Jugendamt bringt den Kindersitz gleich mit

ALTENA - Ein schwer misshandeltes Kind oder gar ein totes: Das ist das schlimmste, was passieren kann. Darüber ist man sich im Jugendamt einig und arbeitet daran, dass es nicht soweit kommt. Allerdings: „Man ist nie 100-prozentig auf der sicheren Seite“ – so der zuständige Fachbereichsleiter Wolfgang Friess am Mittwochabend in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses. Immerhin müssten die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialdienstes ja erstmal wissen, dass in einer Familie etwas im Argen liegt.

Möglichst „früh am Ball“ zu sein ist seit 2007 Ziel des gleichnamigen Projektes, das Besuche von Stadt-Mitarbeitern bei allen frisch gebackenen Eltern vorsieht. Sie können sich dabei einen ersten Eindruck davon machen, wie ein Kind aufwächst. Einen weiteren Schutz böten die Kindergärten, hofft Friess: Etwa 97 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder haben einen Platz. Missbrauch oder Vernachlässigungen müssten dort auffallen.

Bleibt die Frage, was nach (auch anonymen) Hinweisen aus der Bevölkerung zu passieren hat – immerhin etwa 20 entsprechende Anrufe gab es im Jahr 2009. Spätestens seit dem Tod des kleinen Bremers Kevin existieren im Jugendamt Handlungsanweisungen, wie mit solchen Anrufen umzugehen ist. Die seien aber „eher bruchstückhaft“, sagte Friess. Und: „Ich will das aus einem Guss haben“. Deswegen hat sich seine Mitarbeiterin Meike von Ophoven in den vergangenen Monaten intensiv damit beschäftigt, einen entsprechenden Handlungskatalog zusammenzustellen. Stolze 51 Seiten stark war die Vorlage, die die Kommunalpolitiker durchzuackern hatten. Wie ernst sind Hinweise zu nehmen? Wie ist darauf zu reagieren? Diese und viele andere Fragen werden darin behandelt und demnächst in eine für alle Mitarbeiter des Fachbereichs Jugend und Soziales absolut verbindliche Dienstanweisung einfließen. Welche Prämisse dabei gelten wird, sagte Friess am Mittwoch glasklar: „Lieber zweimal zu viel als einmal zu wenig“ – gibt es auch nur einigermaßen glaubwürdige Hinweise darauf, dass ein Kind in Gefahr ist, steht das Jugendamt vor der Tür. Öffnen die Eltern nicht, wird Amtshilfe der Polizei angefordert. Deren Chef Matthias Radtke ist beratendes Mitglied des Jugendhilfeausschusses und nahm das ohne Widerspruch zur Kenntnis. Friess ließ durchblicken, dass seine Behörde bereits zu diesem Mittel greifen musste.

Liegt ein Fall von Vernachlässigung oder gar Misshandlung vor? Wie akut ist die Gefahr für das Kind? Fragen, die sich den Sozialarbeitern (die grundsätzlich zu zweit kommen) in solchen Fällen stellen. Meike von Ophovens Aufgabe war es, auf diese Fragen klare Antworten zu geben. Sie entwickelte dazu Fragebögen, die vor Ort abgearbeitet werden. Die müssen im Ernstfall nicht erst mühsam zusammengesucht werden, sondern stecken in einem Notfallkoffer, der ständig griffbereit ist und außerdem ein „immer aufgeladenes Handy und eine Kamera“ enthält, wie Friess erläuterte. Selbst Kindersitze haben seine Mitarbeiter in diesen Situationen stets dabei – für den Fall, dass Kinder sofort aus der Familie genommen werden müssen. Ihre Entscheidung muss allerdings innerhalb von 24 Stunden von einem Familienrichter überprüft werden.

Von den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses gab es durch die Bank Lob für dieses Vorgehen. Es diene nicht nur dem Schutz der Kinder, sondern auch dem der Mitarbeiter, sagte der sachkundige Bürger Ulrich Hins. Ulrich Biroth (SDA) fragte nach, ob die Personalstärke ausreiche. Friess bejahte das mit Hinweis darauf, dass für diese Aufgaben eine zusätzliche halbe Stelle geschaffen worden sei. Helma Leidag nahm als Leiterin der Hauptschule zur Kenntnis, dass das Jugendamt auf diesem Gebiet zukünftig auch mit den Grundschulen zusammenarbeiten wird und wünschte sich für sich ebenfalls Hinweise darauf, welche ihrer Schüler aus Problemfamilien kommen.

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