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Auch der Sommer kann Hochwasser

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Von: Thomas Bender

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Sommerhochwasser Lenne
Geranien im Wasser: Das Augusthochwasser im Jahr 2007 war eins der heftigeren. © Heyn, Volker

Gefrorener Boden, Schnee und darauf dann Regen: Das sind die klassischen Zutaten eines Lennehochwassers. Tatsächlich werden m „Pegeldenkmal“ an der Lennestraße ausschließlich Hochwasserereignisse in der kalten Jahreszeit dokumentiert. Dass es auch anders geht, zeigte sich unter anderem im August 2007. Nun gibt es wieder Warnungen für Unwetter mit Starkregen und Hochwasser.

UPDATE Mittwoch 7.40 Uhr: Altena ist praktisch vobn der Außenwelt abgeschnitten: Die B 236 ist sowohl in Richtung Werdohl als auch in Richtung Nachrodt gesperrt, auch die Lüdenscheider Straße ist zwischen Pott-Jost-Brücke und Kleinbahntunnel nicht befahrbar. In Nachrodt ist im Bereich Helbecke der Bahndamm unterspült. Neben Abellio hat auch die MVG ihren Betrieb eingestellt. Für die Feuerwehr wurde Stadtalarm ausgelöst. Das Ordnungsamt teilt mit, dass morgen kein Wochenmarkt stattfindet. Einzige gute Nachricht: Es gibt noch kein Lennehochwasser.

UPDATE Mittwoch 7.30 Uhr: Der Bahnhof in Hagen-Hohenlimburg ist durch ein Unwetter überflutet worden. Deshalb fahren zwischen Werdohl und Hagen vermutlich den ganzen Tag lang keine Züge. Ein Schienenersatzverkehr ist eingerichtet.

Altena – Starke Regenfälle ließen 2007 die Lenne innerhalb kürzester Zeit extrem ansteigen – eine Entwicklung, die damals vor allem deshalb überraschend kam, weil der Hochwasserwarndienst der Bezirksregierung urlaubsbedingt nicht richtig funktionierte. Innerhalb von 24 Stunden stieg der Lennepegel um fast 2,50 Meter an. Nachts um 3 Uhr fing der Bauhof damit an, die Hochwasserbarrieren zu montieren. Sogar die Tiefgarage des Stapelcenters musste in jener Nacht abgeschottet werden. Am Ende erreichte der Pegel einen Höchststand von 3,82 Metern.

Noch dramatischer war die Situation im Oktober 1998, als sich das stärkste Hochwasser seit dem Bau der Biggetalsperre ereignete. Es wurde ebenfalls durch Starkregen ausgelöst, der Pegel stieg auf 4,11 Meter. Sogar Teile des Langen Kamps standen damals unter Wasser.

Der richtig dicke Regen soll noch kommen

Von solchen Werten ist die Lenne im Moment noch weit entfernt. Der Pegel stieg am Dienstag von 60 Zentimetern auf etwa 80 Zentimeter und lag damit gut einen Meter unterhalb des Warnwerts. Aber: Der richtig dicke Regen kommt erst noch. Die Unwetterwarnung für Altena gilt bis Donnerstag, in der Summe sind Niederschlagsmengen von bis zu 120 Litern möglich. Das ist innerhalb weniger Tage das Doppelte dessen, was sonst im ganzen Monat Juli üblich ist. Wetterdienste wie Wetter online oder auch der Deutsche Wetterdienst haben deshalb Unwetterwarnungen herausgegeben, in denen für die kommenden Tage explizit vor der Gefahr von Hochwasser gewarnt wird.

Bauhof in Bereitschaft

Robert Groppe, der Leiter des Baubetriebshofs, reagierte am Dienstagnachmittag nach einem Hinweis des Ordnungsamtes und rief eine Hochwasserbereitschaft aus. Sie beginnt am Mittwoch, 14. Juli. Hintergrund war ein Hinweis des Hochwasserwarndienstes der Bezirksregierung. Groppe über das, was dann passiert: „Wir bereiten dann das Material vor, das wir benötigen“. Durch die Rufbereitschaft wird gewährleistet, dass im Notfall auch nach Feierabend genügend Leute zur Verfügung stehen, um die Stadt abzuschotten. Für diese Bereitschaftszeiten fallen Personalkosten an.

Wasserabgabe aus der Bigge wird erhöht

Nicht nur der Bauhof wird angerufen, wenn es ernst wird. Das Ordnungsamt informiert auch die Betreiberinnen der beiden Lenneterrassen. „Wir haben dann drei bis fünf Stunden Zeit“, schätzt Nilüfer Seker vom Café Nostalgie: Stühle und Tische retten, möglichst viel Ware und die Elektrogeräte aus der Hütte holen – das ist ihr Plan für den Fall der Fälle. „Dann auch noch die Hütte abzubauen, das würden wir wohl nicht schaffen“, meint die Gastronomin.

sommerhochwasserlennekids
Als der Wasserstand gesunken war, war die Lennepromenade so eine Art xxl-Planschbecken. © Keim, Thomas

Dass der Sommer 2021 alles andere als sommerlich verläuft, kann auch Britta Balt, stellvertretende Pressesprecherin des Ruhrverbands, bestätigen. Die Talsperren seien im Juli noch nie so gut gefüllt gewesen wie derzeit. Angesichts der angekündigten Starkregenereignisse gelte es nun, Fingerspitzengefühl zu beweisen. Lag der Füllstand der Talsperren in der Vorjahren oft unter 50 Prozent, steht die Bigge mit 98,1 Prozent Füllungsgrad kurz vor dem Vollstau. Galt es in den Vorjahren, die Ruhr über die Abflüsse in die Lenne am Laufen zu halten, so müsse nun eher darauf geachtet werden, ein Sommer-Hochwasser wie 2007 zu vermeiden. „Wir können jetzt aber auch nicht die Talsperren freiräumen, weil es stark regnen soll“, so Balt. Falls das Regengebiet dann an der Region vorbeiziehe und danach eine längere Trockenphase einsetze, habe man auch nichts gewonnen. Allerdings erhöhte der Ruhrverband die Wasserabgabe aus der Bigge im Verlauf des Dienstags.

Der Klimawandel ist bei uns angekommen.

Britta Belt, Sprecherin des Ruhrverbandes

„Es ist ein Spiel zwischen den Extremen“, so Bald, die daraus einen klaren Schluss zieht: „Diese massiven Regenmassen zeigen, dass da etwas ganz massiv aus dem Ruder gelaufen ist.“ Regenmengen von 100 bis 200 Litern pro Quadratmeter seien ebenso wenig normal wie drei Hitzesommer in Folge. „Der Klimawandel ist bei uns angekommen“, so Balt. Ganz verhindern könne man ein Hochwasser in Städten wie Altena ohnehin nur schwerlich, „denn auf alles, was hinter der Biggetalsperre in die Lenne fließt, haben wir keinen Einfluss“, so Balt.

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