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Wenn die Schäfchen weglaufen

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Ein Mann verlässt die Kirche: Auch in Altena und Nachrodt-Wiblingwerde haben die Gemeinden seit Jahren mit Kirchenaustritten zu kämpfen.
Ein Mann verlässt die Kirche: Auch in Altena und Nachrodt-Wiblingwerde haben die Gemeinden seit Jahren mit Kirchenaustritten zu kämpfen. © Ingo Wagner

Die Schäfchen kehren um und laufen weg. Das ist kein neues Problem für die Kirchen, aber eines, für das es jede Menge aktuelle Zahlen gibt, die den Kummer untermauern. „Jeder Kirchenaustritt tut weh“, sagt Pfarrerin Anke Leuning. Die Menschen suchen selten das Gespräch. Sie haben sich entschieden.

Altena/Nachrodt-Wiblingwerde – Nach einer „Kleinen Anfrage“ der beiden FDP-Abgeordneten Angela Freimuth und Dirk Wedel an die Landesregierung spricht ein Überblick über die Austrittszahlen der Jahre 2011 bis zum zweiten Quartal 2022 eine deutliche Sprache – auch im Bezirk des Amtsgerichtes Altena. In diesem Jahr haben bereits 352 Männer und Frauen die Kirchen in Altena, Neuenrade, Werdohl und Nachrodt-Wiblingwerde verlassen, 160 traten aus der evangelischen Kirchengemeinschaft aus, 192 aus der katholischen. Einzeln betrachtet sieht es so aus: In Altena verabschiedeten sich im ersten und zweiten Quartal 2022 103 Christen, in Werdohl 70, in Neuenrade 143 und in Nachrodt-Wiblingwerde 36.

Mehr Protestanten

Bei der Frage nach der Zuordnung, in welcher Lenne- und Hönnestadt wie viele Menschen ausgetreten sind, und ob es Unterschiede bezüglich der Konfessionen gibt, verwies das Amtsgericht Altena an die Pressestelle des Landgerichts Hagen, das Zahlen und Fakten lieferte. Danach haben anders als in diesem Jahr in den vergangenen drei Jahren mehr Protestanten als Katholiken den Austritt erklärt, in 2021 wurden 126 Katholiken und 165 Protestanten gezählt, 2020 waren es 82 zu 112, 2019 waren es 106 zu 164. Die Austrittswelle schwappt von Jahr zu Jahr weiter: Seit 2011 bis 2021 haben in den heimischen Kommunen im Schnitt jährlich 194 Menschen der Kirche den Rücken gekehrt. Deutlich mehr waren es 2019 (270) und 2021 (291).

Abschied in Raten

Und doch: Im ländlichen Raum mit insgesamt etwa 52 000 Einwohnern in Altena, Neuenrade, Werdohl und Nachrodt-Wiblingwerde ist es trotz dieser Zahlen noch eine Art „Abschied in Raten“, wenn man beispielsweise einen Blick in den Zuständigkeitsbereich des Amtsgerichts Münster wirft. Dort sind im vergangenen Jahr auf einen Schlag 16 342 Menschen aus der Kirche ausgetreten, in Köln waren es gar 30 080 Menschen, die öffentlichkeitswirksam besonders aufgrund des Eklats um Kardinal Rainer Maria Woelki das Weite suchten. „Der große Vertrauensverlust ist für beide Kirchen schlimm“, meinte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus im Nachrichtenportal der katholischen Kirche „katholisch.de“. Sie sorgt sich auch um die Ökumene, die in Altena und Nachrodt-Wiblingwerde aber überhaupt keine Sorgen bereitet. Im Gegenteil, wie Pfarrerin Anke Leuning sagt. Die Ökumene habe sich „wunderbar entwickelt“.

„Es gibt auch ein paar Kircheneintritte“

In der Evangelischen Kirchengemeinde Altena liegt man beim Thema Austritte bei jährlich etwa 0,5 Prozent. „Das ist nicht so viel. Trotzdem ist es schlimm, besonders, wenn man die Familien auch kennt“, sagt Pfarrerin Anke Leuning und ist froh, dass sie ergänzen kann: „Es gibt auch ein paar Kircheneintritte, jetzt ganz aktuell vier hintereinander. Das ist dann auch mal etwas ganz Schönes.“ Anke Leuning hat das Gefühl, dass bei jüngeren Menschen die fehlende oder verloren gegangene Kirchenbindung eine große Rolle spielt. Seltener seien die Missbrauchsfälle für die evangelische Kirche ausschlaggebend, „das ist in der katholischen Kirche ausgeprägter“, glaubt Anke Leuning.

Engagement in vielen Bereichen sind nicht bekannt

Dass sich die Menschen die Kirchensteuer sparen wollen und Austritte aufgrund der allerorts gestiegenen Kosten weiter zunehmen, glaubt sie eher nicht. „Es geht von der Lohnsteuer ab, das ist manchmal eine Rechnung, die unterm Strich nicht aufgeht“, so die Pfarrerin. Was viele Menschen nicht wüssten, sei das Engagement der Kirche in vielen Bereichen. „Es gibt die diakonischen Einrichtungen, diakonische Werke, die vielen Beratungsangebote, die Hilfe für Menschen in Not. Das wird alles mitfinanziert durch Kirchensteuer. In den evangelischen Kindergärten werden christliche Werte gelebt, das Ellen-Scheuner-Haus hat mit dem Pertheswerk einen evangelischen Träger. Das ist vielen Menschen nicht so klar. Wenn man darüber ins Gespräch kommt, dann gibt es auch manchmal ein kleines Erwachen und Leute sagen: ,Das habe ich gar nicht gewusst.’ So sieht man, wie wichtig Gespräche sind“, sagt Anke Leuning.

Missbrauchsfälle schlagen bis in jede Gemeinde durch

Doch auch mit Sandra Schnell, Pfarrbeauftragte der Pfarrei St. Matthäus Altena-Nachrodt-Wiblingwerde, suchen die Christen, die sich verabschieden wollen, nicht die Diskussion. „Leider nein“, sagt sie. Wenn die Gemeinde vom Austritt erfährt, schickt sie einen Brief an ihre verloren gegangenen Mitglieder. Man muss keinen Grund angeben, „aber die Leute haben oft noch ein Bedürfnis, zu sagen, was ihnen auf dem Herzen liegt“, sagt Sandra Schnell. So rufen sie einige zurück, „die meisten treten aus, weil sie sich über etwas geärgert haben, aber nicht, weil sie nicht mehr glauben.“ Ein Hauptproblem sind die Missbrauchsfälle, die bis in jede Gemeinde durchschlagen. „Die Leute treten aus Gründen aus, die in der Vergangenheit liegen, obwohl sie selbst gute Erfahrungen mit der Kirche gemacht haben. Und jetzt läuft ja vieles viel besser“, sagt Sandra Schnell. Das Bistum Essen sei sehr engagiert gerade vor dem Hintergrund der Missbrauchsskandale. Es gebe Interventions- und Präventionsbeauftragte. In jeder Pfarrei zudem Präventionsfachkräfte. Es gehe um den achtsamen Umgang mit Kindern und Schutzbefohlenen. „Bei uns darf man nicht einen Nachmittag mit den Sternsingern unterwegs sein, ohne eine Schulung zu machen“, erzählt Sandra Schnell. Es sei viel schiefgelaufen, ja, „aber unser Bischof bemüht sich wirklich sehr, so zu reagieren, dass das nicht mehr passiert. Aber das wissen viele nicht. Sie ärgern sich über das, was sie hören. Ich will die Vergangenheit nicht kleinreden. Was passiert ist, war eine Katastrophe. Aber es ist schade, wenn die Menschen jetzt austreten.“

Interview mit Pastor Kube aus Nachrodt

Machen sich die Kirchenaustritte auch bei Ihnen in der Gemeinde Nachrodt bemerkbar?

Die Zahl der Gemeindeglieder nimmt auch bei uns ab. Und das schmerzt. Es ist gefühlt eher ein schleichender Prozess. Das liegt aber nicht in erster Linie an den Austritten, sondern an der Bevölkerungsentwicklung in unserer Region. Wir sind abhängig von der wirtschaftlichen Attraktivität, deshalb fehlen bei uns in der Kirchengemeinde vor allem junge Familien. Da aber der gesellschaftliche Zusammenhalt hier besser ist als in einer Großstadt, sind die Austrittszahlen geringer. Jeder, der austritt, ist ein Verlust, an Vertrauen, an Beteiligung und Unterstützung.

Woran liegt es ihrer Meinung nach, dass Menschen aus der Kirche austreten?

Auch schon in der Vergangenheit war mein Spruch: Wenn der Papst dummes Zeug geredet hat, dann treten die Leute aus der evangelischen Kirche aus. Insofern spüren auch wir die Auswirkung dessen, was sich mit Herrn Woelki verbindet.

Was erfahren Sie von Gemeindegliedern über den Grund des Austrittes?

Über die Gründe erfahre ich selten etwas, dazu gibt es leider zu wenige Gespräche. Das, was ich erfahre, ist sicherlich nicht repräsentativ. Die wenigsten tragen den Kirchenaustritt vor sich her. Wenn der Austritt begründet wird, dann mit der Kirchensteuer oder mangelndem Interesse, wobei betont wird, man sei nicht gegen Religion und Kirche. Die Kirche solle bleiben, die Angebote nicht reduziert werden. Die absolute Ausnahme ist, dass ich darauf angesprochen werde, dass der Austritt wegen totaler Ablehnung der Kirche erfolgt.

Woran liegt es ihrer Meinung nach, neben dem Skandal um Rainer Maria Kardinal Woelki, dass Menschen gegenwärtig so zahlreich aus der Kirche austreten?

Das ist die Frage nach der Bedeutung von Religion. Welche Bedeutung hat Religion in unserer Gesellschaft, abseits des persönlichen Glaubens. Kirchenmitglieder sind in den vergangenen Jahrhunderten auch nicht immer total fromm und religiös enthusiastisch gewesen, und die Mitgliedschaft in der Kirche war trotzdem selbstverständlich. Die Bedeutung von Religion nimmt in der säkularen Gesellschaft ab. Kirche als Träger einer verantworteten Religion war in der Vergangenheit der Kitt der Gesellschaft. Diese Bedeutung nimmt gegenwärtig ab. Insofern halte ich die abnehmende Bindung an die Kirchen für einen Indikator für ein allgemeines Problem. Die Solidarität in unserer Gesellschaft nimmt leider immer mehr ab, in diesem Sog steckt auch die Kirche. Und die Skandale der vergangenen Jahre haben natürlich nicht dazu beigetragen, dass den Kirchen diese Funktion auch für die Zukunft wie von selbst in den Schoß fallen würde. Insgesamt gilt deshalb: Wir verstehen uns heute individualistischer. Es ist auch nicht mehr selbstverständlich, in einer Partei oder in der Gewerkschaft zu sein, oder in der Kirche.

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