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Krieg in Ukraine: Heimische Unternehmen in Sorge

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Von: Ines Engelmann, Markus Wilczek, Susanne Fischer-Bolz

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Direkt betroffen von der Russland/Ukraine-Krise ist VDM Metals. Das Unternehmen betreibt eine Niederlassung in Moskau. Dort arbeiten ausschließlich Einheimische aus Russland.
Direkt betroffen von der Russland/Ukraine-Krise ist VDM Metals. Das Unternehmen betreibt eine Niederlassung in Moskau. Dort arbeiten ausschließlich Einheimische aus Russland. © Bender, Thomas

Wladimir Putin macht in Sachen Ukraine ernst. Der Krieg hat begonnen. Unternehmen in Altena und Nachrodt fürchten steigende Preise und weitere Konsequenzen.

Altena/Nachrodt – „Der Handel mit Russland wird ziemlich zum Erliegen kommen!“ Davon geht Frank Herrmann, Außenhandelsexperte der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer (SIHK), aus, nachdem Russland am Donnerstag den Krieg mit der Ukraine begonnen und eine große Invasion gestartet hat. (Zum News-Ticker)

Im heimischen Kammerbezirk betreiben rund 90 Unternehmen direkten Handel mit Russland, etwa 60 mit der Ukraine. 30 Firmen verfügen über eine Niederlassung in Russland, zwei Unternehmen produzieren dort beziehungsweise in der Ukraine.

Unternehmen in Sorge

„Im Handelsranking unserer Firmen liegt Russland auf Rang 14, die Ukraine noch deutlich tiefer“, sagte Herrmann. Dabei gehe es zu einem großen Teil um Exporte. „Importiert nach Deutschland werden ja vor allem Öl und Gas“, so Herrmann. Hier sei die SIHK-Region eher indirekt durch möglicherweise weiter steigende Gas- und Ölpreise betroffen.

Bislang sei ein Handel mit Russland durchaus möglich gewesen. „Denn die Sanktionen beschränkten sich größtenteils auf Einzelpersonen sowie den Öl- und Gassektor. Das wird jetzt natürlich anders. Das Land wird nach dem Beginn der Kriegshandlungen isoliert werden“, sagt Herrmann, der mit einer deutlichen Verschärfung der Sanktionen rechnet. Mit seiner Größe und der Kaufkraft in gewissen Schichten habe das Land durchaus Handelspotenzial geboten. „Aber das ist jetzt alles vorbei“, sagt der SIHK-Außenhandelsexperte.

Bundestagsabgeordnete Paul Ziemiak (CDU) und Bettina Lugk (SPD) entsetzt

„Heute ist ein schwarzer Tag für Europa. Es ist eindeutig: Wladimir Putin führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Ich bin in Gedanken bei den Menschen, die jetzt Opfer der Bomben werden“, sagt Paul Ziemiak. Der Großvater des CDU-Bundestagsabgeordneten ist in der Nähe von Lemberg, das ist im Westen der Ukraine, geboren worden und sein Geburtshaus steht dort bis heute.

„Deshalb fühle ich mich den Menschen dort besonders verbunden. Ich stehe in täglichen Kontakt mit meinen Freunden in der Ukraine“, so Paul Ziemiak und ergänzt: „Wir haben alle die Warnungen gehört und gelesen. Ich hatte aber immer die Hoffnung, dass Putin nicht so weit geht.“

Es bedürfe jetzt schärfster Sanktionen gegen Russland, die Vorbereitung eines Großeinsatzes zur humanitären Hilfe vor Ort und die Vorbereitung der Kapazitäten zur Flüchtlingsaufnahme.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Bettina Lugk hatte gehofft, war sogar davon überzeugt, „dass wir in Europa aus den zwei Weltkriegen und dem Balkankrieg im vergangenen Jahrhundert genug gelernt haben, um keine militärischen Auseinandersetzungen auf unserem Kontinent zuzulassen. Dass dies nicht so ist und wieder Menschen in einem Krieg sterben, trifft mich persönlich sehr“, so die Sozialdemokratin. Putin habe sein Land damit auf Jahre in die politische und wirtschaftliche Isolation geführt. „Es wird ein Sanktionspaket in einem nie da gewesenen Ausmaß geben, das ohne Wenn und Aber auch uns etwas abverlangen wird. Die Maßnahmen haben das Hauptziel, Russlands Möglichkeiten einen Krieg zu finanzieren, einzuschränken“, sagt Bettina Lugk.

Unternehmen in Sorge

Besonders zu spüren bekommen dürften das laut Herrmann heimische Unternehmen, die Niederlassungen in Russland betreiben. „Da werden die Auswirkungen sicherlich extrem sein“, befürchtet Herrmann.

Dazu zählt VDM Metals, größter Arbeitgeber der Nachbarstadt Werdohl und einer der größten in Altena. Das Unternehmen verfügt über eine eigene Niederlassung in Russland, die ihren Sitz in der Hauptstadt Moskau hat. „Deshalb haben wir natürlich auch Handelsverflechtungen mit Russland und wären dann auch von einer Verschärfung der Sanktionen betroffen“, sagt Philipp Verbnik, Leiter Marketing bei VDM Metals. In der Moskauer Dependance arbeiteten keine Menschen aus der heimischen Region, dort seien ausschließlich russische Mitarbeiter beschäftigt. Zu weiteren Details des Russland-Geschäfts wollte sich Verbnik auf Nachfrage der Redaktion nicht äußern.

Die Walzwerke Einsal haben hingegen keine Kunden in Russland, dafür aber eine Tochtergesellschaft in Polen, von der aus der osteuropäische Markt bedient wird. „Wir haben einen Lieferanten in der Ukraine“, sagt Dr. Bodo Reinke, Geschäftsführer der Walzwerke. „Dem drücken wir sehr die Daumen, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen möglichst ohne Konsequenzen bleiben.“ Der Angriff auf die Ukraine kam für Bodo Reinke nicht überraschend. „Nachdem der amerikanische Präsident angekündigt hat, dass es keine amerikanischen Truppen in der Ukraine geben wird, war es quasi eine Einladung. Damit war klar, dass Putin nur noch einen Vorwand benötigt, um einzumarschieren.“ Putin, so glaubt Bodo Reinke, nimmt die Europäische Union nicht ernst und „weiß, dass es eine doppelte Abhängigkeit gibt. Er braucht Europa als Absatzmarkt, aber Europa braucht auch Russland als Lieferant von Rohstoffen und Energie.

Unternehmen in Sorge

Da ist es für unsere Regierung nicht einfach, klare Antworten zu finden. Keiner möchte, dass kurzfristig sämtliche Energieflüsse gestoppt werden. Das Schlimme ist, dass die Ukraine das Opfer ist. Waffenlieferungen aus Deutschland, die jetzt nicht mehr ausgeschlossen werden, hält Bodo Reinke für keine gute Idee: „Dann müsste man konsequenterweise auch sagen, dass alles, was Gazprom heißt, raus aus Deutschland muss. Und es ist uns gar nicht bewusst, wie groß da die Verbindungen sind.“ Deutschlands größter Erdgasspeicher Rehden gehört der Gazprom-Tochter Astora – und ist Symbol der Abhängigkeit der Deutschen von Putins Gas.

Das Drahtwerk Lüling hat in der Vergangenheit einen Kunden in Russland beliefert. „Aber da ist es ziemlich still geworden“, erklärt Geschäftsführer Christian von der Crone auf Nachfrage der Redaktion. Wie sich der Krieg auf Deutschland und auch den Betrieb von Lüling auswirken wird, sei für von der Crone noch nicht ganz absehbar. „Für eine Prognose wäre es jetzt noch zu früh.“ Er ist sich aber ziemlich sicher, dass die Kosten noch weiter steigen werden. „Die Lage ist ohnehin schon wegen der erhöhten Kosten angespannt. Der Krieg wird die Lage nicht einfacher machen“, sagt von der Crone. „Das ganze Thema wird uns alle noch beschäftigen.“

Der Lüling-Geschäftsführer hofft derweil, dass sich die Politiker nicht zu sehr instrumentalisieren lassen und besonnen handeln. Von den Amerikanern teures Gas zu kaufen, welches sie selbst von Russland abkaufen, sei für von der Crone keine sinnvolle Lösung. „Und ich glaube auch, dass es dem Russen egal sein kann, ob ihr Gas nach Deutschland oder nach China fließt.“

Auch Stadtwerke- und Aquamagis-Geschäftsführer Dr. Uwe Allmann sieht durch den Konflikt Konsequenzen für Deutschland und die Region.

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