Missbrauch und Maria 2.0

Katholische Kirche: Deutliche Kritik von der Basis

Eine geschlechtergerechte Kirche fordert die Initiative „Maria 2.0“. Die Altenaer Katholiken unterstützen den Vorstoß.
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Eine geschlechtergerechte Kirche fordert die Initiative „Maria 2.0“. Die Altenaer Katholiken unterstützen den Vorstoß.

Die katholischen Laien machen Druck. Angesichts der schleppenden Aufklärung des Missbrauch-Skandals und der Machtstrukturen mehren sich die Kirchenaustritte. Altenas Katholiken finden deutliche Worte.

Altena – Die katholischen Laien machen Druck. Angesichts der schleppenden Aufklärung des Missbrauch-Skandals und der von vielen als undemokratisch und überholt empfundenen Machtstrukturen, unter anderem in Bezug auf die Mitwirkung der Frauen in der Kirche, mehren sich die Kirchenaustritte. Frauen der Bewegung „Maria 2.0“ schlugen am Wochenende ihre Forderungen als Thesen an die Türen zahlreicher Gotteshäuser. Diese Themen beschäftigen die Deutschen Bischöfe, die noch bis Donnerstag (25. Februar) auf ihrer jährlichen Vollversammlung tagen. Christen aus Altena stellen sich hinter Reformforderungen und finden klare Worte. Ein Überblick.

Kirchenaustritte: „(Letzter) Ruf nach Veränderung“

Stefan Kemper, Vorsitzender des Katholikenrates Altena-Lüdenscheid und Mitglied im Diözesanrat des Bistums Essen, hat klare Forderungen: „Die Krise der Kirche ist nicht nur deutsch, sondern trifft die katholische Kirche europaweit mit voller Wucht. Alle Verantwortlichen in unserem Bistum fordern seit Jahren einen ehrlichen und offenen Dialog – nicht zuletzt, weil vielen Menschen großes Leid auch durch die Kirche und durch kirchliche Amtsträger zugefügt wurde.

Wenn jetzt über hohe Austrittszahlen berichtet wird, ist das vielleicht auch ein (letzter) Ruf nach Veränderungen“, sagt der Altenaer. Er ist aber gern katholisch – und hat den Humor nicht verloren: „Katholik und Schalker ist im Moment wirklich keine Kombination, die man gerne hat. Aber es ist ja Buß- und Fastenzeit und da ist man ein bisschen leidensfähig.“

„Konservative Machtstrukturen nicht förderlich“

Auch Marco Schwieren, Vorsitzender des Pfarrgemeinderates der Pfarrei St. Matthäus, findet klare Worte: „Vieles scheint sich gar nicht oder nur sehr schleppend zu ändern. Alte, konservative Machtstrukturen sind nicht nur nicht förderlich.“ Allerdings sieht er auch Licht am Ende des Tunnels: „Ich habe mit Freude zur Kenntnis genommen, dass erstmals eine Frau in das Amt der Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden ist. Es tut sich also doch etwas.“

Barbara Schäfer war lange Jahre in der katholischen Gemeindearbeit tätig. Daraus hat sich die Ratsfrau von Bündnis 90 / Die Grünen aber bereits vor Jahren zurückgezogen. Sie fragt provokativ: „Spontan antworte ich in Gesprächen über die momentane Situation in der katholischen Kirche gerne provokant: Gibt es eigentlich noch einen rationalen Grund, nicht aus der katholischen Kirche auszutreten? Ich sage das als Mitglied der Kirche, als Christin und als Mensch, der sein Leben immer mit und in der Kirche verbracht hat.“

Maria 2.0: Auf Missstände aufmerksam machen

Baustellen, so fügt sie an, habe die Kirche genug: „Die Rolle der Frauen, der Umgang mit Homosexualität, das Zölibat, um nur einige anzureißen.“ Schäfer stellt die Frage, wie lange gut funktionierende Gemeinden es noch schaffen, die Menschen mitzunehmen und sich nicht von den Rahmenbedingungen der Institution Kirche abschrecken zu lassen.

Der Protest der Bewegung Maria 2.0 ist kein Einzelfall, sondern kommt aus der Mitte der Kirche und sollte sehr ernst genommen werden“, appelliert Stefan Kemper. Marco Schwieren, dessen Ehefrau in der Kfd St. Matthäus ein Führungsamt inne hat, sagt zur Bewegung Maria 2.0, die auch die Kfd mitträgt, und zur Protestaktion des Thesenanschlags: „Ich finde es wichtig, dass es Aktionen wie Maria 2.0 gibt, um auf Missstände in der katholischen Kirche aufmerksam zu machen. So manches ist reformbedürftig.“

Thesenanschlag: Wellen in Deutschland spürbar

Christiane Frebel gehört seit vielen Jahren dem Pfarrgemeinderat von St. Matthäus an – und hat noch Hoffnung: „Dass die Bischofssynode nun zum ersten Mal eine Frau als Generalsekretärin gewählt hat, ist ein gutes Zeichen. Ich hoffe, dass diese Wahl aus tiefer Überzeugung geschehen ist und nicht, weil man(n) nur ein Zeichen setzen wollte.“

Zur Bewegung Maria 2.0 sagt sie: „Es gibt auch diejenigen, die stören. Denen es ein dringendes Bedürfnis ist, dass ihre Kirche sich verändert, dass Krusten aufbrechen, dass Wellen geschlagen werden, damit der Teich über die Ufer tritt. Natürlich hat der Anschlag der Thesen Aufmerksamkeit erregt. Das sollte er ja wohl auch. Diese Wellen sind vielleicht nicht bis Rom zu hören, dafür aber zumindest in Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland.“

Kritik an Erzbischof Woelki: „Führung muss kritikfähig sein“

Der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki steht derzeit massiv in der Kritik, weil er ein Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Köln nicht öffentlich machen will und stattdessen ein weiteres Gutachten fordert. Stefan Kemper hat dazu eine klare Meinung: „Die Diskussion um Kardinal Woelki zeigt einmal mehr, dass kirchliche Führungskräfte eine Kommunikations- und Führungsschwäche haben, wenn sie ihr Amt und ihre Aufgabe nur aus der Weihe heraus definieren. Führung will eingeübt und muss kritikfähig sein.“

Auch Marco Schwieren ist sehr kritisch: „Ein Verhalten, wie es der Erzbischof von Köln im Zusammenhang mit dem Missbrauch an den Tag legt, ist nicht dienlich und erschwert unsere Arbeit vor Ort zusätzlich.“ Noch weiter geht Barbara Schäfer: „Die Institution Kirche steht vor einem sicheren Aus in der modernen Welt, wenn sie es nicht schafft, mit Missbrauchsskandalen offen umzugehen und tiefgreifende Reformen innerhalb der Kirche vorzunehmen.“

Kardinal „verkörpert ewig Gestrige“

Christiane Frebel hat den Eindruck, Kardinal Woelki möchte, „dass dieser Teich schön und glatt bleibt. Mir scheint, er hat Angst vor den Wellen, die eine wirkliche Aufklärung und Offenlegung mit sich bringen wird. Dieser Kardinal und Erzbischof verkörpert das ewig Gestrige und Rückwärtsgewandte in unserer Kirche.

Die Austritte belegen, dass auch dieses Verhalten Wellen schlägt. Mir tut es in der Seele weh, wenn ich die Zahlen höre, die belegen, wie viele Menschen im Erzbistum Köln die katholische Kirche verlassen. Ich kann den Frust total verstehen. Es gibt so viele engagierte Menschen in den katholischen Gemeinden und Verbänden, die sich für die Menschen in ihrer Umgebung einsetzen. Und dann zeigt der Machtapparat, wie er damit umgeht. Nicht für die Menschen, sondern ,me first‘. Das ist schon sehr entmutigend.“

„Es gibt nicht nur Woelkis“

Grünen-Ratsfrau Barbara Schäfer rät ihrer Kirche, sich auf ihre Kernkompetenzen zurückzubesinnen: „Ich würde es toll finden, wenn die Kirche es schaffen würde, die Menschen zu begeisterten, indem sie durch Stellungnahme zu sozialen Themen wie Armut, soziale Ungerechtigkeit oder Menschenrechtsverletzungen soziale Verantwortung übernehmen würde statt Missbrauchsverbrechen zu vertuschen oder an veralteten Traditionen festzuhalten.“

Christiane Frebel freut sich über positive Haltungen gegenüber Reformbestrebungen von hochrangigen Kirchenvertretern wie dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer und Pfarrer Wolfgang Beck, der das „Wort zum Sonntag“ sprach. „Der dankte denen, die mit Ausdauer stören. Und das zeigt, dass es nicht nur Woelkis gibt.“

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