Lisa Reichel hat ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf dem Vauß-Hof bei Paderborn absolviert

Leben und arbeiten nach dem Solidaritätsprinzip

Lisa Reichel auf dem Feld der Solidarischen Landwirtschaft: Sie funktioniert nach dem Genossenschaftsprinzip. Wer Anteile an diesem Acker hat, der kann auch mithelfen beim Säen, Ernten und Reinigen

Altena - Luzi, Aenne und Hedwig überreichen Lisa Reichel bunte selbstgemalte Bilder zum Abschied. Ein Jahr lang hat die Altenaerin im „Strohballenhäuschen“ auf dem Vauß-Hof in Scharmede bei Paderborn gelebt und kräftig mit angepackt. Nach dem Abitur entschied sie sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr, das in dieser Woche zu Ende geht. „Eine der schönsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe!“, bilanziert Lisa Reichel.

„Das sind meine Nachbarn“, lacht die „FÖJlerin“ und zeigt auf das Hühnergehege, das direkt neben dem Tiny House steht. Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch - viel mehr braucht es gar nicht für ein gutes Leben, wenn man riesigen Familienanschluss hat, Obstwiesen direkt vor der Haustür und ein Haupthaus mit großer Gemeinschaftsküche, wo mittags ein ganzes Dutzend Menschen zusammenkommt. „Nur ein eigenes Waschbecken hab ich vermisst.

Ansonsten finde ich das Tiny-House-Prinzip super!“ Morgens, nachdem der Hahn gekräht hat, schwingen sich die Freiwilligen der Familie Pötting aufs Fahrrad und helfen mit in der „SoLawi“. Solidarische Landwirtschaft funktioniert nach dem Genossenschaftsprinzip. Durchschnittlich 56 Euro zahlen die Menschen, die am Ernteertrag teilhaben möchten und werden immer freitags mit dem versorgt, was Felder und Gewächshäuser erntereif hergegeben haben.

Das Erntegut kann getauscht und verschenkt werden.

Ob Auberginen, Tomaten oder Paprika, jede Menge frische Kräuter oder Kartoffeln - „Solawisten“ sind in der Regel bestens versorgt mit frischen Produkten. Wer nicht so viel zahlen kann oder will, darf bei der Pflege der Felder mithelfen. Oder er profitiert vom Solidaritätsgedanken: Wer mehr zahlen kann, der gibt auch mehr, damit jeder Zugang zu frischem Gemüse hat. „Man weiß allerdings nie genau, was freitags in den Kisten zum Abholen liegt“, beschreibt Lisa Reichel. Deshalb darf auch getauscht und verschenkt werden.

Und Solawisten sind in der Regel sehr freigiebig und lassen Besucher gern mal ein erntefrisches Gemüse verkosten, um die Idee zu verbreiten, sie buchstäblich schmackhaft zu machen. Lisa Reichel wusste immer, was bei ihr mittags auf den Tisch kam, denn die Vegetarierin hat fast alles selbst mitangepflanzt, gehegt und geerntet. Darüber hinaus hat sie jede Menge Kinder auf dem Hof begleitet. Manche Familien feiern Geburtstag inmitten der Hühner und Pferde.

„Und dann gibt es noch Ganzjahresangebote, wo zum Beispiel Kindergärten jeweils im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter kommen, und erleben, wie Landwirtschaft im Jahreszeitenkreislauf funktioniert“, erklärt die Freiwillige. Richtig viel Spaß haben ihr die Begegnungen auf der „Wuselwiese“ gemacht. Ein weitläufiges Gelände mit schattigem Picknickplatz, Weidenspielgeräten und Barfußparcours. „Wenn die Kinder das erste Mal hier sind, dann tummeln sie sich locker zwei Stunden hier, ohne, dass man sie dabei groß anleiten müsste. Sie sind so neugierig, dürfen hier alles anfassen und erleben. Wie im Laufe der Zeit ihr Verständnis für Natur und Landwirtschaft wächst, ist wunderbar mitanzusehen!“

Chefin Anja Pötting war sehr glücklich mit ihrer FÖJlerin. Es gibt einen nahtlosen Übergang zu den nächsten Jahrespraktikanten.

 Auch sie selbst habe im vergangenen Jahr viel darüber gelernt. Persönlich gewachsen sei sie daran, dass ihre Arbeitgeber ihr viel zugetraut haben: „Täglich kommen neue Leute auf den Hof, mit denen man kommunizieren muss, ob man nun möchte, oder nicht. Manche Menschen müssen angeleitet werden, auch das habe ich gelernt. Das Jahr hat mich selbstbewusst gemacht. Auf so einem Hof hat man Verantwortung für Menschen, Tiere, Pflanzen und Lebensmittel, da kann man nichts aufschieben, sondern muss anpacken.“

Darüber hinaus hat Lisa Reichel viel von der „Zero Waste“-Philosophie mitgenommen, die Familie Pötting lebt: So weit wie irgendwie möglich wird Abfall im Alltag vermieden, Nudeln zum Beispiel im Eimer gekauft, statt in Plastik. Die Idee gefällt Lisa Reichel so gut, dass sie sie sogar studieren will: „Nachhaltige Entwicklung“ und „Umwelttechnik & Ressourcenmanagement“ kommen als Fächer für sie infrage. „Ohne das FÖJ hätte ich mich dazu vielleicht nicht entschieden. Wer mal was ganz anderes erleben will nach dem Abi, der sollte es ausprobieren!“

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