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Meinungen gehen auseinander: Soll es eine Corona-Impfpflicht geben?

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Von: Maximilian Birke, Susanne Fischer-Bolz

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Frau mit Impfspritze
Soll die Schutzimpfung gegen das Coronavirus zur Pflicht werden? Die Meinungen sind gespalten. © © Andreas Rother

Corona-Impfpflicht ja oder nein? Bei steigenden Infektionszahlen und einer zu niedrigen Impfquote, drängt sich diese Frage mittlerweile auf. Für beide Seiten gibt es Argumente. Wir haben nachgefragt, was die Menschen in Altena und Nachrodt von der Idee halten.

Altena/Nachrodt – 67,9 Prozent. Das ist die Zahl, die viele quält. Umtreibt. Die einfach nicht reicht. Für die Freiheit, die alle wollen. Experten gehen davon aus, dass in Deutschland 80 bis 85 Prozent der Menschen geimpft sein müssten, um eine sogenannte Herdenimmunität gegen das Coronavirus zu erreichen. Stattdessen ist das Virus außer Rand und Band. Muss eine Impfpflicht her?

„Ja“, sagt Kathrin Bormann, Leiterin der Awo-Kita. „Es ist doof, wenn man das sagt, aber ich stehe dazu. Ich bin für eine Impfpflicht, auch wenn sie sicher schwer durchzusetzen ist.“ Dabei hat Kathrin Bormann besonders die Menschen im Blick, die im medizinischen Bereich sehr nah am Rand des Möglichen arbeiten. „Man muss über seinen Tellerrand gucken und die Verpflichtung für die ganze Gesellschaft sehen“, findet Kathrin Bormann.

Alle Mitarbeiter der Awo-Kita sind geimpft, einschließlich Reinigungskräfte. Trotzdem testen sich auch alle immer wieder. „Wir sind immer sehr offen mit dem Thema umgegangen und haben jetzt viele Probleme weniger“, so die Awo-Leiterin, die mit jetzt eingeführten 2G-Regelungen in vielen Bereichen hofft, dass sich noch Menschen zum Impfen durchringen. „So langsam werden Ungeimpfte ja immer mehr ausgeschlossen.“

In der Awo-Kita sind alle Mitarbeiter geimpft. Inklusive der Reinigungskräfte. (Symbolfoto)
In der Awo-Kita sind alle Mitarbeiter geimpft. Inklusive der Reinigungskräfte. (Symbolfoto) © dpa/Monika Skolimowska

Man stelle sich vor: Morgens steht die Polizei vor der Tür und bringt den Ungeimpften mit Gewalt zur nächstgelegenen Impfstelle: So malt es sich Dr. Bodo Reinke aus und kann sich genau dies nicht vorstellen. Der Geschäftsführer der Walzwerke lehnt eine Impfpflicht ab, findet aber, dass die Impfverweigerer – wenn sie nicht gesundheitliche Gründe dafür haben – auch die Konsequenzen tragen müssen und nicht mehr alle Möglichkeiten bekommen sollen, sich am öffentlichen Leben zu beteiligen.

„Aber eine Impfpflicht ist für mich ein zu starker Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“, sagt Bodo Reinke und ergänzt: „Es gibt in dieser Sache leider kein Schwarz und Weiß, auch, wer geimpft ist, kann an Corona erkranken, und man darf nicht alle gleich verurteilen, die sich gegen eine Impfung entscheiden.“

Was ihn noch umtreibt: Zu den Neuerungen des Infektionsschutzgesetztes zählt die 3G-Regel am Arbeitsplatz. Wer bei der Arbeit mit Menschen in Berührung kommt, muss geimpft oder genesen sein oder sich täglich testen lassen. Arbeitnehmer müssen dann einen Nachweis vorlegen, der Arbeitgeber ist zur Kontrolle verpflichtet.

Beschäftigte, die sich weigern, müssen nach Hause. Unternehmen müssen das jetzt durchsetzen. Und haben damit ordentlich zu kämpfen. „Und was machen wir mit den Ärzten, die sich nicht impfen lassen, mit dem Pflegepersonal, den Reinigungskräften im Altersheim und, und, und. Wenn wir die alle zu Hause lassen wollen, bekommen wir größere Probleme“, ist sich Dr. Bodo Reinke sicher.

Für Unternehmen sieht er die Schwierigkeit der Umsetzung aller Verordnungen: „Aber es hat die Politik bisher noch nie interessiert, was Unternehmen denken.“

Impfpflicht in Deutschland

Käme es zu einer Corona-Impfpflicht, wäre dies nicht die erste in der deutschen Geschichte. Seit 2020 gibt es eine eine Masernimpfpflicht für Kinder. Bereits im 19. Jahrhundert wurde ein Reichsimpfgesetz verabschiedet, das eine Pockenschutzimpfung gesetzlich vorschrieb – die Pocken gelten heute als besiegt. Später wurden Schutzimpfungen gegen Diphterie und je nach Bundesland auch gegen Scharlach vorgeschrieben. Das Bundesverwaltungsgericht entschied schon 1959, dass die Impfpflicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei.

Apropos zu Hause: Dass dort alle Ungeimpften ausharren und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen sollen, findet Dirk Röding richtig – und als Konsequenz auf die Impf-Verweigerung ein guter Ansatz. Dies mit einer Impfpflicht zu toppen, kann sich der Leiter des Bauamtes in Nachrodt überhaupt nicht vorstellen.

Aus seiner Sicht ist es wichtig, die Regeln jetzt scharf zu kontrollieren – „und nicht larifari wie bisher.“ Als Dirk Röding im Restaurant war, „hätte ich auch das Zertifikat von Else Kling mitbringen können.“

In Lebensmittelgeschäften, also dort, wo alle Menschen auch ungeimpft und ungetestet „einmarschieren“ können, ist man trotzdem auch nicht für die Impfpflicht. „Wir leben ja nicht in einer Diktatur“, sagt Kai Kantimm, der Edeka-Märkte in Nachrodt und Lüdenscheid betreibt.

„Ich finde, dass sich jeder impfen lassen sollte. Nicht nur für sich selbst, sondern eben auch für andere. Ansonsten kriegen wir die ganze Geschichte nicht in den Griff“, sagt Kai Kantimm, der das Corona-Thema mittlerweile sehr mühselig findet. 90 Prozent seiner Mitarbeiter seien geimpft, die anderen würden sich täglich testen.

Obst und Gemüse werden täglich frisch geliefert: Kai Kantimm in seinem Edeka-Markt an der Altenaer Straße in Nachrodt.
Obst und Gemüse werden täglich frisch geliefert: Kai Kantimm in seinem Edeka-Markt an der Altenaer Straße in Nachrodt. © Thomas Keim

Unterdessen hat sich Hausärztechef Ulrich Weigeldt für eine Impfpflicht bei den Fachkräften in Alten- und Pflegeheimen ausgesprochen. Eine Impfpflicht für Pflegekräfte oder auch Ärzte könne ein Baustein im Kampf gegen die vierte Welle sein. Das bringt Susanne Höllerhage auf die Palme. „Entweder alle oder keiner“, findet die Nachrodterin.

Krankenschwestern müssten jeden Tag mit der Angst leben, sich anzustecken. Das komplette Pflegepersonal sei am stärksten gebeutelt in der Pandemie. Da noch einen draufzusetzen und mit Zwangsmaßnahmen zu drohen, sei unverschämt. „Es gibt auch im Bundestag Politiker, die nicht geimpft sind.“

Notfallsanitäter Alexander Voß aus Altena sieht momentan keine andere Lösung als die Impfpflicht für alle. Dabei sei er eigentlich kein großer Verfechter dieser Herangehensweise. „Ich wäre dafür, dass das gar nicht notwendig ist und die Allgemeinheit logisch denken würde“, findet er deutliche Worte. Bei seiner Tätigkeit im Rettungsdienst kommt Voß täglich in Kontakt mit Covid-19-Patienten.

„Inzwischen sind extrem junge Menschen – ab 25 Jahren – ohne Vorerkrankungen dabei, die nicht geimpft sind. Die hängen dann bei uns an der Beatmung.“ Eine Impfpflicht stelle zwar einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte dar, jedoch gelte es jetzt vorrangig, die Mehrheit der Gesellschaft zu schützen, meint Voß.

„Es ist immer kritisch, wenn man etwas zur Pflicht macht, aber wenn es anders nicht funktioniert, dann braucht man Regeln.“ Und in diesem Fall sei es eine sehr simple.

Die Ordnungshüter hatten seit Beginn der Pandemie viel zu tun. Ulrike Anweiler (Mitte) leitet das Team in Altena.
Die Ordnungshüter hatten seit Beginn der Pandemie viel zu tun. Ulrike Anweiler (Mitte) leitet das Team in Altena. © Jona Wiechowski

Ulrike Anweiler, die als Leiterin des Altenaer Ordnungsamtes schon viel Arbeit mit den immer neuen Corona-Schutzverordnungen hatte, sagt auf Nachfrage, dass sie einer eventuell kommenden Impfpflicht neutral gegenüberstehe. „Wenn mehr Leute geimpft sind und leichtere Krankheitsverläufe haben, könnte das die Situation auf den Intensivstationen entlasten“, sagt sie. Darüber hinaus möchte Anweiler als Leiterin der Ordnungsbehörde keine Einschätzung zur Impfpflicht abgeben.

Auch Lina Strafer, Sprecherin des Kita Zweckverbands im Bistum Essen, ist mit einer konkreten Einschätzung zur Impfpflicht zurückhaltend. Sie sagt aber: „Wir haben in unseren Einrichtungen eine sehr hohe Impfquote von rund 90 Prozent. Wir sehen die Impfung als absolut notwendig an, nicht nur um unsere Mitarbeiter zu schützen, sondern vor allem auch, um die Kinder zu schützen, für die es derzeit noch keinen Schutz gibt.“

Derzeit setze man alles daran, den Beschäftigten auch die Booster-Impfung zu ermöglichen. „Das ist aus unserer Sicht das Mittel der Wahl.“

„Nur mit der Impfpflicht können wir die Freiheit zurückgewinnen“: Ein Kommentar von Susanne Fischer-Bolz

Gott wirf Hirn vom Himmel: So böse es klingt, so ernst ist es gemeint. Impfgegner, Impfverweigerer, die Wartenden auf Langzeitstudien und die Corona-Leugner haben bei all ihren unterschiedlichen Argumenten eines gemeinsam. Sie sind verantwortlich dafür, dass wir die Pandemie nicht in den Griff bekommen.

Alle Anstrengungen, möglichst alle Menschen von der Notwendigkeit der Impfung zu überzeugen, fruchten nicht in dem Maße, wie es nötig wäre. Wenn wir nach so vielen Monaten Freiwilligkeit, Informationen, Überzeugungsarbeit und Vertrauensbildung noch bei einer Impfquote von 67,9 Prozent herumdümpeln, wenn wir wissen, dass ein Desaster auf den Intensivstationen unumgänglich ist, dann muss die Keule her: die Impfpflicht.

Ja, es wird einen Aufschrei geben: Engriffe in die Persönlichkeitsrechte, Eingriffe gegen das Freiheitsverständnis, das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Bürgers. Doch hat der Einzelne tatsächlich das Recht, die Gemeinschaft zu gefährden? Ist die Gemeinschaft zweitrangig? Ich finde nicht. Eine Impfpflicht ist kein Verstoß gegen die Freiheitsrechte.

Nur mit ihr können wir augenscheinlich unsere Freiheit zurückgewinnen. Bitte jetzt. Und bitte kein falsches Signal, indem eine Impflicht nur für Berufsgruppen im Gesundheitswesen ausgerufen wird. Wir alle sind gefordert.

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