"Kyrill war ein Klacks": Waldbesitzer entsetzt das große Waldsterben

+
Waldbesitzer Rolf Conzen an einem von Erosion bedrohten Hang: Nach einer Regennacht ist die Erde nur oberflächlich feucht.

Altena – Rolf Conzen weiß nicht, wie es weitergeht: Den Waldbesitzer macht das Waldsterben fassungslos. Es gibt zig Probleme - und kaum Lösungen.

"Ratlos“. Bestimmt 50 Mal benutzt Rolf Conzen dieses Wort während der einstündigen Fahrt durch seinen Wald. 150 Hektar gehören ihm, Familienbesitz seit beinahe 90 Jahren. 

„Jetzt ist der ganze Wald in Auflösung begriffen“, sagt der Altenaer spürbar resignierend.Ob er den Borkenkäfer in den Griff bekommt? Wie es weitergehen soll? Conzen hat auf viele Fragen keine Antworten.

Dass es dem Wald schlecht geht, ist nichts Neues. Tage mit Hitze von 40 Grad, wie es sie im Juli mehrfach gegeben hat, hätten das Sterben allerdings noch einmal massiv beschleunigt, berichtet Conzen. 

Jedes Mal, wenn er durch seine Wälder fährt, entdeckt er neue Schäden. Und es sind längst nicht mehr nur Fichten, die vom Borkenkäfer befallen sind. Conzen zeigt auf Buchen, die zu vertrocknen drohen und Kiefern, die schon tot sind. 

Quell allen Übels ist der zweite trockene Sommer in Folge. In der Nacht vor dem Waldbesuch hat es geregnet. Knapp ein Zentimeter Waldboden ist feucht, danach kommt Staub. Die Erde nehme überhaupt keine Feuchtigkeit mehr auf, meint der Waldbesitzer und befürchtet immense Erosionsschäden gerade an den Steilhängen. 

Man werde sich überlegen müssen, wie man Häuser und Fabriken in den Tallagen schützen kann, wenn immer mehr Bäume sterben. Und ob man noch Spaziergänger in den Wald lassen könne, darüber müsse man ebenfalls nachdenken. „Man trägt ja auch eine Verantwortung.“ Conzen erwägt jedenfalls, Wege dort zu sperren, wo besonders viele tote Bäume stehen. 

Totholz am Wegesrand: Conzen überlegt, ob er Spaziergänger noch in seine Wälder lässt.

Und die Bäume sterben – und zwar so schnell, dass Conzen mit dem Fällen nicht nachkommt. Abgesägt wird das, was schon braun geworden ist. Regelrechte Löcher klaffen in seinen Beständen, was gleich die nächsten Probleme aufwirft. Stürme überstehen solche Wälder nicht mehr gut. Eigentlich müsste Conzen noch viel mehr fällen. „Wir finden keine Leute“, sagt er und erklärt, dass Kyrill gegen das, was jetzt passiert, ein Klacks gewesen sei. 

Der Sturm sei eine regional begrenzte Katastrophe gewesen, Menschen und Maschinen aus vielen Ländern hätten damals beim Aufräumen geholfen. Die Trockenheit treffe nun aber ganz Europa. In allen Staaten leide der Wald, auswärtige Hilfe sei nicht zu bekommen. Und das Holz, was er schlagen konnte, das wird Conzen nicht oder nur mit Mühe los. 

„Das geht in die Spanplattenherstellung“, sagt er vor einem mannshohen und rund acht Meter langem Polter. Der Waldbesitzer ist sich sicher, dass er dafür keinen Cent sehen wird. „Die holen es ab, aber die bezahlen nichts dafür“. Die fünf Euro pro Kubikmeter Holz, die der Staat fürs Fällen zahlt, sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Längst sind die Kapazitäten der Sägewerke erschöpft. Conzen ist froh, wenn er wenigstens den einen oder anderen Langholzzug loswird. „Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich der Holzpreis mehr als halbiert“, berichtet er vor einem Stapel frisch gefällter Fichten. 80 Raummeter seien das wohl, schätzt er. 

Zwischen 80 und 100 Jahre alt sind die Bäume, etwas über 2000 Euro wird der Waldbesitzer dafür bekommen. Das ist etwa soviel, wie der Hinterreifen seines Treckers gekostet hat, den er sich beim Fällen kaputt gefahren hat. 

30 Raummeter Holz: Etwas über 2000 Euro werden die Chinesen wohl dafür bezahlen. Damit die vom Käfer befallenen Bäume im Wald gelagert werden können, muss Conzen zum ersten Mal seit vielen Jahren Insektizide spritzen.

Zwei, drei Wochen noch, dann reist Conzens Holz gen China. Die Forstwirtschaftliche Vereinigung Mark-Ruhr hilft den Waldbesitzern bei der Vermarktung, die Fichten aus dem Sauerland gehen per Schiff ins Reich der Mitte. 

Hintergrund: Weil deutlich mehr Waren von China nach Europa exportiert werden als umgekehrt, werden massig leere Container über die Meere geschifft. Das macht den Transport gen Osten billig. Genau 11,80 Meter lang darf ein Stamm dann sein. Der Rest wird abgesägt. 

Was damit passiert? Einmal mehr zuckt Conzen mit den Schultern. Wo gefällt wird, da wird aufgeforstet. Daran hat auch Rolf Conzen sich in der Vergangenheit gehalten und nach Kyrill rund 60 000 Pflänzlinge gesetzt. Noch kommen die mit der Trockenheit zurecht. Aber „letztes Jahr habe ich in einem Bestand 500 Roteichen gepflanzt. Die sind alle eingegangen“, berichtet der gelernte Agraringenieur und weist darauf hin, dass auch Fachleute angesichts des Klimanotstands ratlos seien und nicht wüssten, welche Neuanpflanzungen sie empfehlen sollen. 

Conzen: „Hinzu kommt, dass es weder die Setzlinge gibt noch genügend Menschen, die sie setzen könnten.“ Wie es weitergeht mit seinnem Wald? Conzen weiß es nicht. Zumal seine Kinder nicht in seine Fußstapfen treten werden.

 „Manche geben jetzt auf“, weiß er aus Gesprächen mit Kollegen. Es werde Flächen geben, die einfach sich selbst überlassen würden. Natürlich wachse auch dort etwas: Birken, Ebereschen, sicher auch Fichten. Nutzholz werde ein solcher Bestand aber kaum hergeben, meint Conzen. Nicht auszuschließen also, dass der Holzschwemme von heute eine Knappheit folgt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare