„Klaus, hol bitte die Karten rein!“ 

Ausverkauf des Evingser Schulfundus weckt viele Erinnerungen

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An dieser Karte dürfte jedes Grundschulkind im Märkischen Kreis gelernt haben, wie sich die Region zusammensetzt.

Altena - Klaus Storch hat den Standardsatz von 1960 noch genau im Ohr: „Hol bitte die Karten!“ wies ihn die Lehrerin regelmäßig an und zum Ausverkauf der Evingser Grundschulausstattung will er wissen, ob er seine ausrollbaren Schätze noch wiederfindet.

Tatsächlich liegt an diesem Samstagmorgen noch reichlich historisches Kartenmaterial vor, doch die Rückseiten der ganz alten Relikte sind im Laufe der Jahrzehnte als Maluntergrund zweckentfremdet worden.

Finden und Stöbern

Klaus Storch ist nicht traurig drum, denn zum Finden und Stöbern ist noch reichlich da im Schulfundus. Die Ausgaben von Puh, der Bär und Pippi Langstrumpf, die einst so teuer eingekauften Luftbildatlanten der Stadt Altena, die Evingser Heimatblätter - alles geht heute für kleines Geld über den Tisch.

An der Frage „vereinfachte oder lateinische Ausgangsschrift?“ schieden sich spätestens an den weiterführenden Schulen die Geister. Mit der vereinfachten war man in Evingsen vertraut.

 „Jeder gibt das, was ihm sein Lieblingsteil wert ist“, erklärt Gundula Flusche an der Kasse. Am Ende des Tages wird sie den Erlös zählen und mit den Einnahmen aus der Cafeteria des Kindergartenfördervereins zusammenfügen. „Die Gesamtsumme kommt dem Kindergarten zu. Dann haben die Kinder im Dorf noch was davon“, erklärt sie. Viele ehemalige Kinder stehen schon Schlange vor der Haupteingangstür, als diese sich öffnet. Generationen haben in diesen Mauern Lesen und Schreiben gelernt, mit Lük-Kästen Zahlen verschoben, den alten Holzflöten die ersten Töne entlockt. Ein kleiner Junge schnappt sich gleich eins der Blasinstrumente und spielt drauf los.

Mama kauft

 Die Mama kauft sie gern, beim Klavier, dessen Tasten der Knirps zuvor kraftvoll bearbeitet hat, hat sie nicht zugeschlagen. Auch das Fläschen Flötenalkohol, mit dem die Musiklehrer einst die Mundstücke desinfizierten, steht noch da. Marion van den Boogard hat sich zwei der robusten Kunststoffstühle geschnappt für den Kinderbesuch daheim.

Der schön gestaltete Vorleseraum in der Schulbibliothek begleiteten die Grundschüler über einige Jahre.

Dorothee Isenbeck ist mit ihr angereist. „Ich war hier keine Schülerin, aber ich haben in der Schule die erste Frauengruppe der VHS angeleitet.“ Jens Weihl hat auch Erinnerungen an diese Mauern: Er war fürs Blumengießen zuständig und erlaubte sich ein Scherzchen, indem er Lehrer Lill ein paar Tropfen auf den Kopf herabrieseln ließ in der Pause. Auch er findet Schätze im Angebot, ebenso wie Edgar Milster. Das TSE-Vorstandsmitglied schnappt sich die unkaputtbaren Holzreifen, sie werden demnächst nostalgische Momente in der Turnhalle erzeugen. „Das ist noch echte Qualitätsarbeit!“ lobt der Kunde. Davon findet sich auch in der Schulküche reichlich: Der Echtsilber-Tortenheber, Edelstahlbesteck, Töpfe, Pfannen und jede Menge einst für Schulfeste abgegebene und später verlorengeglaubte Tortenplatten.

Sie sind nicht weg...

Unter mancher steht noch der Nachname der wackeren Hausfrau, die sich über den Verlust geärgert haben wird. Tröstlich: Sie sind nicht weg. Jetzt hat sie nur ein anderer...

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