Königin der Instrumente quietscht bald nicht mehr

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Nur mit Handschuhen oder Tüchern berühren die Orgelbauer Uwe Holstein (vorne) und sein Kollege Pascal Speier die Pfeifen.

ALTENA - Das Werkzeug von Pascal Speier und Uwe Holstein nimmt die halbe Orgelbühne ein. Am Dienstag begann das Duo der Orgelbaufirma Karl Schuke aus Berlin-Zehlendorf mit der Restaurierung der Evingser Pfeifenorgel (wir berichteten.) Gut vier Wochen Arbeit liegt vor den versierten Orgelbauern, die in dieser Zeit Quartier im Hotel „Am Markt“ in der Stadt bezogen haben, und doch ihre Betten selten sehen werden.

„Wir arbeiten jeden Tag mindestens zehn Stunden und samstags noch mal fünf Stunden“, sagt Uwe Holstein. Er ist der Erfahrene im Team, war schon häufig im Ausland und ist aus Passion Orgelbauer geworden. „Ein schöner, nein, ein sehr schöner Beruf“, schwärmt der Mann aus der Bundeshauptstadt. Dass er seine Familie jetzt relativ lange nicht sieht – die einfache Entfernung nach Berlin beträgt immerhin schon rund 519 Kilometer und selbst mit dem Auto sind es gute fünf Fahrstunden, „ist halt so in unserem Beruf. Da kann man nichts machen.“ Und deshalb müssen er und sein Kollege „auch manchmal 70, 80 Stunden die Woche ran. Es geht einfach nicht anders. Alles andere wäre noch viel, viel teurer.“

Rund 20 000 Euro wird die evangelische Kirchengemeinde Evingsen ausgeben, um ihre Mitte der 1960er Jahre in Dienst gestellte „Königin der Instrumente“ von Grund auf reinigen und instand setzen zu lassen. Kirchmeisterin Helga Mosch ist sicher, „dass das gut angelegtes Geld ist. Denn wir wollen noch lange Freude an unserem Instrument haben“, sagte sie unserer Zeitung.

Große Reparaturen sind an der etwa 1 000 Pfeifen umfassenden Orgel mit den 13 Registern nicht zu erledigen. „Ich habe der Gemeinde vorgeschlagen, den Pedalwindladenbalg auf jeden Fall auszuwechseln. Der ist hin“, sagt Orgelbauer Uwe Holstein. Und dieser „Winderzeuger“ war in der Vergangenheit auch dafür verantwortlich, dass das Instrument ab und zu Aussetzer hatte. „Beim Spielen gab es manchmal quietschende Geräusche“, sagt Helga Mosch, die daraufhin die Fachleute aus Berlin zu Rate zog.

Die gehen jetzt im Kirchenraum „ganz, ganz vorsichtig zur Sache.“ Alle Teile – und das sind einige tausend – werden demontiert und gründlich von Hand gereinigt und auf Fehler durchgesehen. Nur bei einigen kommt dabei neben klarem Wasser auch eine Speziallauge zum Reinigungs-Einsatz. „Ansonsten pusten wir die Einzelteile, insbesondere die Pfeifen aus Zinn und Holz, vorsichtig mit einem Kompressor frei“, sagt das Orgelbau-Team.

Keine der oft meterlangen Pfeifen darf einfach so von Hand angefasst werden. „Wir müssen stets Handschuhe tragen oder mit einem Tuch arbeiten, wenn wir Hautkontakt haben. Alles andere – insbesondere der Handschweiß – würde die Pfeifen nur beschädigen“, sagt Holstein.

Eng sei es im Gehäuse der Evingser Orgel, „sie ist ja quasi an die Wand geklebt oder sogar eingelassen“, sagt der Fachmann. Er wird mit seinem Kollegen jede der einzelnen Pfeifen nach der Grundreinigung wieder intonieren, das heißt anblasen. „Sie müssen sich das so vorstellen: Eine Orgel wird für den Raum gebaut, in dem sie erklingen soll. Deshalb müssen die Leute hier keine Sorge haben, wir würden den Klang verändern. Das geht im Grunde gar nicht.“ Streng nach dem Mensurenplan, der jede Orgel zu einem Unikat macht, gehen dabei Holstein und Speier vor, wenn sie die 21 Stufen zu ihrem Arbeitsplatz auf der Orgel-Empore hochklettern.

Dienstag hat die Sanierung begonnen – in vier Wochen soll sie abgeschlossen sein. „Dann haben die Evingser wieder ein ganz, ganz feines Instrument“, sagt Uwe Holstein und spricht wieder extrem leise. Er sei doch in einer Kirche, merkt der Mann an und wieder spürt man die besondere Passion des Handwerkers und die Liebe zu seinem Beruf. „Für mich gibt es einfach keinen schöneren“.

von Johannes Bonnekoh

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