Meister seit 50 Jahren: Karamellpferd kostete Konditor Rainer Merz beinahe den Titel

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Mal gedruckt, mal handgeschrieben und einer aus dem Computer: Rainer Merz mit den Meisterbriefen seines Vaters und der Urkunde, die er für sein eigenes Jubiläum erhalten hat.

Altena – Konditor Rainer Merz hat sich einen Top--Ruf erarbeitet. Seinen Stollen kennt jeder Altenaer. Doch fast hätte er es gar nicht zum Meister gebracht.

Schlicht, einfach, aber auf gutem Papier: Wahrscheinlich ist der Goldene Meisterbrief für 50 Jahre Meister, den Rainer Merz jetzt in Köln in Empfang nehmen durfte, am PC erstellt und dann ausgedruckt worden. 

Merz hat seinen Meisterbrief am Kölner Heumarkt in Empfang genommen, an dem die Handwerkskammer schon vor 50 Jahren ihren Sitz hatte. In der dortigen Backstube musste er sein Meisterstück herstellen. Nur eine Torte reicht da nicht, damals wie heute qualifizieren sich Konditoren mit Gesamtkunstwerken für die Meisterwürde. 

Karamellweiß geht aus

Merz schwebte eine Komposition aus einer Torte und kunstvollen Petits Fours vor. All das sollte unter einem 60 mal 80 Zentimeter großem Pferd aus Karamell inszeniert werden. Dieser Gaul hatte allerdings so seine Tücken. Karamell entsteht, wenn man Zuckerwasser erhitzt. „Das wird dann wie Glas“, schildert Merz. Damit die Farbe stimmt, wird Karamellweiß zugegeben – und das war gerade nicht vorhanden in der Lehrbackstube. 

„Deshalb hat mich der Prüfer in die nächste Drogerie geschickt, um Litofan zu kaufen“, erinnert sich Merz. Das war ein Zuschlag, mit dem damals die Maler ihre Farben anrührten. Was keiner wusste: Litofan vertrug sich nicht besonders gut mit Karamell: „Der wurde nicht richtig hart, der Gaul ging immer wieder in die Knie“, erzählt Merz. 

Pferd kollabiert

Immer wieder habe der Prüfer mit Knetmasse versucht, den Niedergang des Pferdes aufzuhalten. „Als dann gar nichts mehr ging, hat er mächtig Druck gemacht, damit die Prüfungskommission mein Meisterstück schnell abnahm.“ Das sei dann auch so gerade eben erfolgt, bevor das Karamellpferd endgültig kollabierte. 

Merz war 23 Jahre alt, als er seine Meisterprüfung ablegte. „Für damalige Verhältnisse war das sehr jung. Die anderen in meinem Jahrgang waren alle älter“, sagt er. Damals sei vorausgesetzt worden, dass man fünf Jahre als Geselle gearbeitet hatte, bevor man die Meisterschule besuchte, was 1970 übrigens richtig viele Konditoren taten: Zur Jubilarfeier erschienen 30 Meister, die 1970 oder noch früher ihre Prüfung abgelegt hatten. 

"Nicht nur Bleche spülen lassen"

So große Jahrgänge gebe es bei den Meisterlehrgängen schon lange nicht mehr, weiß Merz. Die Praxis ist das eine, wenn man Meister werden möchte. Dann ist da aber auch noch die Theorie. 

Finanzbuchhaltung musste der junge Mann lernen – und Menschenführung. Ein Fach, bei dem Merz die Prüfungskommission durch ein Plädoyer für einen vernünftigen Umgang mit den Lehrlingen verblüffte: „Ich habe mich dafür eingesetzt, denen was beizubringen und sie nicht immer nur Bleche spülen zu lassen“. 

Betrieb vom Vater übernommen

Bald schon bekam Merz Gelegenheit, das auch in die Tat umzusetzen. Die Meisterprüfung pressierte deshalb so, weil sein Vater schwer erkrankt war und er den Betrieb an der Bahnhofstraße übernehmen musste. 

In dem wurde stets auch ausgebildet. Wie vielen Lehrlingen er in mehr als vier Jahrzehnten das Konditoren-Handwerk beigebracht hat, kann Merz nicht sagen. Rund ein halbes Dutzend seien seinem Weg gefolgt und haben nach erfolgreicher Gesellenprüfung ihren Meisterbrief gemacht.

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