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Mehr als 22.000 Kinder getötet: Geflohener berichtet aus seiner Heimat

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Von: Ilka Kremer

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Anette Wesemann, Gleichstellungsbeauftragte der Burgstadt, überreichte Dilbirin Murad ein kleines Dankeschön.
Anette Wesemann, Gleichstellungsbeauftragte der Burgstadt, überreichte Dilbirin Murad ein kleines Dankeschön. © Ilka Kremer

Von tödlichen, verbotenen Waffen und schlimmsten Menschenrechtsverletzungen der syrischen Armee berichtete Dilbirin Murad in der Bürgerburg. Er floh nach Deutschland, während in seiner Heimat mehr als 600.000 Menschen ihr Leben verloren.

Altena – Im Rahmen der Ausstellung „Rose aus Idleb – 1001 Tage… bis du gehst“ konnten Kulturring und Stellwerk Dilbirin Murad für einen Vortrag zum Thema „Das Land Syrien: Verletzungen, die man nicht sieht“ gewinnen. Rund 15 Interessierte kamen dazu in den Georg-von-Holtzbrinck-Saal.

Murad, Englischlehrer aus Syrien, flüchtete 2015 mit seiner Frau vor Krieg und Zerstörung aus seiner Heimat nach Deutschland. Heute lebt er zusammen mit ihr und den beiden Kindern (sieben und vier Jahre alt) in Iserlohn. Dort arbeitet er als Integrationshelfer für die Prisma Bildungsplattform e.V..

Zunächst gab er einen geschichtlichen Überblick über seine Heimat. „Es ist ein Land, das leidet und blutet seit mehr als elf Jahren“, so Murad. Die Hauptstadt Damaskus gelte als die erste Stadt der Welt, viele menschliche Siedlungen reichten bis in die Steinzeit zurück. 2000 vor Christus sei sie zum ersten Mal erwähnt worden. Bevor der Krieg ausbrach, habe Damaskus 22,5 Millionen Einwohner gehabt, heute seien es nur noch rund 16 Millionen.

„Der arabische Frühling war ein dramatischer Wendepunkt“, berichtete er. Der Einsatz tödlicher Waffen, verbotener Waffen und schlimmste Menschenrechtsverletzungen der syrischen Armee hätten Millionen von Menschen in die Flucht getrieben. Mehr als 600.000 Opfer seien bis jetzt zu beklagen. Wirtschaftlich stünde das Land am Abgrund. „Es ist die größte Katastrophe der Neuzeit“, führte er weiter aus. Das Volk wolle Freiheit von der Diktatur und fordere Gerechtigkeit.

Die, die am meisten litten, seien die Kinder und Jugendlichen. Sie seien angewiesen auf die Fürsorge und Empathie ihrer Eltern. Diese jedoch hätten so viele Sorgen und Ängste und müssten den ganzen Tag ums Überleben kämpfen. Die Chance auf Bildung sei verloren.

„Die Auswirkungen dieses Krieges aufzulisten, ist eine traurige Aufgabe“, meinte Dilbirin Murad. Seit 2011 seien mehr als 22.000 Kinder getötet worden, Millionen von ihnen hätten durch die Waffen Gliedmaßen verloren.

„Es kann bis zu zehn Jahren dauern, bis sie eine Prothese bekommen.“ Hinzu kämen unzureichende Ernährung sowie Mangel an sauberem Wasser. „Dadurch sind sie anfällig für Krankheiten, die Unterernährung verursacht dauerhafte körperliche Schäden.“ Zudem seien die Mädchen durch Entführungen und Vergewaltigungen schrecklichsten Situationen ausgesetzt. Geschätzt würden 10.000 Jungen unter 18 Jahren in Milizen dienen müssen.

Der Konflikt in Syrien sei schwer zu verstehen. Niemand wisse genau, wer gegen wen kämpfe und warum. „X gegen Y, so ist es nicht zu erklären“, verdeutlichte der Referent. „Es ist ein Krieg in Syrien, aber es ist kein syrischer Krieg.“

Die Menschen flöhen vor Folter, Vergewaltigung, sexueller Sklavisierung und religiöser Verfolgung. „Es herrscht Zerstörung und großer Hunger. Die Felder können nicht mehr bestellt werden. Die, die fliehen können, hoffen auf eine bessere Zukunft in anderen Ländern.“ Doch dort angekommen, fühlten sich viele von ihnen allein, besonders die Jugendlichen. Eine andere Sprache, eine andere Kultur.

„Viele von ihnen haben schlechte Erfahrungen gemacht, besonders mit Behörden und Beamten, und deshalb das Vertrauen verloren“, erklärte Murad, der vor seiner jetzigen Tätigkeit zwei Jahre lang ehrenamtlich für die Flüchtlingshilfe Märkischer Kreis als Sprachvermittler tätig war. Dilbirin Murad ist angekommen und integriert.

Für ihn ist es wichtig, anderen von der Problematik zu berichten, damit sich ein besseres Verständnis entwickeln kann. Er ist froh, bei der Prisma Bildungsplattform e.V. eine Arbeit zu haben, bei der er andere Flüchtlinge unterstützen kann.

Die Ausstellung von Rose, die ihre traumatischen Erlebnisse in Syrien in Figuren aus Zeitungspapier verarbeitete, ist am Mittwoch von 18.30 bis 20 Uhr geöffnet. Am Donnerstag können die Figuren noch von 10 bis 11.30 Uhr sowie von 18.30 bis 20.20 Uhr in der Burg Holtzbrinck betrachtet werden. Der Donnerstag ist der letzte Ausstellungstag.

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