„Erziehung ist Drecksarbeit!“

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Wilfried Brünings Vortrag war informativ und unterhaltsam.

Altena - Medienpädagoge Wilfried Brüning weiß: Gegen die Dopaminausschüttung, die Videospiele bei Kindern auslösen, kommt kein Wort der Mutter an. Dem täglichen Dilemma im Kinderzimmer könnten Eltern nur durch konsequente Einschränkung der Bildschirmmedienzeit entgegenwirken. „Wenn sie die Spielekonsole für Weihnachten schon gekauft haben, schmeißen Sie sie am besten auf die Straße und fahren drüber“, riet der berühmte Autor und Filmemacher am Donnerstag in der Burg Holtzbrinck.

Zum 40. Geburtstag ihrer Familienberatungsstelle hatte die Caritas einen Spitzenreferenten gebucht. Brünings Buch „Wege aus der Brüllfalle“ ist ein Bestseller, die Lehrfilme von ihm und seiner Frau Astrid sind berühmt. Vom Erfolgsrezept des Duos konnten sich Caritasmitarbeiter, Erzieherinnen, Lehrpersonal und auch Eltern nun persönlich überzeugen, denn so interessant wie das Ehepaar Brüning kann kaum jemand erklären, wie das menschliche Gehirn auf die schnelle Belohnung beim Medienkonsum reagiert.

Für Kinder ist die Kunstwelt der Spieleprogrammierer deshalb so interessant, weil sie in ihr Regeln des realen Alltags ausblenden können: „Man muss in diesem virtuellen Kosmos auf niemanden hören, kann sich sofort von ungeliebten Mitspielern trennen und selbst der Tod hat dort keine abschreckende Wirkung. Jeder Misserfolg kann mit jedem Neustart wieder wettgemacht werden. Und das wirkt sich auch im realen Leben auf Freundschaften aus.“

Die Spieleindustrie habe mit der verlockenden Wirkung des Dopamins eine hervorragende Kundenbindungsstrategie entdeckt. Wilfried Brüning veranschaulicht an einem Neuronenmodell, dass die reale Welt mit ihren zahlreichen Einflüssen auf die Sinne niemals jene schnelle Belohnung erzeugen kann, wie ein Videospiel. „Fernsehen hat übrigens den gleichen Effekt, nur abgespeckt“, erklärt Brüning. Weshalb, das verdeutlicht er live im Saal mit einem Experiment: Ein junger Mann schlüpft spontan in die Rolle eines dreijährigen Kindes, das zum ersten Mal eine Zitrone in die Hand bekommt. Er sieht ihre leuchtende Farbe, fühlt ihre dellige Oberfläche, riecht an der Schale und zum Schluss probiert er auch ein Stück von der Frucht. Die weiteren Gäste im Saal beobachten diesen Prozess lediglich als Video-Übertragung auf Großleinwand. Die Zitronenerfahrung können sie sehend und hörend miterleben. „Das dreijährige Kind wird bei seinem nächsten Besuch im Supermarkt mit Begeisterung auf eine Zitrone reagieren. Durch die vielsinnige Erfahrung haben seine Neuronen alle Informationen gespeichert und ein Netzwerk gebildet. Wer Zitronen aber nur aus dem Fernsehen kennt, wird sich maximal an den Begriff erinnern und nichts mit ihnen anfangen können.“

Brüning weiß: Gänzlich verbieten kann man Kindern die Bildschirme nicht. „Es arbeitet heute auch keine Schule mehr ohne Computer oder Internetrecherche und auch die Kommunikation in sozialen Netzwerken ist für junge Leute das Mittel, um dabei zu sein.“ Grade weil aber die Kommunikation per Bildschirm eine alltägliche Selbstverständlichkeit geworden ist, sei Erziehung im medialen Zeitalter zur Drecksarbeit verkommen für Eltern.

Es bedürfe Trickserei, um Kinder von der Handheld-Konsole abzuhalten: „Kaufen Sie statt dem Nintendo eine Digitalkamera und geben sie ihren Kindern Aufträge. Omas 70. Geburtstag fotografieren, aus 500 Fotos die 100 schönsten aussuchen, Bilder bearbeiten, gemeinsam ein Fotobuch erstellen, Omas glänzende Augen bei der Übergabe sehen. Schaffen Sie im realen Leben tolle Erfolgserlebnisse mit den Kindern, damit das Bedürfnis der schnellen Belohnung beim Daddeln möglichst wenig aufkommt“, rät Wilfried Brüning allen Erziehenden.

Die Spitzenmanager aus dem Silicon Valley machten es übrigens genau so: „Die Manager von Apple schicken ihre Kinder auf Waldorfschulen und lassen sie möglichst wenig an digitale Medien ran. Ihr Credo lautet: Nur, wer lebenstüchtig ist, kann medienkompetent werden.“

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