Kind misshandelt oder nicht?

Ein Schlag auf die Wange konnte nicht nachgewiesen werden. Daher wurde das Verfahren ohne Auflagen eingestellt.

Altena - Die Öffentlichkeit und besonders die zuständigen Jugendämter sind in den vergangenen Jahren sensibler geworden gegenüber problematischen Familiensituationen. Im schwierigen Spannungsfeld zwischen dem öffentlichen Auftrag des Jugendschutzes und dem Recht der Eltern an ihren Kindern bewegte sich ein Strafverfahren im Amtsgericht.

Ein 20-jähriger Altenaer musste sich vor dem Jugendschöffengericht wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schutzbefohlenen verantworten. Sein Sohn war Ende August mit einer stark geröteten und geschwollenen Wange in ein Krankenhaus eingeliefert und dort geröntgt worden. Laut eines Gutachtens hätte kaum etwas Anderes als eine Ohrfeige die vorhandenen Striemen auf der Wange hervorrufen können. Vor allem der Röntgenbefund veranlasste das Krankenhaus jedoch, Alarm zu schlagen und Anzeige zu erstatten: Das Bild zeigte einen verheilten Schädelbruch des Kindes, wie Strafverteidiger Andreas Trode am Rande der Verhandlung erklärte. Das deutete auf eine grobe Misshandlung des 13 Monate alten Kindes hin.

Doch wer war dafür verantwortlich? Die Staatsanwaltschaft habe viel ermittelt in dieser Sache, erklärte Richter Dirk Reckschmidt. Das Ergebnis war die Anklage gegen den Vater. Doch der müde Mann, der direkt von der Nachtschicht in den Gerichtssaal gekommen war, bestritt die Vorwürfe in drastischen Worten: „Der Kleine – ich würde ihn niemals schlagen. Ich würde mir eher die Hand abhacken.“

Richter Dirk Reckschmidt deutete Verständnis für die Situation an, dass Eltern, die das Schreien ihrer Kinder zunehmend ratlos und wütend macht, die Hand ausrutschen kann. „Es sollte nicht passieren, kann aber passieren.“ Doch der Angeklagte blieb bei seiner Darstellung: „Er bleibt dabei, dass er den Schlag nicht ausgeführt hat“, betonte der Verteidiger im Namen seines Mandanten. Dazu kam, dass kein neutraler Zeuge dabei war, als die Verletzung entstand. Theoretisch hätte auch der Mutter des Kindes die Hand ausgerutscht sein können. Der 20-Jährige schilderte die schwierige Familiensituation, die durch den Vorfall entstanden war: „Der Kleine ist in einer Pflegefamilie. Das Jugendamt hat uns den Kurzen abgenommen.“

Das Jugendschöffengericht bestätigte schließlich den Hinweis des Strafverteidigers, dass dem Angeklagten der Schlag auf die Wange des Kindes nicht nachgewiesen werden könne. Es stellte deshalb das Verfahren ohne Auflagen ein. Was folgte, waren Überlegungen im und außerhalb des Gerichtssaals, wie die auseinandergerissene Familie vielleicht wieder zu vereinen sei.

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