Ein Besuch in Altenas letzter Metzgerei

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Dorothea und Gerhard John führen Altenas letztes Fleischerfachgeschäft.

Altena - „Manche Altenaer wissen gar nicht, dass es uns gibt“, wundert sich Gerhard John. Dabei ist seine Metzgerei am Knerling schon über 90 Jahre alt. Sein Großvater Paul John gründete sie im 1926, ab 1954 ging es unter der Regie von Herbert John weiter und seit 1976 führen Gerhard John und seine Frau Dorothea das Geschäft.

Nachdem im vergangenen Jahr drei Altenaer Metzgereien geschlossen wurden, sind sie in der Burgstadt die letzten ihrer Zunft. Ans Aufgeben dächten sie noch nicht, beteuern sie. 

Etwas wehmütig blicken sie allerdings zurück auf die „gute alte Zeit“, als es in Altena noch gut ein Dutzend Metzger gab, die ihr Fleisch beim städtischen Schlachthof kauften – er war dort, wo heute der Bauhof steht. Inzwischen bezieht John sein Fleisch aus dem Emsland.

Blick in die Theke: Zwei Drittel der Wurst sind selbst gemacht.

Etwa zwei Drittel seiner Wurst produziert er selbst – was auch bedeutet, dass er zwei Mal pro Woche ab 4 Uhr in der Wurstküche steht. „Früher konnte man am Knerling fast seinen ganzen Bedarf decken“, erinnern sich die beiden. „Es gab neben unserer Metzgerei ein Lebensmittelgeschäft, eine Gastwirtschaft, den Konsum, eine Heißmangel, einen Kiosk mit Geschenkartikeln sowie 200 Meter weiter an der Hagener Straße eine Bäckerei und einen Blumenladen“. 

Übrig geblieben sind neben der Metzgerei Heidrun Schicks Friseursalon und ein kleines Lebensmittelgeschäft – das aber auch nur, weil Gerhard Johns Eltern es übernahmen, als die vorherigen Besitzer vor über 40 Jahren aufgaben. Angestellte gibt es trotzdem keine mehr, Gerhard und Dorothea kümmern sich alleine um beide Läden. „Das geht, weil sie direkt nebeneinanderliegen. Wir hören ja, wenn nebenan die Tür geht“, erklärt die Geschäftsfrau. Die Schwierigkeiten des Fleischerhandwerks hätten begonnen, als in den 1970-er Jahren das Stapelcenter gebaut wurde und Plaza dort einzog, erinnert sich John.

Da galt das Metzgerhandwerk noch was: Meisterbrief von Paul John – er gründete das Geschäft im Jahre 1926.

Fleisch und Wurst wurden dort in bisher von den Altenaern nicht gekannten Dimensionen verkauft. Später kamen die Discounter mit ihren Billigangeboten hinzu. Der Metzgermeister nennt eine griffige Zahl aus dem vergangenen Jahr: Die drei im vergangenen Jahr in Altena geschlossenen Metzgereien hätten zusammen vielleicht 15 Meter Verkaufstheke gehabt – „im neuen Edeka sind es doch sicher 25 Meter“. Lust auf Fleisch haben die Altenaer also nach wie vor. 

Auch deshalb denken die Johns noch lange nicht ans Aufgeben. Aber wenn es denn so weit ist, dann wird wohl auch diese Metzgerei Geschichte sein. Nachfolger sind schon deshalb kaum zu finden, weil kaum noch jemand diesen Beruf erlernen will. Die beiden Johns gingen in den vergangenen 43 Jahren mit der Zeit, um ihren Betrieb zu sichern. Sie bieten neben Metzgerei und Lebensmittelgeschäft auch einen Partyservice an und liefern Verpflegung und Frühstück in Altenaer Firmen und Büros – ein strammes Programm, das dazu führt, dass an Urlaub und Freizeit kaum zu denken ist.

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