Konzert zum historischen Tag

Der Titel „Anthem“ aus dem Muscial „Chess“ wurde hoch emotional von Ergin Hamdi als Solist interpretiert. Hier fanden sich sogar Korrelationen auf mehreren Ebenen. -  Fotos: Salzmann

Altena - Was hat Schuberts „Unvollendete“, musikgeschichtlicher Gegenstand unzähliger Diskussionen, mit der Geschichte der DDR zu tun? Worin liegen die Parallelen zwischen „Chess“, dem bekannten Musical aus der Feder von Benny Andersson und Björn Ulvaeus (Abba), und dem Kalten Krieg?

Und zu guter letzt: Lässt sich zwischen der Geschichte des lernbehinderten Aufsteigers „Forrest Gump“ und dem SED-Regime, das den Freiheitswillen seiner Untertanen unterschätzte, eine Brücke bauen?

Mit fulminanten, teilweise überraschenden „Brückenschlägen“ zwischen Zeitgeschichte und Musik rief das Jugendsinfonieorchester der Musikschule Lennetal am Sonntag in der Aula des Burggymnasiums deutsch-deutsche Geschichte, Teilung und Mauerfall in Erinnerung. Trefflich „Grenzenlos“ war das facettenreiche Programm zum Jahrestag des Mauerfalls vor 25 Jahren überschrieben.

Zentrales Thema aller Werke, die das aus Schülern und Lehrern bestehende Orchester in opulenten Klangfarben zur Aufführung brachte, war der unbändige Freiheitswille. Als Dirigenten geleiteten Andreas Regeling und Martin Theile das Orchester souverän durch das stilistisch breit gefächerte Programm. Die Moderation übernahm Sebastian Hoffmann, der die passenden politisch-musikalischen Anknüpfungspunkte fand. In bewegenden Worten sensibilisierte er für die Geschichte, die zum Mauerfall führte, und eröffnete den Zuhörern Zugang zu den ausgewählten Werken des Nachmittags und ihrer Botschaft. Dabei ging er auch auf das geschichtsträchtige Datum 9. November ein: 1918 mit der Abdankung des Kaisers, 1923 mit dem Hitlerputsch, 1938 mit der Reichspogromnacht und 1989 mit dem Mauerfall verbunden.

Der stolzen, freiheitsliebenden „Carmen“, der Georges Bizet in seiner berühmten Oper ein Denkmal setzte, widmeten die Musiker den Auftakt ihres begeistert gefeierten Konzerts. In sieben Sätzen skizzierten sie in der Suite bildhaft das dramatische Handlungsgerüst der Oper, die mit Carmens gewaltsamem Tod endet. Dem funkensprühenden Torerolied „Les Toréadors“ aus der Suite, mit Lust und Leidenschaft umgesetzt, gaben die Musiker auch in der Zugabe breiten Raum. Einen viel Geschmähten, der in der Nazi-Zeit wegen seiner Affinität zum Judentum in der Versenkung verschwand, ehrte das Sinfonieorchester in Max Bruch.

Als Solisten brachten Martin Theile (Klarinette) und Sebastian Hoffmann (Viola) einfühlsam die pathetisch-dramatische Grundhaltung des Konzerts für Klarinette, Viola und Orchester e-Moll zur Geltung. Zu Schubert und seiner „Unvollendeten“, ferner in die Filmwelten von „Forrest Gump“, „Jurassic Park“ und „Star Trek“ führte die schillernde musikalische Reise des Orchesters. Immer wieder gelang es, Verbindungen herzustellen und Anknüpfungspunkte zwischen Musik und Politik zu finden. Beim „Anthem“ aus „Chess“, hoch emotional von Ergin Hamdi (Gesang) als Solist interpretiert, fanden sich sogar Korrelationen auf mehreren Ebenen. Angefangen beim Kalten Krieg und den im Musical rivalisierenden Schachspielern, die unweigerlich an Viktor Kortschnoi und Bobby Fischer denken ließen, bis zu Ergin Hamdis eigener (bulgarischer) Geschichte. - Von Jakob Salzmann

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