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Kriegsflüchtlinge in Altena: Auf keinen Fall Massenquartiere

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Von: Thomas Bender

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Immer mehr Flüchtlinge kommen auch in Halver an. Und die Prognosen gehen von deutlich mehr Menschen aus der Ukraine aus.
In Altena leben aktuell mehr als 200 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine. © Jan Woitas

Als vor sieben Jahren die Syrer kamen, beschäftigte das Thema Flüchtlinge die halbe Stadt. Viel ruhiger ist es um die Ukrainer, die im Moment in Altena Schutz suchen.

Im Gespäch mit dem AK schildern Anette Wesemann und Agnes Goniwiecha von der Stadt Altena deren Situation.

Wie viele Flüchtlinge aus der Ukraine leben zur Zeit in Altena?

Der Stadt sind 206 Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet bekannt. Wesemann und Goniwicha nehmen aber an, dass sie nicht von jedem Ukrainer wissen, der hier lebt. Die meisten Geflüchteten sind Frauen und Kinder, es sind aber auch einige wenige alleinstehende Männer gekommen. Übrigens sind nicht alle ukrainische Staatsbürger: Es kamen beispielsweise auch Studenten, die in der Ukraine ein Auslandssemester absolvierten.

Wieso hat die Stadt keinen genauen Überblick?

Weil sich nicht alle Flüchtlinge bei ihr melden. Manche haben Freunde oder Verwandte, bei denen sie unterkommen und von denen sie zunächst versorgt werden, bis die notwendigen Formalitäten erledigt sind – und dabei sitzt die Stadt nicht unbedingt mit im Boot. Das hat auch mit dem aufenthaltsrechtlichen Status zu tun. Ukrainer sind keine Asylbewerber, sondern haben eine so genannte „Aufenthaltserlaubnis nach Paragraf 24 Aufenthaltsgesetz“. Ihren Unterhalt und die Wohnung zahlt das Jobcenter. Die Stadt muss – wenn überhaupt – nur für den Zeitraum zwischen Zuzug und Registrierung beim Jobcenter einspringen. Dafür bekommt sie eine Pauschale vom Land.

Gibt es auch wieder Zuweisungen?

Ja. Flüchtlinge, die keine Anlaufstelle haben, werden nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Kommunen verteilt. Altena erfülle seine Quote zu nahezu 100 Prozent, bekomme aber weiterhin Zuweisungen, erklärt Goniwiecha. Dabei seien andere Kommunen erst bei 70 oder 80 Prozent. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die für die Zuweisungen zuständige Bezirksregierung weiß, dass Altena mit der Unterbringung relativ wenig Schwierigkeiten hat.

Wo wohnen die Flüchtlinge?

Es gilt weiterhin, dass die Stadt auf keinen Fall eine Unterbringung in Massenquartieren beispielsweise in Turnhallen haben möchte. Sie hat sie in städtischen Wohnungen insbesondere im alten Krankenhaus untergebracht und teilweise auch Wohnungen angemietet. „Vereinzelt werden uns auch Wohnungn von Privatleuten angeboten“, berichtet Wesemann, die in jedem Fall ganz genau hinschaut – es gebe auch Vermieter, die mit den Flüchtlingen Kasse machen wollen. Die geflüchteten Männer leben in einem Haus In der Heimecke, in dem auch männliche syrische Flüchtlinge untergebracht sind. Das Miteinander klappe gut, was auch ein Verdienst des sehr engagierten Hausmeisters Udo Michel sei, wie Agnes Goniwiecha betont.

Gibt es wie damals bei den Syrern wieder „Kümmerer“?

Das halten Goniwiecha und Wesemann nach ihren bisherigen Erfahrungen nicht für erforderlich. Es gebe ein gutes Netzwerk zwischen den Geflüchteten aus der Ukraine, so dass die in der Lage seien, die meisten Probleme selbst zu lösen. „Und wenn sie gar nicht mehr weiter wissen, dann kommen sie halt zu uns“, sagt Wesemann-

Wie sieht es mit der Verständigung aus?

Es sei nicht richtig, dass die meisten Ukrainer Englisch sprechen, sagt Wesemann. Sie greife deshalb auf Altenaer mit Russischkenntnissen zurück, wenn es Verständigungsprobleme gebe. Entgegen erster Befürchtungen gebe es bei den Ukrainern keine Vorbehalte gegen Dolmetscher mit russischen Wurzeln – „die sind einfach dankbar, dass sie sich mit jemandem verständigen können“. Manchmal hilft auch der Google-Übersetzer – „aber die Ergebnisse sind oft zum Schmunzeln“.

Gibt es wieder ehrenamtlich organisierte Sprachkurse?

Das ist nicht nötig. Anders als damals bei den Syrern sind sehr schnell professionelle Deutschkurse für die Ukrainer organisiert worden. Einige finden im Thomas-Morus-Haus statt, andere bei der Volkshochschule in Werdohl.

Was ist mit den Kindern?

22 Jungen und Mädchen sind im Grundschulalter und 37 zehn bis 17 Jahre alt – sie alle sind schulpflichtig und besuchen entsprechende Förderklassen an den Grundschulen beziehungsweise am Gymnasium. Es gibt außerdem 18 Kinder unter sechs Jahren. Zwar gelte der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz rein theoretisch auch für Kinder aus Flüchtlingsfamilien, praktisch sei das aber nur schwer umzusetzen, erklärt Goniwiecha. Das liege an Sprachproblemen und daran, dass es zu wenig Plätze gebe. Hilfreich sei eine Initiative des Kindergartens Zwergenburg an der Freiheitstraße, der eine Spielgruppe für Mütter und Kinder aus der Ukraine anbietet.

Ist die Kleiderkammer in der ehemaligen Knerling-Grundschule noch ausreichend gefüllt?

Kleidung auch für die kalte Jahreszeit ist dort in ausreichendem Maße vorhanden. Auch die Flüchtlinge aus der Ukraine bekommen bei ihrer Ankunft in Altena ein „Willkommenspaket“ mit den wichtigsten Gegenständen für den Haushalt. „Dafür brauche ich dringend Töpfe und Pfannen“, sagt Wesemann. Entsprechende Spenden können dienstags von 10 bis 11 Uhr und donnerstags zwischen 15 und 17 Uhr am Knerling abgegeben werden.

Dürfen die Flüchtlinge arbeiten?

Sie können einen Antrag auf eine Arbeitserlaubnis stellen, einige sind auch bereits in Arbeit. Das stößt bei Asylbewerbern und Geduldeten teilweise auf Unverständnis, wie Wesemann weiß – wer zu diesen Personengruppen gehöre, bekomme selbst dann keine Arbeitserlaubnis, wenn er gut Deutsch spreche und schon mehrere Jahre hier wohne. Das läuft einem Grundsatz der Stadt zuwider: „Wir wollen leben, dass es keine Flüchtlinge erster und zweiter Klasse gibt. Das sind alles Menschen.“

Gibt es ein Prognose?

Damit halten sich Goniwiecha und Wesemann zurück: Das hänge vom weiteren Verlauf des Krieges ab. Vereinzelt seien Geflüchtete auch schon in die Ukraine zurückgekehrt, weil sich die Situation in iheren Herkunftsorten beruhigt hat. Russen, die sich durch Flucht der Rekrutierung entziehen wollen, seien bisher noch nicht angekommen. Der Verein Pro Asyl rechnet auch nicht damit, dass es zu einer größeren Anzahl von Flüchtlingen aus Russland kommt, weil Nachbarländer wie Polen oder Estland Russen selbst dann nicht einreisen lassen, wenn sie ein Visum vorweisen können.

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