Hochwasser im MK

Erst der Job weg, dann Hab und Gut: So kämpft Mann im MK nach der Flut

Mike Stirler hat erst seinen Job verloren und dann sein Hab und Gut bei der Flut.
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Mike Stirler hat erst seinen Job verloren und dann sein Hab und Gut bei der Flut.

Erst verlor er seinen Job, dann kämpfte er im Unwetter gegen die Wassermassen. Ausgerechnet am schwer getroffenen Grennigloher Weg steht sein Haus. Um seine Katzen zu retten, brachte er sich selbst in Lebensgefahr. Und trotzdem lächelt Mike Stirler. „Andere hat es schlimmer getroffen.“

Altena – Unter Dauerstrom. Die Nachbarn unterstützen. Hilfe organisieren. Anpacken. Wache schieben. Der Schock vom 14. Juli dauert an. Es war noch keine Zeit zum Verarbeiten, zum Sackenlassen. Keine Zeit, das eigene Dilemma genau anzuschauen.

Es ist schon ein Segen, wenn man Pumpen hat. Schon vor der Tragödie. Eigentlich sind sie für den Garten gedacht, doch bewährten sie sich im Unwetter-Einsatz. „Innen hatten wir eine weitere große Pumpe, die uns den Hintern gerettet hat“, sagt Mike Stirler. Das Wasser stand 1,90 Meter hoch an der Kellertür. „Die hat Gott sei Dank gehalten. Wenn sie aufgegangen wäre, hätten wir eine Katastrophe erlebt.“

Wenige Minuten Zeit bis zur Evakuierung

Das Leben war nachts um 2 Uhr schlagartig ein anderes geworden – im verzweifelten Einsatz gegen eine nicht zu bändigende Wasserflut. Mit Sandsäcken und allem, was sie finden konnten, versuchte die Nachbarschaft mit vereinten Kräften die braune Brühe, die auf sie zuschoss, von den Häusern wegzuhalten. „Wir sind zusammengerückt“, erzählt Mike Stirler von den Menschen, die am Grennigloher Weg wohnen. Das galt für die Flutnacht. Das gilt weiterhin.

Starkregen: Die Bilder aus Altena und Nachrodt

An der Elsa-Brandström-Straße in Altena liefen Keller voll.
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Mit seiner Lebensgefährtin Silke wurde Mike Stirler wie alle anderen Bewohner vom Grennigloher Weg evakuiert. „Wir hatten zehn Minuten Zeit“, erzählt der 52-Jährige, der so schnell wie möglich die sechs eigenen Katzen und die zwei Pflegekatzen aus dem Tierschutz in den ersten Stock verfrachtete, ebenso wie einige wichtige Ordner. Nur mit dem Nötigsten verließ das Paar das Haus.

Zurück gekehrt, um Katzen zu retten

Doch die Sorge um die Tiere war nicht auszuhalten. „Wir konnten die Katzen einfach nicht im Stich lassen. Eine bekommt auch Insulin. Also sind wir zurück“, sagt Mike Stirler. Unvernünftig. Verrückt eigentlich. Statt ins Bergheim zu fahren und sich umsorgen zu lassen, machte sich das Paar auf den Weg zurück.

Der Grennigloher Weg in Altena in der Flutnacht im Juli 2021.

„Wir hatten Angst, ja. Haben versucht, durch den Wald zu gehen, aber wir haben gesehen, dass die Autos an der Brachtenbeck heruntergeschwommen sind.“ Mike und Silke schafften es irgendwie bis zum eigenen Haus. „Die Feuerwehr hatte so viel um die Ohren. Die hat das nicht mitbekommen, aber uns hätte auch niemand zurückhalten können“, sagt der Altenaer, wohl wissend, dass er und seine Partnerin in Lebensgefahr waren. „Vor allem nach 23 Uhr, als die Wassermassen auf einmal aufhörten, wurde es gefährlich. Dann kamen nämlich die Geröllmassen und es hat die Teerdecke weggeschossen wie Spielzeug.“

Haus steht noch und ist versichert

Letztendlich hatte Mike Stirler tatsächlich Glück im Unglück. Sein Haus steht. Es gibt sogar eine Elementarversicherung. Und das Wichtigste: Das Paar und die Katzen sind wohlauf.

Der Grennigloher Weg nach der Flut: Geröllmassen ziehen sich durch die Straße.

Der Grennigloher Weg 17, wo Mike Stirler wohnt, wurde aufgrund der anderen Häuser, die viel abhielten, nicht so katastrophal getroffen. Nach oben bis zur Hausnummer 43 dagegen wird die Welt für lange Zeit nicht mehr so sein wie vor dem Unwetter. Für manche Bewohner wird es nie wieder wie früher. Ein älteres Paar kann dies nicht verkraften und möchte deshalb gar nicht mehr zurückkehren, wie Mike Stirler erzählt.

Grennigloher Weg: Unmengen an Arbeit

Jetzt ist er es, der überall mit anpackt, Hilfe organisiert, Ansprechpartner ist. Nicht, weil er selbst glimpflich davon gekommen ist, sondern aus Selbstverständlichkeit. „Wir haben viele ältere Leute in der Straße, die das allein körperlich nicht mehr leisten können“, so der 52-Jährige.

Die vielen freiwilligen Helfer, die gekommen sind, sollten gerecht aufgeteilt werden. Was natürlich nicht immer geklappt hat. Nicht immer klappen konnte. „Es hat sich hinterher aber eingespielt“, sagt Mike Stirler. Dabei gibt es immer noch Unmengen zu tun. „Das Inventar drinnen ist weg, jetzt geht es darum, Holz rauszureißen, Rigips, Tapeten, um so schnell wie möglich das Mauerwerk trocken zu legen“, erzählt Mike Stirler vom nächsten Stepp.

Das große Aufräumen in Altena Teil 2

Das große Aufräumen nach dem verheerenden Hochwasser in Altena geht weiter.
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Sieben Häuser sind noch nicht wieder bewohnbar. Und von den 16 Häusern haben neun keine Elementarversicherung, „für die wir mit Caritas, DRK und anderen versuchen, den Leuten das Leben so erträglich wie möglich zu machen“. Getränke und Lebensmittel werden mit Schubkarren transportiert. Abenteuerlich. Mike Stirler dankt allen Helfern, fühlt sich gut unterstützt. „Aber was ist mit den Leuten, die alles verloren haben?“

Drei Wochen unter „Dauer-Power“

Trockner, Waschmaschinen, Betten, Schränke, Wohnzimmermöbel werden als Spenden benötigt. „Es haben uns viele Leute angeschrieben, die gern spenden wollen.“ Gerade geht es um die Organisation einer Lagerhalle, wo eben diese Sachen hingebracht werden können. Zwischen all den Bemühungen, die Not zu lindern, lauert die Angst: vor dem nächsten Starkregen. „Wir hatten jetzt einen Platzregen, da sind teilweise die Keller wieder vollgelaufen.“ Die Drainagen waren nicht freigelegt. Das ist jetzt passiert.

Was macht so eine Erfahrung mit den Menschen? „Ich weiß es noch nicht. Ich bin jetzt drei Wochen unter Dauer-Power. Man fühlt sich verantwortlich. Wenn man mit 60 Leuten drei Tage ein Haus freiräumt von Schlamm, Sperrmüll, Geröllmassen, dann weiß man, dass die Menschen nichts mehr haben können.“

Niederlassungsleiter sucht neuen Job

Dass Mike Stirler im Moment arbeitssuchend ist, gibt ihm die Zeit, sich um seine Mitmenschen zu kümmern. Doch natürlich möchte der 52-Jährige dringend wieder in „Lohn und Brot“. Zuletzt arbeitete er als Niederlassungsleiter einer Firma in Werdohl, die im Bereich Wärmedämmung und Brandschutz tätig ist.

Corona macht die Suche nach einem neuen Job nicht leichter. Der Industriemeister mit etlichen Qualifikationen würde gern in der Produktionsleitung arbeiten oder als technischer Leiter. „Ich möchte was bewegen.“

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