Die Kulturgeschichte der Heißgetränke ist ganz schön spannend

Kaffeeriecher kamen in des Königs Auftrag

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Dr. Agnes Zelck hat die Ausstellung „Bei Tisch“ konzipiert.

Altena - Frühstück im Bett, der Kaffee schwappt über. Auf das ruinierte Heißgetränk und den Stress beim Bettenbeziehen hatte schon der Adel in der frühen Neuzeit keine Lust und besorgte sich bei findigen Porzellanmanufakturen eine Schütteltasse. „Das ist eines der Objekte in der Sonderausstellung ,Bei Tisch’, das nicht auf dem Tisch landete”, erklärt Ausstellungskuratorin Dr. Agnes Zelck.

Fest mit der Untertasse verbunden ist das kleine Porzellankörbchen, das dem feinen Becher große Standhaftigkeit verleiht. „Benutzt wurde es wohl eher von Kakaoliebhabern”, erklärt Zelck. „Denn Kakao war ein Getränk, das ständig gerührt werden musste.” Von den bequemen Fertigmischungen, die es heute zu kaufen gibt, war Europa im 18. Jahrhundert noch weit entfernt. Zwar wurde Schokolade zu dieser Zeit bereits in Tafelform gekauft und war sogar mit Zimt, Vanille, Muskat und Anis angereichert, doch diese grobe Masse musste in Milch oder Wasser geschmolzen werden. Ein Rührkännchen in der Sonderausstellung zeigt, womit das am einfachsten ging: Mit einem eingelassenen Quirl am langen Griff, der verhinderte, dass sich der Koch die Hände verbrannte. „Das Thema Heißgetränke ist schon etwas Besonderes”, erklärt Dr. Agnes Zelck.

 Die Rohstoffe, Kakao- und Kaffeebohnen (Bild Mitte), haben sich vom Luxusgut zum Alltagsgenussmittel entwickelt.

Die Kunsthistorikerin hat ihnen deshalb einen besonderen Platz im Drahtmuseum eingeräumt. Bevor sie zum Genussmittel wurden, galten Extrakte aus Kakao- und Kaffeebohnen sowie Tees als reine Arzneimittel, wie die Fachliteratur der Zeit noch heute beweist. Kolonialmächte wie Spanien fanden jedoch Freude daran, den Rohstoff in größeren Mengen zu importieren. „Das war das erste Land, das in Europa 1750 den Kakao für alle Schichten der Gesellschaft zugänglich machte”, so Dr. Agnes Zelck. So weit war der Rest des Kontinents noch lange nicht, denn der Adel bestand auf seine Privilegien. Zunächst lösten in Großbritannien Tee mit Brot, Kakao und Kaffee das Bier ab und auch der Getreidebrei zum Frühstück wurde zeitweilig verdrängt von den reichhaltigen Getränken. „Insbesondere der Kakao war eine sättigende Mahlzeit. Den Bohnen wurde nämlich noch nicht das Fett entzogen.” In der katholischen Kirche diskutierte man deshalb hitzig, ob Kakao als Fastenspeise gelten dürfe. Tatsächlich setzte er sich durch. „Vielleicht hatte ja ein hoher Vertreter der Kirche die köstliche Mahlzeit für sich entdeckt”, mutmaßt Dr. Agnes Zelck schmunzelnd.

Richtig lecker

Richtig lecker wurden die an sich bitteren Bohnen schließlich erst durch die Beigabe von Zucker. Der erlebte durch das vermehrte Heißgetränkeaufkommen ein Comeback. „Ein teurer, höchst kostbarer Rohstoff”, weiß die Kuratorin und verweist auf die Zuckerstiche in der Ausstellung, die einerseits die mühevolle Verarbeitung des Zuckerrohrs darstellen und andererseits den Wert eines Zuckerhuts: Das Werk zeigt einen Landherrn, der den Pächtern seines Hofs zur Geburt des neuen Kindes einen Zuckerhut überreicht.

Zuckerhut als Geschenk

Bezeichnend ist, dass dem älteren Bruder des Neugeborenen eine Münze gereicht wird. „Daran sieht man: Zucker war richtig viel wert!” Aus den zähflüssigen Extrakten wurden die bis heute erhältlichen kegelförmigen Hüte hergestellt. Zur leichteren Portionierung wurde die Zuckerzange eingeführt - unverzichtbar auch in den Pariser Kaffeehäusern, von denen 1716 bereits 300 in der Metropole existierten. Ein Trend, der aus Venedig rübergeschwappt war. Den herrlichen Duft frisch gemahlener Bohnen - Pulver gab es noch nicht - konnten Adel und wohlhabendes Bürgertum nicht vorm einfachen Volk verheimlichen. Nachdem Mitte des 18. Jahrhunderts das Kaffeekränzchen im häuslichen Bereich etabliert war, kauften sich auch die Unterschichten die bitteren Bohnen. Das wiederum „stank” dem Adel und auch dem Biergewerbe, denn es kam zu Engpässen und wirtschaftlichen Krisen, die Friedrich der Große stoppen wollte: Das Kaffeetrinkverbot für die Unterschicht ging so weit, dass „Kaffeeriecher” durch die Straßen zogen und schnupperten, ob nicht doch irgendwo ein Kännchen brodelte.

Muckefuck kommt in Mode

 Das tat es zuweilen häufig, denn das einfache Volk besann sich auf die Herstellung von Ersatzkaffeeprodukten aus Buchen und Getreide. „Den Begriff Muckefuck benutzt man ja noch heute…” Ja, und manchmal zwingt den Menschen heute noch ein Magenleiden dazu, den organfreundlichen Zichorienkaffee (berühmt aus der Werbung) zu kaufen. Da kann es sich lohnen, ihn aus einer feinen Porzellantasse zu trinken, wie sie die Königliche Porzellanmanufaktur herstellte, um das Genusserlebnis etwas aufzuwerten. Zum Trinken mit dem zeitweilig als vornehm geltenden abgespreizten kleinen Finger gibt es mehrere Theorien. Eine davon hat gar gesundheitlichen Charakter: Wer seine kleinen Gelenke im Griff hatte, galt als frei von Syphilis…

Alle süßen Termine auf einen Blick:

Dem Zuckerbankett der „Fürstlich Jülichschen etc. Hochzeit“ von 1585 widmen die Freunde der Burg Altena am Mittwoch, 15. März, um 19 Uhr einen ganzen Abend im Festsaal des Burgrestaurants. Den Vortrag hält Guido von Büren.

„Der Weg der Kaffeebohne“ ist eine Sonderveranstaltung mit Sebastian Benkhofer am Samstag, 18. März, um 15 Uhr. Gäste genießen eine exklusive Kaffeeverkostung mit Produkten aus der Kaffeerösterei Kaffeekultur aus Lüdenscheid. Die Kosten betragen fünf Euro pro Person, Anmeldung unter Tel. 02352/966-7034 ist erbeten.

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