Kunstfehler: „Da geht es nur ums Geld“

ALTENA ▪ Die Akte Marius Nolte/Geschwister gegen das St. Vinzenzkrankenhaus und seinen damaligen Belegarzt, einen ortsansässigen Gynäkologen, ist auch nach elf Jahren nicht geschlossen.

Rückblende: Damals, am 6. April 2000, brachte die Lebensgefährtin des heute 47-jährigen Andreas Nolte, Kathrin Müller, ihren gemeinsamen Sohn Marius zur Welt. Dabei verblutete die mehrfache Mutter, das Kind selbst trug bleibende Gesundheitsschäden davon.

Andreas Nolte nahm sich den renommierten Kölner Juristen Dr. Boris Meinecke zum Anwalt, dessen Sozietät sich auf Arzthaftungsrecht spezialisiert hat, um eine Versorgung des Kindes zu erreichen. Doch bis heute ist bis auf einen schier unendlichen Gutachterstreit und das Warten auf „ein bisschen Gerechtigkeit“, wie es Andreas Nolte noch im Spätherbst 2007 gegenüber unserer Zeitung sagte, nicht viel passiert.

Nolte wartet noch immer auf Schadenersatz der Haftpflichtversicherung von Krankenhaus und Arzt. Beide waren bei der Versicherungskammer Bayern pflichtversichert.

Pflichtversichert

Wie Stefan Tewes, Richter am Landgericht Hagen auf Anfrage sagte, „läuft das Verfahren noch. Die Akte befindet sich bei einem Sachverständigen.“ Er soll das Ausmaß der Schäden, die Marius davongetragen hat, untersuchen. Diese Begutachtung fand am 2. Februar statt. Laut Andreas Nolte folgte er damit einer Anordnung des Landgerichtes aus dem letzten Jahr. „Marius musste noch einmal in die Röhre, wurde in einem Gehirntomographen untersucht.“ Der juristische Streit vor der neunten Kammer des Landgerichtes dauert also an – Ende offen.

Für Frank Lepold, den Leiter der Geschäftsstelle Deutscher Patienten Schutzbund in Dormagen, ist die Dauer des Verfahrens zwar „schon außergewöhnlich lang“, wie er auf Anfrage sagte. „Doch das ist wohl kein Einzelfall“, so der Fachmann. Seit 15 Jahren befasst sich seine Einrichtung – wie einige Dutzend andere – neben Fachanwälten mit der Wahrung der Interessen von Patienten beim Verdacht auf ärztliche Kunstfehler.

Lepold rät: „Weitermachen, so lange es geht.“ Das sei vielleicht leichter gesagt, als getan. Denn das alles koste nicht nur Nerven, Kraft, sondern auch viel Geld. „Ich weiß nicht, gibt es einen Anwalt, wie ist der aufgestellt. Gibt es eine Rechtsschutzversicherung und wie ist der genaue Stand des Verfahrens.“ Im Grunde, so der Manager des Deutschen Patienten-Schutzbundes weiter, „geht es den Versicherungen nur darum, einen möglichen Schadensersatz so lange wie möglich vor sich herzuschieben. Da geht es nur ums Geld, um mehr nicht.“

Guter Dinge

Anwalt Meinecke bestätigte das gegenüber unserer Zeitung, sagte aber auch, dass er guter Dinge sei. Der Fall sei klar, er rechne in absehbarer Zeit mit einem für seine Mandaten guten Ausgang. Gerade wenn Kinder betroffen seien müsse berücksichtigt werden, dass die womöglich ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen seien und dadurch immense Kosten entstünden.

Geklagt hat Anwalt Meinecke gegen die katholische Gemeinde, die Hebamme, den Belegarzt, den Anästhesisten, den Chef-Chirurgen und einen weiteren Arzt. Kläger sind – weil Nolte mit seiner Lebensgefährtin nicht verheiratet war – die vier Kinder der Verstorbenen.

von Johannes Bonnekoh

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