Kassenbon ist Pflicht: Händler und Kunden sind sauer

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Ziemlich viel Papier: Vielen Kunden nehmen ihren Kassenzettel nicht mit, weil sie ihn nicht brauchen. Die Folge ist bedrucktes Bonpapier, dass nutzlos an der Kasse herabhängt. Für Annelen Rechenberg ist es bares Geld, dass sie seit dem 1. Januar regelmäßig von der Kasse in den Mülleimer befördert.

Altena –Der Kassenbon ist Pflicht seit diesem Jahr - auch für ein Brötchen oder eine Packung Kaugummi. Das nervt die Kunden und Besitzer vor allem kleiner Läden. Und kostet sie richtig Geld.

Es gibt viele Betriebe, die sehr gerne auf die Kassenzettel verzichten würden, aber durch die neue Bonpflicht seit dem 1. Januar dazu gesetzlich gezwungen werden. Betroffen sind vor allem Bäckereibetriebe, kleinere Läden und Imbissbuden. 

Eine Tour durch die Geschäfte in der Altenaer Innenstadt macht deutlich: Sowohl Kunden als auch Händler sind mit der neuen Regelung unzufrieden. Annelen Rechenberg vom Tabak-, Wein- und Spirituosenhandel an der Bachstraße erzählt, dass schätzungsweise 90 Prozent ihrer Kunden keinen Kassenbon mitnehmen. 

Einzig bei E-Zigaretten sei es sinnvoll, den Bon aufzubewahren, falls zu einem späteren Zeitpunkt ein Garantieanspruch besteht. „Und beim Lotto sind Belege wichtig, weil es um viel Geld geht.“ 

Thermopapier nicht recycelbar

Davon abgesehen, wandert das bedruckte Thermopapier in dem Geschäft zum größten Teil in den Müll. Annelen Rechenberg ärgert das, weil für sie mit der Bonpflicht erhebliche Mehrkosten verbunden sind. Das fängt bei den Papierrollen an, von denen sie nun deutlich mehr braucht als noch im Vorjahr. 

Die Rollen bestellt Rechenberg im Internet. Auch die Entsorgung des Thermopapiers ist für die Verkäuferin mit Aufwand verbunden. Sie sammelt das Papier und bringt es anschließend zum Bringhof der Stadt. „Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Benzin – und ist sicherlich nicht besonders gut für die Umwelt.“ Thermopapier darf nicht im Papiermüll entsorgt werden, weil es nicht recycelbar ist.

Unmut über die Verordnung gibt es auch in Tante Carolas Drogerie. „Die Bonpflicht ist das Allerletzte“, sagt eine Kundin, die gerade dabei ist, das Geschäft an der Lennestraße mit ihren Einkäufen zu verlassen. „Da könnte man auch hier vorne direkt noch einen Mülleimer im Eingangsbereich aufstellen. Eine vollkommene Verschwendung von Papier...“, fügt sie an. 

Bonpflicht kostet einen Händler bis zu 4000 Euro

Auch Ulrike Singer, Geschäftspartnerin von Carola Scholz, kann nicht viel Gutes an der neuen Verordnung finden. Der Papierverbrauch und die Kosten steigen aus Sicht der Geschäftsfrau völlig unnötig. Die elektronische Kasse im Drogeriemarkt ist ohnehin manipulationssicher. 

Erklärtes Ziel der Bonpflicht ist es, elektronische Kassen gegen Steuerbetrug sicher zu machen. Für eine Rolle Thermopapier zahlt der Drogeriehandel 1,50 Euro. „Vor Kurzem habe ich eine Doku im Fernsehen gesehen, in der ein Mann ausgerechnet hat, wie viel mehr uns Einzelhändler die Bonpflicht kostet. Er kam auf bis zu 4000 Euro Mehrkosten pro Jahr.“ 

Und das, obwohl auch im Drogeriemarkt rund 80 Prozent der Menschen keinen Kassenbon wünschen. Ausgenommen sind auch hier elektronische Geräte wie Zahnbürsten oder Rasierer, bei denen der Kaufbeleg für die Garantie wichtig ist. Als Alternative zum Wegwerfen empfiehlt Singer, die Rückseite des Bons als Einkaufszettel zu benutzen. 

"Kunden lachen sich kaputt"

Auch Melissopeu Vasiliki vom Markaner-Grill berichtet, dass sie ihren Kunden Kassenbons zur Verfügung stellt, aber nicht jeder Gast den Ausdruck haben möchte. Eine Kundin, die gerade zu Gast ist, sagt: „Auf der einen Seite erzählt uns die Bundesregierung, dass wir die Umwelt schützen sollen, und auf der anderen Seite werden jetzt für Kassenbons Unmengen von Bäumen abgeholzt. Das passt nicht zusammen.“ 

In der Bäckerei Beul nimmt ebenfalls nur ein kleiner Bruchteil der Kunden die Kassenbons mit. „Die Kunden lachen sich halb kaputt über diese neue Regelung. Und wir auch – allerdings kostet uns das Bonpapier natürlich auch Geld“, erzählt eine Mitarbeiterin. „Es ist einfach schwachsinnig.“ 

Per Gesetz ist geregelt, dass jedes abgeschlossene Geschäft zwischen dem Kunden und dem Verkäufer dokumentiert und der Beleg zur Verfügung gestellt werden muss. In Bäckereien bedeutet das: Einen Bon gibt es schon beim Kauf eines einzelnen Brötchens. Darüber machen sich die Kunden bereits lustig. 

Ein Nutzer unseres Internetauftritts www.come-on.de kommentiert unter einem anderen Artikel zur Bonpflicht: „Wenn ich in der Bäckerei ein Brot kaufe, aber keinen Kassenbon erhalte – habe ich dann ein Schwarzbrot?“ 

"Herausgabe von Bons überflüssig"

Der Innungsmeister der Bäckereien hat zu der neuen Verordnung eine klare Meinung: „Die neuen digitalen Kassensysteme ermöglichen den Finanzbehörden jederzeit Einblick in alle Verkaufsprozesse. Alle Zahlungsvorgänge werden lückenlos und manipulationssicher aufgezeichnet. Die Herausgabe von Bons ist also völlig überflüssig. Und mehr als 97 Prozent der Kunden wollen einen solchen Bon überhaupt nicht haben“, sagt Jörg von Polheim. 

Bei durchschnittlich 100 000 Kunden je Bäckerei-Verkaufsfiliale ergebe sich alleine für Nordrhein-Westfalen rund eine Milliarde Bons aus Papier pro Jahr, rechnet Walter Dohr, Geschäftsführer des Verbands des Rheinischen Bäckerhandwerks, vor. „Wir reden über Umweltschutz und diskutieren über die Reduktion von Coffee-to-go-Bechern, schaffen dann aber auf der anderen Seite Müllberge aus beschichtetem Papier. Das ist definitiv nicht zeitgemäß.“ 

Eine Anfrage bei Michael Strothoff von Aldi, der auch in Altena eine Filiale betreibt, ergab: „Die Themen Abfallreduktion und Materialeinsparung spielen bei Aldi Nord seit Jahren eine zentrale Rolle. 

In diesem Kontext beobachten wir die Entwicklung innovativer Lösungen und Technologien auch rund um das Thema Kassenzettel sehr genau und prüfen, welche Optimierungen wir umsetzen können. Ein Beispiel dafür: Unsere Kassenbelege sind schon seit vielen Jahren FSC-zertifiziert und stammen aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Zudem sind diese phenolfrei und können über das Altpapier entsorgt werden."

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