Heinz Aulfes' Doppelleben im Hitler-Regime

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Heinz Aulfes.

Altena - Noch am Vorabend hatte Heinz Aulfes’ Lesung in der Stadtbücherei die Frage im Publikum aufgeworfen, ob seine Schilderungen aus dem Zweiten Weltkrieg einem jungen Publikum zu vermitteln seien. Sie sind, wie der Autor am Mittwoch im Burggymnasium bewies.

Zur Seite stand ihm dabei ein prominenter Gast: Der frühere Vize-Bundeskanzler Franz Müntefering begleitete die Lesung aus dem Buch „Ihr seid die beste Jugend des tüchtigsten Volkes - Kindheit und Jugend eines Bramscher Schülers im Dritten Reich“.

Franz Müntefering hat die Kriegsjahre nicht ganz so bewusst mitbekommen, wie Heinz Aulfes. Er kann sich zwar an Bomben, Kriegsversehrte und Zwangsarbeiter in Sundern erinnern, doch die Jahre der Machtergreifung sind ihm nicht im Gedächtnis. Heinz Aulfes war sechs und unterbrach das Spiel mit seinem Spielzeugauto und lauschte, als am elterlichen Küchentisch der Name des Führers fiel. Seine Eltern waren überzeugte Sozialdemokraten und Gegner der NSDAP. „Das durfte aber niemand wissen. Sonst wären sie abgeführt und womöglich ins KZ gebracht worden.“

Franz Müntefering.

Es gab solche Fälle, in denen Kinder ihre eigenen Eltern anzeigten, weil sie sich privat gegen die Nazi-Ideologien aussprachen. Diese Ausführungen von Heinz Aulfes erschüttern die Oberstufenschüler am meisten. Mehrmals fragen sie nach, was mit diesen verratenen Menschen geschehen sei und ob den Kindern selbst klar war, welche Konsequenzen ihr Verrat gehabt haben mag.

Der Autor lässt sich gern unterbrechen und bittet seine Zuhörer gar darum. Als er mit Mitte 20 als Junglehrer vor seiner ersten Schulklasse stand, waren die Jahre 1933 bis 1945 vom offiziellen Lehrplan gestrichen worden. Heinz Aulfes hielt sich nicht dran. Er hatte keine Konsequenzen mehr zu befürchten.

Um dem qualvollen Konzentrationslager trotz ihrer politisch entgegensetzten Gesinnung zu entgehen, hatte Familie Aulfes im Bramsche ein Doppelleben geführt. Heinz Aulfes wurde von seinen Eltern nicht zurückgehalten, als die Jungen im Ort in die Hitlerjugend berufen wurden und Schmählieder gegen die Juden angestimmt wurden. Politischer Widerstand fand von ausgewählten Leuten hinter verschlossenen Türen statt. Zum Beispiel in der Zigarrenmacherwerkstatt des Onkels, der aber die NSDAP-feindlichen Flugblätter, die ihm aus dem Ausland zugespielt wurden, rasch wieder vernichtete.

„Ich konnte mir aber trotzdem früh meine Meinung bilden“, so Heinz Aulfes, der die Geschichte seiner Jugend im hohen Alter von 85 niederschrieb.

Zeuge der Reichspogromnacht wurde Heinz Aulfes nicht: „In Bramsche gab es keine jüdische Gemeinde. Keine Juden, von denen sich die Bevölkerung überhaupt ein Bild machen konnte. Es wurde einfach gelehrt, dass Juden eine Bedrohung darstellten. Und viele Menschen haben das geglaubt“, so Aulfes gestern zu den angehenden Abiturienten.

Franz Müntefering war sich nach der Lektüre des Buchs sicher, dass durch Aufklärung und Kommunikation vieles hätte verhindert werden können im Dritten Reich. „Wir sollten heute noch daraus lernen. Man kann sich durchaus mit Menschen streiten, die eine andere Herkunft, Hautfarbe, politische Gesinnung oder Religion haben. Aber wir müssen dabei unser Gegenüber respektieren.“

Heinz Aulfes muss es während seiner Lehrtätigkeit, die ihn zwischen 1958 und 1962 ans Altenaer Jungengymnasium geführt hat, gelungen sein, das zu vermitteln. Ehemalige Schüler hatten am Dienstag seine Lesung in der Bücherei besucht, darunter Hans-Ludwig Knau: „Sie waren mein Vorbild. Wegen Ihnen bin ich Lehrer geworden.“ - Von Ina Hornemann

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