Seit November im Lockdown

Café Ko: Stille im Stammlokal 

Wirt Dimitrios Apostolidis im geschlossenen Café Ko am Markaner in Altena
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Wirt Dimitrios Apostolidis im geschlossenen Café Ko am Markaner in Altena

Seit November schon ist das Licht in der Kultkneipe Café Ko in Altena ausgeschaltet. Und das wird auch erstmal so bleiben. . Ein besonderer Besuch bei Dimi, bei dem so viele schöne Abende endeten. 

Altena – „Langer, lange nicht mehr gesehen. Alles klar bei dir?“, will Dimitrios Apostolidis wissen, als er die Tür zum Café Ko auf- und hinter mir direkt wieder abschließt. Früher hätte Dimi, wie der Kultwirt mit dem hinterm Ohr eingeklemmten Bleistift gerufen wird, zu dieser Uhrzeit keinen Schlüssel gebraucht.

Seine Tür stand eigentlich immer offen. An den Wochenenden meist bis tief in die Nacht. Wer abends oder auch nach Mitternacht einen oder zwei trinken wollte, wusste ganz genau: Bei Dimi brennt noch Licht.

Seit November schon ist das Licht in der Kultkneipe am Markaner ausgeschaltet. Und das wird auch erstmal so bleiben. Frühestens in zwei Wochen (ab 22. März) ist Außengastronomie wieder möglich, über die Öffnung von Kneipen und Restaurants insgesamt beraten Bund und Länder erst am 22. März.

Stille, wo das Leben Sirtaki tanzte

Die Musikanlage, die schon etliche Wünsche von Gästen erfüllt und von ACDC bis Marianne Rosenberg schon so ziemlich alles abgespielt hat, gibt keinen Ton von sich. Die Fernseher, über die an den Wochenenden Bundesliga-Spiele sowie unter der Woche Europokalpartien gezeigt wurden und Schalker, Dortmunder oder Gladbacher rund um Dimis Tresen versammelten, tragen Schwarz.

Kein Bild, kein Ton. Die Stühle sind hochgestellt und auch der Zapfhahn befindet sich schon seit einer gefühlten Ewigkeit im Lockdown. Dort, wo jahrelang das Leben Sirtaki tanzte, Gläser klangen, Menschen lachten und sich gerne auch mal in den Armen lagen, schunkelt jetzt Tristesse. Und doch riecht es trotz eines neuen Innenanstrichs durch die Maske noch nach Kneipe. Nach früher. Nach Leben.

Rauschende Nächte und Hildes Taxi

Nein, ein echter Stammgast von Dimi bin ich nie gewesen. Aber drei, vier mal im Jahr war ich eigentlich immer bei diesem griechischen Gute-Laune-Wirt, den ich schon mehr als 20 Jahre kenne. Als Jugendlicher war ich mit meinen Kumpels öfters da, nach rauschenden Nächten bei Dimi ging es nicht selten mit Hildes Taxi zurück nach Nachrodt.

Das ist lange her, viele von uns sind neue Wege und weg von hier gegangen. Ab und an kommen sie wieder in die alte Heimat. Ab und an treffen wir uns dann auch bei Dimi, der im Gegensatz zu uns hier geblieben ist. Obwohl die Besuche im Café Ko zuletzt rarer geworden sind, begrüßte uns Dimi jedes Mal mit Vornamen.

Mich mit Lars. Oder mit „Langer“. Das war vor 20 Jahren so, so ist es auch heute noch. Genau das macht Dimi, für den sein Beruf eine Berufung ist, eben aus.

Viele Striche auf dem Deckel

Gefragt, was ich trinken möchte, hat mich der 58-jährige Deutsch-Grieche in den letzten 20 Jahren selten. Meistens stand nach weniger als einer Minute, nachdem ich das Kouressis, wie die Kneipe früher mal hieß, das frisch gezapfte Pils schon vor mir auf dem Deckel, auf den Dimi mit seinem Bleistift seine Striche machte. Manchmal waren es wenige Striche, meistens aber viele. Weil’s einfach schön war mit den Jungs und den kühlen Blonden.

Heute sitze ich alleine am Tresen. Mit Maske. Kein Bierchen, kein Strich. Ich bin gekommen, um mit Dimi zu quatschen. Über Corona. Über den Lockdown. Über die Situation in seiner Kneipe im Speziellen und über die Situation der Gastronomie im Allgemeinen.

Wirt: „Ich will nicht meckern“

„Alles klar bei dir?“ Ich stelle Dimi diese Frage, die er mir eigentlich seit 20 Jahren zur Begrüßung mit bester Laune und dem Bleistift hinterm Ohr zuruft. Wohlwissend, was meine Antwort sein würde. „Na klar, alles bestens.“ Diesmal kenne ich auch seine Antwort. „Alles bestens“ wird es nicht sein. Denke ich jedenfalls.

Doch Dimi überrascht mich. „Natürlich ist die Situation unangenehm. Geschäftlich sind wir doch alle hart getroffen, ich habe seit November geschlossen. Aber ich will trotzdem nicht meckern. Jammern nützt auch nicht“, betont Dimi. Er zuckt mit der Schulter und legt nach: „Klar ist die Situation traurig. Aber toi, toi, toi – ich bin gesund. Stell dir mal vor Langer, ich wäre krank und könnte nicht mehr aufmachen. Das wäre viel schlimmer. Ich denke einfach positiv und versuche, das Beste aus der Situation zu machen“.

Viel Rückhalt von den Gästen

Als wir über seine Gäste, vor allem über seine Stammgäste zu sprechen kommen, atmet Dimi, der seit nunmehr 30 Jahren hier hinterm Tresen steht, hinter seiner FFP2-Maske tief durch. „Langer“, sagt der Kultwirt, „ich bekomme von meinen treuen Gästen täglich Nachrichten oder Anrufe. Sie wollen wissen, wie es mir geht oder einfach nur mit mir quatschen. Sie sagen alle, dass sie so gerne wieder zu mir kommen wollen. Das ist so schön zu hören.“

Dimi sagt diese Sätze nicht einfach so. Wer ihn kennt, weiß, wie sehr ihm das zu Herzen geht. Aus einigen Gästen sind in den letzten Jahren eben auch Freunde geworden.

Hoffnung auf Öffnung nach Ostern

Wann er den Zapfhahn wieder laufen lassen kann, diese Frage kann Dimi auch nach dem Corona-Gipfel am Mittwoch nicht beantworten. Eine Vermutung aber hat er schon. „Ich denke, dass ich nach Ostern wieder öffnen kann. Am liebsten hätte ich gestern schon aufgemacht“, sagt der 58-Jährige, der mit den beschlossenen ersten Lockerungen nicht wirklich etwas anfangen kann.

„Was haben sie denn gelockert?“, fragt er. Und gibt dann selbst die Antwort: „Nicht viel.“ Schimpfen auf die Entscheidungen der Spitzenpolitiker („Der Staat versucht uns finanziell zu helfen“) aber will Dimi nicht. Und macht es auch nicht. Er vertraue darauf, dass in Berlin die richtigen Entscheidungen zur Eindämmung der Pandemie getroffen werden. Und er hofft inständig darauf, dass die Inzidenz endlich auch im MK sinkt. Je niedriger die Inzidenz, desto höher die Chance auf Lockerungen.

Hygienekonzept steht

Für den Tag X, an dem er endlich wieder die Tür des Café Ko für Gäste aufschließen darf, bereitet sich Dimi intensiv vor. „Ich mache alles, damit es hier in Sachen Corona für alle sicher ist“, betont der Wirt, der sein Hygienekonzept maximieren möchte. Geplant ist, die Tische mit Plexiglas voneinander abzutrennen und Luftfilteranlagen aufzustellen. Und auch mit dem Thema Schnelltests für seine Gäste setzt sich der Kultwirt ernsthaft auseinander.

Ihm ist von Minute zu Minute des Gesprächs mehr und mehr anzumerken, wie sehr ihm der normale Kneipenalltag fehlt. „Ich bin jeden Tag hier, weil es mir unheimlich viel Spaß macht, mit Leuten zu tun zu haben. Lars, das hier ist mein Zuhause“, sagt Dimi und schaut durch seine Kneipe, die ich noch nie zuvor so leer gesehen habe.

In der Kneipe geschlafen

Als ich bereits meine Sachen zusammen packe und mich von Dimi verabschieden möchte, schiebt er einen Satz nach, der mich besonders aufhorchen lässt. „Ich habe hier in der Kneipe sogar schon geschlafen“, sagt Dimi. Ich frage ihn nach dem Grund dafür und erhalte eine Antwort, die Gänsehaut erzeugt. „Weil ich meine Kneipe nicht alleine lassen wollte. Ich habe bis Corona ja nie zugehabt.“

Drei Minuten später stehe ich auf der Treppe vor dem Café Ko und höre, wie Dimi hinter mir abschließt. Auf dem Weg zurück ins Büro stelle ich mir vor, wie ich hoffentlich ganz bald wieder auf dieser Treppe stehen werde. Um dann in eine Kneipe zu gehen, in der das Leben endlich zurückgekehrt ist und Sirtaki tanzt. Und in der Dimi mir wieder mit dem Bleistift hinterm Ohr vom Zapfhahn aus zuruft: „Langer, alles klar bei dir?“

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