden gespeichert. Die Entwicklung der Milchleistung jeder einzelnen Kuh wird so nachverfolgbar. In nächster Zeit erwarten Peter Wilhelm und Carsten Geßler fünf bis zehn Prozent mehr Milchleistung.

240 Kühe finden im neuen Stall Platz

Auch das Melken übernimmt ein Roboter. Die Kühe sind lernfähig: Am Roboter gibt es Futter, deshalb gehen sie selbstständig zum Roboter, um sich melken zu lassen.

240 Kühe können im neuen Stall insgesamt Platz finden. Noch knapp hundert sollen also hinzukommen. Im Laufe des Jahres wird eine ganze Reihe eigener Jungtiere kalben: Das bedeutet Zuwachs für den Milchviehbetrieb. Sobald der Stall ausgelastet ist, soll die Milchproduktion langfristig von 4000 Litern täglich auf 8000 Liter verdoppelt werden.

Bei aller technischer Unterstützung haben die Familie und zwei Auszubildende immer noch genug zu tun, um die Wirtschaftlichkeit des Betriebes zu sichern und ständig wachsame Augen auf die Tiere zu haben. „Denn letztlich sind Kühe auch nur Menschen“, sagt Peter Wilhelm Geßler schmunzelnd. „Auf ihre Bedürfnisse wollen wir optimal eingehen.“

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