Literarischer Schatz: Luthers Tischreden von 1700

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Ansicht der Lutherschen Tischreden von 1700.

ALTENA - „Ich wollte dieses Buch immer schon einmal restaurieren lassen. Aber, Sie kennen das ja...“ – Vorsichtig, ja behutsam, entnimmt Pastor Rainer Lange aus der Rahmede das stattliche Werk einer stabilen Schachtel und legt es auf den Tisch. „Na, was sagen Sie?“, ist dem Pastor, der erst am letzten Sonntag den runden 125-jährigen Geburtstag seiner Gemeinde Am Stockey begehen durfte, eine gewisse Anspannung anzumerken.

Was er da so vorsichtig und irgendwie mit viel Liebe auf den Tisch platziert hat, ist eine Prachtausgabe von „Luthers gesammelten Tischreden“ aus dem Jahr 1700.

In geschmeidiges, braunes Schweinsleder ist das 1 302 Seiten umfassende Werk eingeschlagen. Die Gebrauchsspuren sind selbst auf dem handwerklich hervorragend verarbeiteten Ledereinband nicht zu verleugnen. „Ja, das wurde gelesen“, sagt auch der Mann der Theologie, Rainer Lange, aus der Rahmede.

Und er muss herzhaft lachen, als er mit einem der hinlänglich bekannten „Tischzitate“, die Luther zugeschrieben werden, konfrontiert wird. „Ich glaube dieses: ,Was rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket?‘, kennt wirklich jeder, weil es eben so deftig ist.“ Dabei müsse man aber schon den Bezug zum Mittelalter wahren, mahnt der Kirchenmann. Und die Tischmanieren dieser Zeitepoche unterschieden sich gar nicht so sehr von dem, was Knigge & Co. heute als gutes Benehmen bei Tisch vorschrieben.

In diversen Internet-Quellen heißt es dazu unter anderem: „Vorschriften zur Etikette waren zu Luthers Zeit natürlich mehr für den Adel bestimmt. So wurde mit dem Essen gewartet, bis der Hausherr begann, es durfte nicht in Schüsseln gewühlt oder angefasstes Essen zurückgelegt werden, nicht zu schnell und zu gierig gespeist werden, mit vollem Mund zu sprechen wurde als bäurisch angesehen. Bewusstes Rülpsen war gänzlich verpönt.“

Zurück zu Luthers Tischreden. Die wurden von Studenten des als Professor der Theologie tätigen Universitäts-Gelehrten aufgeschrieben. Pastor Lange erzählt: „Luther lud täglich zum Essen und er führte dabei viele meist hochtheologische Gespräche. Ein Student musste jeweils all‘ das Gesagte und Diskutierte dann niederschreiben. So ist es der Nachwelt gut erhalten geblieben.“

Das historische Werk mit dem in lateinischer Schreibweise für das Jahr 1700 – also MDCC – bezeichneten Druckjahr, das der Rahmeder Pastor jetzt besitzt, wurde bei Andreas Seidler in Leipzig auf Druckstöcke gelegt. Wie viele Exemplare davon wirklich vervielfältigt wurden, ist nicht bekannt. Und selbst das heute so „allwissende“ Internet kann diese Frage nicht beantworten. Aber es zeigt unter „http://www.luthers-tischgespräche“ genau eine Ansicht der ersten Seite des Werkes, die auch Pfarrer Rainer Lange besitzt.

Alle Buchseiten sind gut erhalten. Jeder Buchstabe ist hervorragend zu entziffern. Man sieht dem Werk an, dass es mit Liebe gedruckt und gestaltet wurde. Und deshalb ist ganz sicher nicht nur der Ledereinband exquisit. So sind die sich noch immer fest anfühlenden ersten Seiten reich mit farbig unterlegten Holzschnitten verziert. Es ist eine Freude, sie anzusehen und zu studieren, etwa die Eingangsseite der „Colloquia Tischreden und erhabene christliche und sehr erbauliche Gespräche des hocherleuchteten Mannes Gottes, Doctor Martinus Luther“.

Pastor Rainer Lange hütet seine Ausgabe wie einen Schatz, das ist er ganz sicher auch. Und schmunzelt fügt er an: „Ich gehe jetzt doch zum Restaurator, das Buch ist wirklich zu wertvoll, als dass es weiter verfallen dürfte.“

von Johannes Bonnekoh

Stichwort:

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