„Ich wünsche mir, dass mein Kind wieder sehen kann“

Kelechin Gemar Nwaiwu mit ihrem Zwillingspärchen Adanna Purity (links) und dem erblindeten Schwesterchen Adango Trinity. Foto: Bonnekoh

Altena - „Mein Deutsch ist noch nicht so gut. Aber ich lerne.“ – langsam spricht Kelechin Gemar Nwaiwu diese zwei Sätze, um sofort wieder ins Englische zu wechseln. Die junge Mutter stammt aus Nigeria und ist mit ihren Zwillingen (28 Monate) im Mai nach Altena gekommen.

„Wir sind geflüchtet, weil es in Deutschland die besten Ärzte gibt“, sagt die alleinerziehende Frau. „Die kleine Adango Trinity ist blind. Sie benötigt Hilfe. Ich glaube, es geht vom Gehirn aus, aber, man kann ihr helfen“, sagt die Afrikanerin und ihre Stimme klingt belegt.

Altena kannte sie nicht, „wir wollten nur nach Deutschland. Es ist zu Hause als Christ so schwer“, sagt sie halb auf deutsch, halb in englischer Sprache. Weil die junge Mutter und ihre Kinder an Leib und Leben gefährdet sind, kommt eine Abschiebung nach Hause nicht in Frage. Sie haben einen Aufenthaltsstatus mit Abschiebeverbot. Das erklärt Annette Wesemann vom Integrationsbüro im Rathaus.

Sie und ihr Team kümmern sich um die junge Familie. „Sie sind bei uns gern gesehene Gäste im Rathaus und auch im Stellwerk mit viel Eifer dabei.“ Viel Eifer? Das stehe in erster Linie für das Erlernen der deutschen Sprache. „France Broens, die Kelechin Gemar Nwaiwu unterrichtet, ist ganz begeistert, wie sich die junge Frau in das Lernen hineinkniet“, sagt Wesemann.

"Kindern lernen schnell und spielerisch"

Während ihre blinde Tochter der Mama nicht von der Seite weicht, spielt ihre Schwester in der Spielgruppe im Stellwerk, wenn ihre Mutter die deutsche Sprache büffelt. „Die kennt schon Wörter, die sind selbst mir noch fremd“, sagt Kelechin Gemar Nwaiwu. „Kinder lernen eben schnell und irgendwie spielerisch.“ Noch wohnen Mama und Kinder an der Freiheitsstraße, sollen aber im neuen Jahr in eine eigene Wohnung umziehen.

Einen speziellen Kümmerer, so wie viele andere Flüchtlinge oder Asylbewerber, haben die Nwaiwus nicht. Es wäre schön, so Wesemann und ihre Kolleginnen, die die junge Frau und ihre Kinder im neuen Begegnungszentrum (ehemals Mythos) trafen, wenn sich Personen fänden, die die Integration begleiten würden. „Das wäre sicherlich hilfreich und auch zeitlich zu schaffen.“ Es sei schwierig, vor Ort Fuß zu fassen und neben den Deutschkursen noch weitere Dinge zu unternehmen. Ganz besonders wegen des behinderten Kindes. Aber Kelechin Gemar Nwaiwu ist eine Frohnatur. „Es geht schon“, sagt sie. Sie fühle sich nicht einsam und schon gar nicht allein gelassen.

Tannenbaum mit "ganz vielen Lichtern"

Weihnachten in Altena. Wie läuft das ab? Sie werde für die Kinder einen Tannenbaum aufstellen und kleine Geschenke daran befestigen und „ganz viele Lichter.“ „Eine Tanne, die sticht“, das sei auch für sie neu, sagt sie und lacht. Zwei Geschenke, die sie Weihnachten weitergibt, stammen aus der Geschenk-Baum-Aktion des Stellwerks und Integrationsbüros.

Töchterchen Adanna Purity hätte keine besonderen Wünsche, sei ein braves Mädchen und freue sich über alles. „Sie ist immer in Bewegung und noch so klein“. Adango Trinity, ihre Schwester, und fast schießen Mama Kelechin Gemar Nwaiwu die Tränen in die Augen, freue sich ebenfalls über Kleinigkeiten. „Sie weint so oft. Wenn ich weggehe, dann ist sie so allein. Sie versteht und sieht ja nichts und mich macht das auch ein wenig traurig“, sagt die 37-Jährige.

Im Office - also in einem Büro - möchte sie einmal arbeiten oder als „Fashion Designer“. Diese Art von Jobs gibt es in Altena nicht und das Team vom Integrationsbüro dolmetscht und meint, auch bei einem Schneider wäre die junge Frau sicherlich eine wertvolle Hilfe und gut aufgehoben.

Süßer Kuchen, wie es in ihrer Heimat Brauch ist

Sie freue sich auf Weihnachten, auch wenn es soweit weg sei von Nigeria. Fest geplant ist, einen Gottesdienst in St. Matthäus zu besuchen. „Ich bin katholische Christin“, sagt die Mama. Mit ihren Kindern möchten sie Weihnachten Hähnchen, Salat und Reis verzehren. „Und Kuchen. Ja, ich backe den beiden einen süßen Kuchen, so, wie es bei uns zuhause Brauch ist“, fügt sie an.

Noch einmal wird Kelechin Gemar Nwaiwu ernst: „Besondere Wünsche für 2018 habe ich nicht. Nur, dass meinem Kind geholfen wird. Ich wünsche mir so sehr, dass es einmal wieder sehen kann. Die Ärzte hier haben mir Hoffnung gemacht. Dafür danke und lebe ich.“

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