Kinderarmut gibt es auch in der Drahtstadt Altena

Stefanie Ridders zeigte bei ihrem Vortrag unter anderem die möglichen schwerwiegenden geundheitlichen Folgen von Kinderarmut auf

ALTENA – Kinderarmut ist auch in Altena längst zu einem ernsthaften Problem geworden. Deshalb hatten die örtliche Kolpingfamilie und der Gemeinderat St. Matthäus am Mittwoch zum Diskussionsabend „Kinderarmut heute“ eingeladen. Stefan Kemper, Kolpings-Vorsitzender, begrüßte im Pfarrsaal St. Matthäus drei Fachleute: Stefanie Ridders, Bereichsleiterin Jugend- und Familienförderung bei der Stadt, Hans-Werner Wolff, Vorsitzender des Caritasverbandes, und Björn Enno Hermans, Vorsitzender des Sachausschusses Familie im Diözesanrat des Bistums Essen.

Die drei Referenten informierten 22 Besucher, unter ihnen Vertreter aus Kindergärten, Schulen und der Politik, ausführlich über die Hintergründe. Ridders legte alarmierende Zahlen vor: „In Altena ist bereits jedes siebte Kind von Armut betroffen – bundesweit sogar jedes fünfte.“ In vielen Familien reiche das Einkommen nicht mehr aus, um den Nachwuchs zu ernähren.

Betroffen seien insbesondere Mädchen und Jungen von Alleinerziehenden, in kinderreichen und ausländischen Familien sowie Haushalten, die auf Hartz IV angewiesen sind. „Allein zwei Drittel dieser Kinder leben in Haushalten mit Hartz-IV-Bezug“, berichtete Ridders. In vielen größeren Städten konzentriere sich die Kinderarmut auf bestimmte Stadtteile – allerdings nicht in Altena: „Hier verteilt es sich über die ganze Stadt.“

Kinder haben körperliche und psychische Probleme

Die Folgen seien vielfältig und schwerwiegend. Zu körperlichen Problemen – wie Übergewicht und der Einschränkung motorischer Fähigkeiten – aufgrund zu einseitiger Ernährung kämen manchmal auch psychische Störungen hinzu.

Einige vorbeugende Maßnahmen seien in der Burgstadt schon getroffen worden. „Die Kita-Beiträge wurden angepasst und der Bereich der U 3-Betreuung wurde ausgebaut“, sagte Ridders. Als weiteres Beispiel nannte sie die Begrüßungstasche, die jede Mutter eines Neugeborenen bekäme. Diese enthalte unter anderem viel Infomaterial sowie einen Gutschein für einen kostenlosen Pekip-Kursus.

Hans-Werner Wolff legte einen Schwerpunkt seines Vortrags auf die Schwangerenberatung. Der Vorsitzende des Caritasverbandes betonte, dass im Schnitt jede dritte werdende Mutter von der Beratungsstelle betreut werde. Im Rahmen der Caritas-Arbeit werde auch das sogenannte „Caritässchen“ angeboten.

Dort könnten sich Mütter untereinander bei einer Tasse Kaffee austauschen. Zudem gebe es verschiedene Kursangebote, bei denen die Frauen beispielsweise lernen, wie sie trotz knapper Mittel gesund kochen können. „Diese Angebote sind zwar kostenpflichtig, aber es gibt preisliche Sonderregelungen für Hartz-IV-Empfänger“, so Wolff.

Hans-Werner Wolff übt scharfe Kritik an Billiglöhnen

Verstärkt würde die Kinderarmut auch durch die „düsteren Aussichten“ auf dem Arbeitsmarkt. Und: „Trotz einer vollen Arbeitsstelle reicht das Geld oft nicht aus, um ein Kind zu ernähren.“ Dass beispielsweise „eine Verkäuferin 41 Stunden pro Woche arbeitet und am Ende des Monats mit gerade einmal 950 Euro nach Hause geht“, sei ein Unding.

Wie sich Kinderarmut entgegenwirken lässt, zeigte Björn Enno Hermans beispielhaft anhand einer Spendensammlung des Bistums Essen und des Diözesanrates auf: Im Rahmen der Aktion „Gemeinsam gegen Kinderarmut“ seien seit 2008 gut 40 Projekte im gesamten Gebiet des Bistums gefördert worden. Auch viele Schulprojekte wurden auf diese Art und Weise unterstützt – so etwa Mittagstische für Schüler und Eltern. „Für viele ist dies hilfreich, um aus der sozialen Isolation – eine häufige Begleiterscheinung der Armut – herauszukommen“, erklärte Hermans. Ohnehin seien gemeinsame familiäre Aktivitäten wichtig. „Und diese müssen nicht unbedingt etwas kosten.“

Oft sei es aber schwierig die Familien zu erreichen und für die Angebote zu begeistern. Dies könne jedoch gelingen, wenn eine Stigmatisierung vermieden wird. „Zum Beispiel könnte man statt zu einem Kochkursus einfach zum Essen einladen. Dann haben die Teilnehmer nicht das Gefühl, dass man sie belehren will“, schlug Hermans vor. „Und wer will, kann mitkochen, muss aber nicht“, ergänzte er.

In der abschließenden Diskussionsrunde mit den Besuchern bestätigte Christiane Frebel vom „Caritässchen“: „Es ist schwierig, an die Betroffenen heranzukommen und sie dazu zu bewegen, den ersten Schritt zu machen. Aber die jungen Mütter, die dann zu uns kommen, sind total dankbar. Die erleben Gemeinschaft.“

Besucherin Hiltrud Böing kritisierte indes das Einkaufsverhalten vieler Menschen: „Wir schauen immer nur auf die günstigen Preise und fördern dadurch die Billiglöhne.“ Dies würde die Kinderarmut forcieren.

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