Konditorei-Café Merz: Übergang mit System

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Rainer Merz und Silvia Cleemann mit einem der vielen Backbücher. „Wir überlassen nichts dem Zufall“, verischern die beiden. Alle Rezepte sind peinlich genau dokumentiert.

ALTENA - „Ich will zeigen, dass man auch in Altena Nachfolger für einen funktionierenden Handwerksbetrieb finden kann“ – mit diesem Vorsatz bereitete Rainer Merz systematisch die Übergabe seiner Konditorei vor. Jetzt sind auch die letzten Unklarheiten beseitigt, am 1. März übernimmt Silvia Cleemann den Betrieb.

„Wo wollen wir hin?“ – diese Frage stellten sich Rainer Merz und sein Frau Doris vor drei Jahren und fanden schnell die Antwort: Mit 65 beziehungsweise 61 Jahren in Rente, nicht mehr jeden Sonntag im Laden stehen – so stellten sie sich das vor. Und: Die Zukunft des traditionsreichen Betriebes sollte unbedingt gesichert werden.

Seine Nachfolgerin fand Merz in der eigenen Backstube. Silvia Cleemann, seit inzwischen acht Jahren Mitarbeiterin der Konditorei, musste erstmal schlucken, als das Ehepaar Merz mit dem entsprechenden Vorschlag an sie herantrat. Nach ein paar Tagen Bedenkzeit und Gesprächen mit Freunden und Familie fasste sie sich ein Herz und sagte Ja.

Das brachte den Stein ins Rollen – „wir wollen einen wirklich geordneten Übergang“, betont Merz immer wieder. Auf dem Weg zu diesem Ziel wurde nichts dem Zufall überlassen: Merz und seine Nachfolgerin einigten sich auf ein Vorgehen, das zwar lange dauerte, dafür aber auch bis ins letzte Detail ging. Am Anfang stand die notwendige Qualifikation: Cleemann, heute 41 Jahre alt, verheiratet und Mutter einer 16-jährigen Tochter, hat zwar in vielen Berufsjahren bewiesen, dass sie backen kann. Das reicht nun nicht mehr, der Meistertitel musste her – harte Arbeit, zum Teil berufsbegleitend, also in der Abendschule.

Dann wurde die Handwerkskammer eingeschaltet – ein Schritt, den beide Seiten nie bereut haben. Fünf verschiedene Fachberater sahen sich im Café Merz um, beschäftigten sich mit Qualitätsmanagement, Marketing, Inventurbewertung, Personalführung und der Immobilie – „ich habe dabei selbst noch einiges über meinen eigenen Betrieb gelernt“, gibt Merz heute zu.

Nächster Akt: Die Finanzierung. Dazu braucht es einen Business-Plan. Grundlagen dafür lieferten die von der Handwerkskammer ermittelten Fakten. Den Rest besorgte die Volksbank im Märkischen Kreis. Dort kümmerte sich die Firmenkundenberaterin Nina Frank um das Ansinnen von Merz und Cleemann, zeigte Finanzierungsmöglichkeiten auf und ebnete den Weg zu zinsgünstigen Existenzgründungskrediten – „daran verdienen die ja nicht unbedingt besonders viel“, lobt Merz dieses Engagement. Übrigens: So schnell wie geplant klappte es nicht mit der Finanzierung, heute ist Cleemann froh darüber. „Wir hätten sonst im Dezember viele Entscheidungen treffen müssen, was aber im stressigen Vorweihnachtsgeschäft gar nicht möglich gewesen wäre“, sagt sie. So verzögerte sich die eigentlich für den Jahreswechsel geplante Übergabe um zwei Monate.

Und was wird jetzt anders im Café Merz? Silvia Cleemann findet auf diese Frage keine rechte Antwort. Sicher: Doris Merz wird nicht mehr hinter der Ladentheke stehen, sie selbst wird nicht mehr nur in der Backstube wirken, sondern sich auch im Geschäft zeigen müssen – „da muss ich mich erst dran gewöhnen“. Die acht Mitarbeiter werden ausnahmslos übernommen, auch die Aushilfen bleiben – „das war für mich ganz wichtig“.

Nichts, aber auch gar nichts will die neue Inhaberin an der Philosophie des Unternehmens. Backmischungen kommen auch ihr nicht in den Ofen, auch sie schwört auf die Verwendung feinster Zutaten. Und was ist mit dem legendären Stollen und seinem Geheimrezept? „Kei n Problem“, schmunzelt Merz. Mit dem Laden übergibt er auch die Backbücher – eine umfangreiche Rezeptsammlung, die detailliert beschreibt, wie bei Merz was gebacken wird. „Hier wird nichts dem Zufall überlassen“, betont der zukünftige Alt-Inhaber. Auch für den Stollen sei genau dokumentiert, wie viele Gramm von welche Zutaten in den Teig gehören.

Sich endlich Zeit nehmen für Dinge, die sie sich in den letzten 37 Jahren verkneifen mussten – das haben sich Doris und Rainer Merz für die Zukunft vorgenommen. Ansonsten werden sie weiter im Haus Bahnhofstraße 15 wohnen und sich um die beiden dort angebotenen Ferienwohnungen kümmern. Sicher werde er „hier unten“ auch den ein oder anderen Kaffee trinken“, schmunzelt Merz . Eins allerdings hat er sich für die Zukunft ganz fest vorgenommen: Nur dann einen Rat zu geben, wenn er danach gefragt wird.

Von Thomas Bender

Stichwort: Erfolgsorientiere Beratung

„Von der Wiege bis zur Bahre“ begleite die Handwerkskammer Arnsberg die ihr angeschlossenen Betriebe, berichtet deren Pressesprecher Markus Kluft. Dazu beschäftigt die Kammer einen ganzen Beraterstab, der sowohl bei Existenzgründungen als auch bei Übergaben oder dann, wenn Betriebe aufgegebenen werden sollen, angefordert werden kann. Dieser Service sei für die angeschlossenen Betriebe grundsätzlich kostenfrei und werde „sehr, sehr häufig abgefragt“. Gerade bei Betriebsübergaben sei eine neutrale Beratung sehr wichtig – „das kommt dann beiden Seiten zugute“. Schließlich gehe es in díesen Fällen nicht nur darum, einem Existenzgründer den Start zu erleichtern. „Da hängt ja oft auch die Altersversorgung des bisherigen Eigentümers dran“, weiß Kluft. Für die Qualität der Beratung spreche, dass es sehr selten sei, dass von den Beratern begleitete Gründungen oder Übernahmen nicht gelängen.

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