Altenaer mit italienischen Wurzeln kauft historisches Lastenmotorrad

Jens Ecchers Motoguzzibratwurststand

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Vater und Sohn vor dem besonderen Moto Guzzi Motorrad.

Altena - „Und jetzt eine Bratwurst“ - dieser Gedanke von Jens Eccher sollte teure Folgen haben. Es war vor ein paar Monaten im Lennekai, als ihn der Wunsch nach Gegrilltem ereilte. „Ich habe dann gedacht, dass ich mich darum wohl selber kümmern muss“, berichtet er. Am morgigen Sonntag wird er am Lennekai zum ersten Mal Bratwurst grillen - und deren italienische Verwandte Salsiccia.

Die Geschichte von Jens Eccher hat nämlich mit Italien zu tun. Und mit dem Breitenhagen: Als dort Anfang der 50er Jahre groß gebaut wurde, da fehlten dem damit beauftragten Bauunternehmung Lüke Maurer. Die Lösung des Problems lag in Italien: Georgio Eccher und ein Dutzend andere Italiener kamen nach Altena, um hier Baugesellschaftshäuser hochzuziehen. Einige blieben danach in Altena, andere gingen wieder zurück in ihre Heimat. Allerdings hielt man Kontakt, und zwar über viele Jahre. Also war Jens Eccher immer mal wieder in Italien zu Besuch und wusste von der Moto Guzzi Ercole, die sich Papas Kollege Ernesto zugelegt hatte, als er nach Italien zurückgekehrt war und dort ein Bauunternehmen gegründet hatte. „Mir war sofort klar, dass ich für meinen mobilen Grillstand genau so ein Fahrzeug brauche“, erklärt er.

Perfekt restauriert ist die Ercole, die Eccher im Schwarzwald auftrieb.

Moto Guzzi baut Motorräder. Tatsächlich sieht der erste Meter der Ercole aus wie ein Motorrad: Reifen, Lenker, Motor, Sattel. Danach geht es in die Breite: Über zwei angetriebenen Hinterrädern befindet sich eine zwei mal 1,50 große Pritsche, auf der Ecchers Grill-Equipment aufgebaut ist. Zunächst hatte der 57-Jährige vor, dem ehemaligen Kollegen seines Vaters dessen Ercole abzukaufen. „Aber die ist ganz schön heruntergekommen“, berichtet er. „Und die Geduld, so ein Fahrzeug zu restaurieren, die habe ich irgendwie nicht“. Außerdem musste es schnell losgehen mit der Bratwurst, immerhin nahte der Sommer. Also bemühte Eccher das Internet und wurde fündig: Im Schwarzwald stand eine top-restaurierte Ercole zum Verkauf. „Wir sind dann gleich am nächsten Wochenende mit einem Anhänger dahingefahren und haben sie abgeholt“, berichtet Eccher. Er hätte keinen Tag länger warten dürfen: Ein Restaurantbesitzer aus Mailand (dort sitzt die Firma Moto Guzzi) hatte ebenfalls Interesse - er wollte die Ercole als Salatbar nutzen.

Rein rechtlich ist Eccher Lkw-Fahrer.

Bei Eccher darf sie fahren, was sicher die artgerechtere Haltung ist. Das ist wahrscheinlich auch im Sinne von Klaus Huth aus Langenbach in Bayern, der die Maschine in jahrelanger Arbeit restauriert hat. „Der hat alleine 8000 Euro für Teile ausgegeben“, weiß Eccher aus Gesprächen mit dem passionierten Schrauber. Als Huth fertig war, verkaufte er die Ercole an jenen Mann, von dem sie dann der Altenaer übernahm. „Huths neuestes Restaurationsprojekt ist ein Messerschmitt Kabinenroller“, weiß er. Eccher ist irgendwie nicht der Typ, der halbe Sachen macht. Die vergangenen Wochen hat er dazu genutzt, seinen mobilen Grillstand stilgerecht auszustatten. Klar gibt es da einen Grill - gasbetrieben, Standardware, nichts Besonderes. Direkt daneben steht eine alte Benzinkanne, was aber nicht gefährlich ist: Wer grillt, muss sich auch die Hände waschen können. In der Kanne ist Wasser, das von einer elektrischen Pumpe in ein kleines Waschbecken gepumpt wird. Der zur Kühlbox umfunktionierte Pappkoffer, der auf der Pritsche liegt, mag jenem ähneln, mit dem Papa Georgio vor über 60 Jahren nach Altena gekommen ist. Im 50 Jahre-Style gehalten sind auch die Schnapspinnchen an Bord - als guter Gastgeber denkt Eccher natürlich darüber nach, ab und an mal eine Runde Ramazotti zu schmeißen. „Und für die Kinder gibt es Amaretti“, verspricht er. Kassiert wird mit einem „Galoppwechsler“, wie ihn früher die Schaffner in Straßenbahnen und Bussen hatten. „Und einen originalen Moto-Guzzi-Helm habe ich auch aufgetrieben“, freut sich der Breitenhagener. Wobei: Rein rechtlich braucht er den nicht. Zulassungstechnisch gilt die Ercole als Lkw. Auf jeden Fall hat Eccher eine Menge Geld ausgegeben, um am Markaner und beim Lennekai, an der Mittleren Brücke und vielleicht auch beim Flohmarkt am Langen Kamp Bratwurst verkaufen zu können.

Das Motorrad verzaubert jeden Technik-Freak.

Rechnen wird sich das nicht, ist er sich sicher und verbucht die Aktion unter der Rubrik „Hobby“. „Die Maschine wird eher nicht an Wert verlieren“, meint er angesichts der Tatsache, dass es davon in Deutschland nur noch ganz wenige gibt, Ein paar Mal war Eccher schon mit seiner Moto Guzzi in Altena unterwegs. Dabei zeigt er Flagge: Am Fahrzeugheck flattert stets die Bandiera della Repubblica Italiana, also die grün/weiß/rote Trikolore der Italiener. Auch deshalb erregt er Aufmerksamkeit. Aber es ist vor allem seine Maschine, die das Interesse weckt - vor allem das von Männern – „die finden die einfach nur geil“. Dass es zwischen den Geschlechtern Unterschiede gibt, merkt Eccher auch im privaten Umfeld: „Mein Papa freut sich. Meine Frau und meine Mutter sagen, ich wäre bekloppt“.

Alle Daten und Fakten zum Motorrad:

Das italienische Ercole steht für Herkules und diesem Namen macht Jens Ecchers Gefährt wirklich alle Ehre. Ein Hubraum von 500 Kubikzentimern ist gut für 19 PS, die insgesamt zwei Tonnen bewegen dürfen. Der Motor (Benziner) ist ein Einzylinder mit einer sogenannten Königswelle, die auch Porsche zum Antrieb der Nockenwellen zur Ventilsteuerung einsetzte. Die Ercole selbst wiegt um die 800 Kilo, sodass mehr als eine Tonne zugeladen werden darf. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 60 Stundenkilometern angeben. Zwei Trommelbremsen sollen reichen, das Gefährt abzubremsen. Anfangs wurden sie mechanisch betätigt, ab den 1950-er Jahren wurde hydraulisch gebremst. Das Fünfganggetriebe mit Schaltkulisse und Rückwärtsgang sorgt dafür, dass man mit dem Klein-Lkw rangieren kann. Gebaut wurde die Ercole von 1943 bis in die späten 1970-er Jahre.

Ecchers Modell ist Baujahr 1973. Auch das italienische Militär setzte die Moto Guzzi ein. Für die zivile Nutzung gab es verschiedene Ausführungen, so zum Beispiel auch ein kleines Tanklöschfahrzeug für Feuerwehren. Ecchers Ercole hat eine vergleichsweise mächtige Hydraulik, mit deren Hilfe die zwei mal 1,50 Meter große Pritsche gekippt werden kann. Laut Wikipedia wurden in mehr als 30 Jahren rund 38 000 Einheiten des „Ercole“ mit dem 500 cm³ Motor hergestellt. Wie viele davon heute noch unterwegs sind, ist unklar. Eccher geht allerdings davon aus, dass wegen der rauen Bedingungen, denen die Fahrzeuge ausgesetzt waren, viele auf dem Schrott gelandet sind. In Deutschland konkurrierte das Fahrzeug mit Einachsschleppern beispielsweise der Marke Holder, die vielseitiger waren.

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