Luftangriff auf Kleinbahn: 70 Menschen starben vor 75 Jahren in Altena

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Stätte des Gedenkens: Auch diese Gräber erinnern an die Menschen, die bei dem Angriff auf die KAE in Altroggenrahmede ums Leben kamen.

Altena - Es war das schlimmste Kriegsgeschehen in Altena: Die Amerikaner flogen am 28. März 1945 einen Angriff auf die Kleinbahn - und richteten ein Massaker an.

Vikar Wilhelm Schulte hatte gerade den Pfarrbrief für Ostern fertiggestellt. Jetzt wollte er sich ein wenig ausruhen. Es war der 28. März 1945, eben hatte die Uhr elf geschlagen. Der Vikar nahm in einem Sessel im Pfarrhaus von St. Paulus Platz. „In diesem Augenblick hörte ich Fliegergeräusch“, erinnert er sich in seinen Aufzeichnungen.

Er sollte nicht zum Ausruhen kommen. „Ich öffnete das Fenster, um zu beobachten. Von Altena näherte sich ein Personenzug der Kleinbahn. In derselben Richtung folgten einige amerikanische Flieger. Als die Kleinbahn sich der Fabrik von Schulte näherte, sah ich bei den Fliegern weiße Rauchwolken und hörte zugleich heftiges Prasseln von Geschossen.“ 

Das war vor 75 Jahren. In der Kirche sammelten sich bald Verletzte aus dem Zug. Schulte schreibt: „Im Nu hatten sich Keller und Kirche mit Fliehenden gefüllt, die zum Teil erheblich verwundet waren. Soweit ich in der Lage war, verband ich zusammen mit meinen Hausbewohnern die Verletzten. Ich zerriss ein Altartuch, um Wunden zu verbinden.“ 

"Tag des Schreckens"

Für Margot Nau war der 28. März „ein Tag des Schreckens und der Trauer“, aber auch des Glücks. Denn sie hat überlebt. Über den Hintergrund berichtete sie vor fünf Jahren. Als junge Frau hatte sie eine Lehre im Drahtwerk Diedrich Hesse begonnen. Für ihren Lehrherren war sie mit der Kleinbahn, Schnurre genannt, unterwegs nach Lüdenscheid, um Geld für die Auszahlung von Löhnen abzuheben. Weiter als bis Altroggenrahmede sollte der Zug nicht kommen. 

Was dort geschah, gilt als das einschneidendste Ereignis des Zweiten Weltkrieges in der Burgstadt: Über 70 Menschen kamen durch einen Angriff amerikanischer Jagdbomber ums Leben, nach Augenzeugenberichten gab es außerdem 100 Verletzte. Heinz Linke verfügt über interessante Unterlagen zu dem Angriff und hat mit weiteren Zeitzeugen gesprochen, die an jenem 28. März im Zug waren. 

Außerdem ist der Nettenscheider im Besitz von Aufzeichnungen, die der katholische Vikar Wilhelm Schulte in jenem Frühjahr anfertigte. In der früheren Paulus-Kirche und auf dem Platz vor dem Eingang sah es nach den Berichten am 28. März 1945 „wie auf einem Schlachthof“ aus. 

Viele Fahrgäste in der KAE

75 Jahre sind vergangen, aber den Menschen, die den Angriff überlebt hatten, ist das schreckliche Ereignis, das sich nur knapp drei Wochen vor dem Kriegsende abgespielt hat, immer noch deutlich vor Augen: Es war ein warmer und sonniger Frühlingstag, dessen friedliche Stimmung gegen 11 Uhr völlig umschlagen sollte. Der Zug war voll besetzt. Viele Fahrgäste benutzten die Kleinbahn an diesem Mittwoch, um von Altena ins Rahmedetal und nach Lüdenscheid zurückzufahren. 

Viele waren glücklich, denn in ihrem Gepäck hatten sie ein oder zwei Brote, die sie auf Lebensmittelkarten bei Bäckern in Altena erworben hatten. In Lüdenscheid war an diesem Tag kein Brot zu bekommen. Im Zug befand sich auch eine Anzahl verwundeter Soldaten. Sie waren in der zur Augenklinik umfunktionierten Mühlendorfer Schule behandelt worden und befanden sich auf dem Weg zurück ins Lazarett nach Lüdenscheid. 

Jagdbomber kehrten zurück

Margot Richter erinnerte sich vor fünf Jahren, dass sie eine von nur 16 Personen war, die den Angriff unverletzt überstanden. So wie der vor sieben Jahren verstorbene Manfred Bierwirth. Er berichtete für die Aufzeichnungen von Heinz Linke: „Als die ersten Tiefflieger in der Höhe der Firma Forkert durch das Rahmedetal schossen, hielt der Lokführer den Zug an. Als nach geraumer Zeit die Gefahr vorbei zu sein schien, setzte die Schnurre ihre Fahrt fort. Das wurde der Kleinbahn und ihren Passagieren zum Verhängnis, denn die Jagdbomber kehrten zurück. In dem dort weiter geöffneten Tal bot der Zug nun ein noch viel besseres Ziel.“ 

Fundstück mit trauriger Geschichte: Auf seinem Grundstück am Paulusweg hatte Karl-Heinz Dräger (†) beim Hausbau diese Patronenhülse gefunden. Sie passt zur weit verbreiteten amerikanischen Fliegermunition des Zweiten Weltkriegs.

Margot Richter schaffte es, ihren Waggon rechtzeitig zu verlassen und Deckung zu suchen. „Wie tot“ blieb sie dort liegen, bis das Donnern der Maschinengewehre verklungen war. 

Bei mehreren Anflügen auf die Kleinbahn luden die Jabos ihre tödliche Fracht ab. Explosivgeschosse und andere Munition prasselten aus den Bordkanonen in Höhe des Drahtwerkes Werner Schulte auf die Menschen nieder. Mindestens drei Bomben schlugen ein.

Schwer am Kiefer verletzt

Einige Fahrgäste, die auf der Plattform standen, waren während der Fahrt abgesprungen und hatten sich gerettet. Weniger Glück hatte Käthe Theis die vor Jahren in der Rathmecke wohnte. Sie erzählte damals: „Als ich die ersten Schüsse hörte, rannte ich über die Straße und wollte mich im Haus der Drahtfabrik Schulte in Sicherheit bringen. Da wurde ich getroffen und am Kiefer schwer verletzt.“ 

Die damals 18-jährige Frau war eine der ersten, der Hilfe zuteil wurde. „Ein Offizier der Truppeneinheit fuhr mich und einen weiteren Verwundeten sofort ins Krankenhaus nach Lüdenscheid.“ Die in Altena gekauften Brote trug Käthe Theis noch im Arm: Sie waren von Blut durchtränkt. 

Totes Kind auf dem Arm

Der Angriff wurde auch für die Familien vom Ohle und Müller aus Altroggenrahmede zum Schicksalstag. Isolde Wrede hat ihn so erlebt: „Nach dem Beschuss brachte Frau Müller ihr siebenjähriges totes Kind Annette auf dem Arm zu uns ins Haus. Hugo Geck hatte meine achtjährige Schwester auf dem Arm. 

Sie war durch einen Kopfschuss getötet worden. Beide wurden zusammen in unserem Wohnzimmer aufgebahrt.“ Die Mädchen waren nicht in der Schnurre, sie hatten mit dem Opa der Siebenjährigen gegenüber der heutigen Kläranlage im Garten gespielt.

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