Keine Gründe für zwangsweise Einweisung

ALTENA ▪ Keine ausreichenden Gründe für die zwangsweise Einweisung eines 22-jährigen Altenaers in eine psychiatrische Einrichtung sah am Montag die 6. große Strafkammer des Landgerichts Hagen.

Der junge Mann wurde lediglich zur Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von 400 Euro verurteilt, weil das Gericht es als erwiesen ansah, dass er die Fahrzeuge von zwei Mitarbeitern des Altenaer Ordnungsamtes zerkratzt hatte. „Es hat Sinn gemacht, hier drei Tage zu sitzen und das alles aufzuarbeiten“, sagte der Vorsitzende Richter Schulte in seiner Urteilsbegründung mit Blick auf die Tatvorwürfe, für die eigentlich ein Amtsgericht ausgereicht hätte. Nur aufgrund der möglichen Einweisung des Angeklagten in eine psychiatrische Klinik hatte der Prozess vor einer Kammer des Landgerichts geführt werden müssen. Richter Schulte verwies auf die betroffenen Mitarbeiter der Stadt Altena und äußerte Verständnis für deren „große Angst“ vor dem Angeklagten: „In Steinwurfweite lebt fast das ganze Ordnungsamt des kleinen Städtchens Altena.“ Konsequenterweise legte der Richter dem 22-Jährigen nahe, aus diesem Umfeld wegzuziehen. Gleichzeitig machte Schulte aber deutlich, dass die Angst der Nachbarn keinen Grund für die Sicherungsverwahrung darstelle. Die Straftat als Anlass einer solchen Einweisung müsse nach höchstrichterlicher Rechtssprechung „erheblich“ sein und größere Straftaten wahrscheinlich machen. Dies könne im vorliegenden Fall aber nicht festgestellt werden. „Er ist nicht der Geisteskranke, der mit dem Messer unter dem Bett nur darauf wartet, dass er zustechen kann.“

Zuvor hatte Dr. Patrick Debbelt von der Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer als psychiatrischer Gutachter dem Angeklagten hinsichtlich des zweiten angeklagten Delikts, einer Bedrohung des Stiefvaters, eine weitgehende Schuldunfähigkeit attestiert. Der 22-Jährige wurde deshalb in diesem Punkt freigesprochen.

Großen Raum nahm die mangelnde Einsichtsfähigkeit des jungen Mannes in seine Krankheit ein. Durch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten sei schon viel zu erreichen bei dem 22-Jährigen, betonte der Gutachter. Richter Schulte wandte sich daraufhin mit einem dringenden Appell an den jungen Mann: „Sie sind verdammt jung. Suchen Sie einen Facharzt auf.“ ▪ thk

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