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Nach Zwangsversteigerung: So geht es mit Traditionsfirma weiter

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Von: Volker Heyn, Jona Wiechowski

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Insgesamt rund 4500 Reifen wurden in den letzten Wochen entfernt.
Insgesamt rund 4500 Reifen wurden in den letzten Wochen entfernt. © Heyn, Volker

Zwei Investoren haben eine Traditionsfirma in Altena ersteigert. Die ersten Dinge haben sie auf dem rieseigen Areal schon angestoßen.

Altena – Die Ipem Immobilien-Projektentwicklungs- und Management Gesellschaft von Kristof und Prof. Dr.-Ing. Jürgen Erbach hat die alte Firma Berg ersteigert. Seit Herbst vergangenen Jahres sind sie die Eigentümer. Die ersten Dinge haben sie schon angestoßen auf dem riesigen Areal an der Rahmedestraße. Noch wissen sie allerdings nicht so wirklich, was hier entstehen soll.

Trotz alledem tut sich was. „Wir machen erst einmal Ordnung“, sagten die beiden beim Termin vor Ort. Dafür wurde den verbliebenen Mietern zum Ende vergangenen Jahres gekündigt. Nicht alle haben es rechtzeitig geschafft; in den nächsten Wochen soll sich aber auch das erledigt haben.

In den letzten Tagen liefen unter anderem schon Aufräumarbeiten. Prof. Dr.-Ing. Jürgen Erbach berichtet davon, wie allein rund 4500 Reifen entfernt werden mussten, die in einem oberen Stockwerk gelagert waren. Brandschutztechnisch äußerst problematisch.

Kristof und Prof. Dr.-Ing. Jürgen Erbach aus Wetzlar haben die geschichtsträchtige Firma Berg an der Rahmedestraße ersteigert. Nicht fehlen dürfen auf dem
Kristof und Prof. Dr.-Ing. Jürgen Erbach aus Wetzlar haben die geschichtsträchtige Firma Berg an der Rahmedestraße ersteigert. Nicht fehlen dürfen auf dem © die beiden Hunde Lilly und Lotte. Foto: WIECHOWSKI

Einen konkreten Plan, was, wann, wie gebaut werden soll gibt es noch nicht. „Vielleicht werden wir Nutzungsideen als Einzelbausteine zusammenfügen“, erklärten die beiden, machten aber auch klar: Altena stehe aktuell nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der beiden, die mit mehreren Großprojekten bereits umfangreich beschäftigt sind.

Wer sind die Käufer?

Professor Dr.-Ing. Jürgen Erbach aus Wetzlar gründete 1997 die Immobilien Projektentwicklungs- und managementgesellschaft (Ipem) als geschäftsführender Gesellschafter. Seit 2003 ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Ipem AG. Seit 2000 ist er Professor für Immobilienprojektentwicklung an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden.

Kristof Erbach begleitet seit 1988 Finanzierungen von Immobiliengroßprojekten für private und institutionelle Investoren. Kristof Erbach begleitete das Versicherungsgeschäft der Immobilientochter einer Bankengruppe im Milliardenbereich. Seit 2002 widmet er sich ausschließlich den Immobiliengeschäften der Ipem-Gruppe.

Ipem baut aktuell ein Wohnprojekt in Grevenbroich, baute Logistikzentren in Kassel, Neuss und Ratingen sowie UCI-Kinos in Neuss und Düsseldorf.

20 Jahre, nach denen Jürgen und Kristof Erbach zusammengefunden hatten, ließen die beiden 2008 ihre Partnerschaft eintragen. Der katholische Wetzlarer Pfarrer Peter Kollas spendete dem schwulen Paar kirchlichen Segen.

Kollas wurde daraufhin vom damaligen Limburger Bischof Tebartz von Eltz als Bezirksdekan entlassen. Es gab ein europaweites Medienecho, die Süddeutsche Zeitung titelte „Der Wetzlarer Sündenfall“ und berichtete über die Bestürzung der Erbachs.

Auf den ersten Blick haben die beiden bei der Berg-Immoilie ein Schnäppchen gemacht: Für etwas über 200 000 Euro erhielten sie bei der Zwangsversteigerung – als einzige Bieter – den Zuschlag für das Areal mit einer Gesamt-Nutzfläche von gut 18 000 Quadratmetern. Wobei: „Der Preis relativiert sich schnell“, sagt Prof. Dr.-Ing Jürgen Erbach. Abrissarbeiten, wenn auch nur für Teile, lägen schnell im siebenstelligen Bereich. Soviel stehe aber fest: Komplett abgerissen werden solle die Firma nicht.

Insgesamt rund 4500 Reifen wurden in den letzten Wochen entfernt. Archi
Insgesamt rund 4500 Reifen wurden in den letzten Wochen entfernt. Archi © Heyn

Trotz alledem: Die Tatsache, dass die anfängliche Invention „überschaubar“ ist, erlaube den beiden nun, erst einmal die Füße stillhalten zu können und nichts übers Knie brechen zu müssen.

Bereits im Vorfeld des Kaufs hatten die beiden Kontakt mit der Stadt aufgenommen und wollen auch jetzt eng mit ihr zusammenarbeiten. Altena habe für die beiden einen „sehr guten Klang“. Kennengelent hätten sie die Burgstadt vor Jahren schon durch den vorigen Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein.

Werdegang der Firma: 5000 Menschen produzierten Kleeblatt-Speichen, Matratzen und Krankenhausmöbel

Firma Wilhelm Berg in der Rahmede hat ein Stück deutsche Industriegeschichte mitgeschrieben. Aus kleinen Anfängen ab 1850 entwickelte sich in Familienbesitz zu besten Zeiten eine Unternehmensgruppe mit 3000 Mitarbeitern und Niederlassungen in Berlin, Düsseldorf, München und Frankfurt.

Eines der Markenzeichen der Firma waren Speichen unter dem Warenzeichen Kleeblatt. In der Speichenherstellung war die Firma Berg europaweit Marktführer, belieferte als Erstausrüster Fahrrad- und Motorradhersteller. Weiter wurden Federn gefertigt, Krankenhausmöbel und Matratzen. Als Gründungsjahr der Drahtzieherei Berg ist 1885 verzeichnet, es gab jedoch Vorläuferbetriebe von 1853 und 1873. Untrennbar verbunden mit der Firma Wilhelm Berg ist der Name Fritz Berg. 1901 in der Burgstadt geboren, trat er 1928 nach einem Studium in Köln und einem Aufenthalt in den USA – er führte ihn unter anderem zur Firma Ford – in die Geschäftsführung des Altenaer Unternehmens ein.

Fritz Berg wurde erster Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Wilhelm Berg war der Vater von Fritz Berg. Großvater Friedrich Berg hatte die Drahtzieherei 1885 gegründet. Nach der Firma Wilhelm Berg GmbH & Co KG in der Rahmede und dem Märkischen Stahldrahtwerk (MSW) ging im Jahr 2022 das Insolvenzverfahren über die Firma WBG Berg zu Ende, die Grundstücks- und Immobiliengesellschaft der Unternehmensgruppe Berg. Im April 2022 ersteigerte die Immobilien-Projektentwicklungs- und Management GmbH (IPEM) aus Wetzlar bei einer Zwangsversteigerung im Amtsgericht Altena die zahlreichen Gebäude mit einer Gesamt-Nutzfläche von knapp 18 000 Quadratmetern für 215 000 Euro.

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