Laufbursche im Drogenhandel: Milde Strafe für 31-Jährigen

Altena - Mit einer innigen Umarmung zwischen dem Angeklagten und seiner Frau ging der Prozess gegen einen 31-jährigen Mann aus Essen zuende, der eine große Marihuana-Plantage im Haus Bahnhofstraße 57 intensiv gepflegt hatte. Denn statt ins Gefängnis durfte er nach Hause zu Frau und Kind.

„Zwei Jahre auf Bewährung“ lautete das Urteil der 6. großen Strafkammer, die den Angeklagten wegen des unerlaubten Anbaus einer nicht geringen Menge Betäubungsmittel verurteilte. Als Bewährungsauflage muss der Angeklagte 2000 Euro an eine Drogenberatungsstelle zahlen.

Der Verteidiger hatte zwar vorgebracht, dass sein Mandant erst später dazugekommen sei und lediglich die Rolle eines Laufburschen gehabt habe. Die Kammer wies diese Deutung allerdings zurück: „Es ist nicht nötig, so ein Pflänzchen von der Wiege bis zur Bahre zu begleiten“, argumentierte die Vorsitzende Richterin Dr. Bettina Wendlandt gegen die Annahme einer reinen Beihilfe-Handlung.

Diese sah die Kammer allerdings gegeben beim Handel mit einer nicht geringen Menge Betäubungsmittel, da die Richter „keine Erkenntnisse darüber hatten, dass der Angeklagte der Drahtzieher der ganzen Geschichte war“. Es sei eher fraglich, dass ein Organisator durch seine Präsenz am und im Objekt ein derart hohes Risiko eingehe, urteilte die Kammer.

In seinem letzten Wort wandte sich der bisher nicht vorbestrafte 30-Jährige mit einem eindringlichen Appell an die Richter und entschuldigte sich bei seiner Frau: „Es war nur die (finanzielle) Not, die ich da hatte.“ Zu den Hintermännern der Geschichte wolle er nichts sagen, weil er Angst um seine Familie habe. Und dann sprach der Angeklagte noch einen Satz, der den guten Eindruck, den er zuvor in der Verhandlung gemacht hatte, fast hätte vergessen lassen: „Ich sehe jetzt erst auf den Bildern, was das für Ausmaße hatte.“ Die Bemerkung war eine Steilvorlage für die Urteilsbegründung der Vorsitzenden Richterin, die sich über die Wahrnehmungsstörungen des Angeklagten wunderte: „Wer die Bilder nur sieht - es ist alles vollgestellt mit Hunderten von Pflanzen.“ Den Wert der zu erwartenden Ernte im Straßenverkauf bezifferte die Richterin auf mehr als 140000 Euro.

Ganz andere Vorstellungen über das zu verhängende Strafmaß hatte zuvor der Staatsanwalt geäußert: Er beantragte eine Haftstrafe von drei Jahren und acht Monaten, die der Angeklagte hätte absitzen müssen. Sein Verteidiger erzählte die Geschichte einer Honorarkraft in Diensten finsterer Mächte und bat um ein mildes Urteil: „Er hat Botengänge durchgeführt.“ Diese Deutung hatte allerdings schon der Staatsanwalt durch eine Aufzählung von Indizien für eine intensive Beteiligung des Angeklagten weitgehend widerlegt.

Der Verteidiger wiederum wunderte sich, dass die Ermittlungen gegen zwei weitere Tatverdächtige eingestellt worden waren. Niederländische Aufschriften auf den Kartons der in die Wohnung gelieferten Elektrogeräte wiesen auf Drahtzieher im Nachbarland hin. In seinem Plädoyers gab er auch die Antwort auf die Frage, warum ein identifizierter Mittäter nicht auf der Anklagebank saß: Der Mann sitze derzeit wegen eines Betäubungsmitteldeliktes in einem Schweizer Gefängnis.

Überraschenderweise anwesend war nach mehrmaligem Fehlen hingegen die Vermieterin der Wohnung. Sie wollte nicht mehr bestätigen, was sie im Amtsgericht noch ausgesagt hatte: Dass nämlich der Angeklagte bei der Unterzeichnung des Mietvertrages dabei gewesen sei. Aber irgendwie kam es darauf auch nicht mehr an.

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