Warten erhöht die Wertschätzung

Kantor Johannes Köstlin.

Altena - Es ist eine beiläufige Frage, bei einer Chorprobe von einem Sänger an den anderen gerichtet: „Na, hast du es auch überstanden?“ Diese kleine Szene ist es, die Johannes Köstlin erzählt und die hilft, ein paar Fragen zu beantworten – und andere zu stellen.

Der zweite Weihnachtstag lag hinter dem Chor, als sich die Unterhaltung abspielte. Was gab es denn da zu überstehen? Das AK nutzt die Gelegenheit, mit dem Kantor der evangelischen Kirchengemeinde über die Adventszeit zu sprechen, über Terminfülle und Zeitdruck und Ansätze, die vorweihnachtliche Belastung zu senken. „Ich spreche ungerne von Stress“, sagt Köstlin, „eher von einer terminreichen Zeit.“ Zu seinem Beruf gehöre das alles schließlich wie der Ruß zum Anzug des Schornsteinfegers und das Mehl auf der Dienstkleidung des Bäckers.

Bis zu fünf oder sechs zusätzliche Wochentermine bringe ihm das ein, berichtet Köstlin – er richtet sich darauf ein und versucht im Übrigen, sich in der Adventszeit „ein Wochenende als Insel freizuhalten“. Der 52-Jährige weiss aber, dass das nicht jedem möglich ist. „Viele Leute laufen in dieser Zeit auf der Felge.“ Aber das müsse nicht in jedem Fall sein. „Da hat man mehr in der Hand, als man glaubt“, ist Köstlin überzeugt. Denn: „Es tut uns nicht gut, so durch diese Zeit zu hetzen“. Der Kantor hat ein konkretes Beispiel: „Ich habe Weihnachtskonzerte erlebt, wo die Leute reihenweise eingeschlafen sind.“ Ermüdet vom vorweihnachtlichen Dauerbetrieb, habe die kurze Pause in der Kirche einfach ausgereicht, um Tribut zu fordern.

Anderes Beispiel: Viele Menschen reagieren mit Kopfschütteln, wenn Ende September – oft bei schönem Spätsommerwetter – die ersten weihnachtlichen Süßigkeiten in den Läden angeboten werden. Auch nach Köstlins Auffassung ist das zu früh, aber: „Es zwingt uns ja niemand, das dann zu kaufen. Wenn es niemand kauft, wird es schnell aus den Läden verschwunden sein.“

Oder Stollen, der weit vor der Adventszeit angeboten wird. „Muss man ja nicht nehmen.“ Warten können sei gefragt. „Das erhöht die Wertschätzung“, sagt Köstlin. Köstlin erzählt in diesem Zusammenhang kurz vom Weihnachtszimmer im elterlichen Haus in Zeitz (Sachsen-Anhalt). „Da wurde ich vor dem Fest nur mit verbundenen Augen hindurchgeführt.“

Einen der Hauptgründe, warum viele Menschen sich einem erhöhten Stresslevel ausgesetzt sehen, sieht der Kirchenmusiker in einem fehlerhaften Verständnis von Advents- und Weihnachtszeit. „Nach gesellschaftlichem Verständnis ist Weihnachten am 26. Dezember vorbei. Dabei hat das Fest dann gerade erst angefangen und es sollte Jubel, Trubel und Heiterkeit herrschen.“ Nach kirchlichem Verständnis reiche das Fest nämlich bis zum Epiphanias-Tag, der am 6. Januar gefeiert wird. Wenn für viele Weihnachten am 2. Weihnachtstag zu Ende sei, dann sei das eindeutig zu früh: „Da waren die Heiligen Drei Könige ja noch nicht einmal in Sicht.“ Die Adventszeit dagegen – „vier Wochen der Vorbereitung, der Buße und Stille“ – werde heftig ausgedehnt. „Die ersten Weih-nachtsmärkte gibt es schon am Freitag vor Totensonntag“, hat Köstlin beobachtet.

Aus dieser Erkenntnis leitet sich die Überzeugung des Kirchenmusikers ab, dass man sich für das Fest mehr Zeit nehmen sollte. „Bis zum 6. Januar haben wir zwei Wochen.“ Faktisch gebe es aber nach dem 2. Weihnachtstag oft eine „große Leere“. Dem steuert man in der Evangelischen Kirchengemeinde Altena – und nicht nur hier – entgegen. So gibt es am 28. Dezember ein Weihnachtskonzert in Wiblingwerde und am 4. Januar ein ökumenisches Weihnachtskonzert in der Lutherkirche. - Von Thomas Keim

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare