„Jeder wird ernst genommen“: Menschen in Vollbetreuung erstmals wahlberechtigt

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Larissa Menge und David Pauli wissen, dass Vertrauen eine wichtige Basis für die Bewohner des Kohlberghauses ist.

Altena - Kurz vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen (NRW) stehen in diesem Jahr auch die örtlichen Pflege- und Altenhilfeeinrichtungen vor einer besonderen Herausforderung. Denn: Erstmalig sind Menschen, die in allen Angelegenheiten in Betreuung stehen, wahlberechtigt.

Dabei stellt sich vor allem in der Arbeit mit psychisch und geistig beeinträchtigten Menschen die Frage, wie die Einrichtungen das umsetzen. 

„Es ist schwierig, aber es geht“, sagte David Pauli, Leiter Sozialer Dienst des Kohlberghauses. „Wir haben hier schon ein spezielleres Klientel als andere Einrichtungen.“ 88 Bewohner mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen leben in der Pflegeeinrichtung an der Stadtgrenze zu Neuenrade. 

Dass sie alle dieses Jahr an der Landtagswahl am 14. Mai teilnehmen dürfen, haben die Mitarbeiter des Kohlberghauses erst durch die vielen eingegangenen Wahlbenachrichtigungen registriert: „Wir haben dann natürlich nachgehakt“, sagte Larissa Menge, Mitarbeiterin im Sozialen Dienst. 

Mit Unterstützung an das Thema Wahl

Daraufhin habe die Einrichtung schnell reagiert: „Wir fanden das natürlich toll und haben uns bemüht, alle Bewohner möglichst schnell auf das Thema zu bringen und sie auf die Wahl aufmerksam zu machen“, sagte Pauli. Konkret setzen die Mitarbeiter das vor allem über das Internet- und Themen-Café um – dort können die Bewohner mit Unterstützung an das Thema Wahl herangeführt werden. 

„Wir versuchen grundsätzlich, dass jeder wählen kann“, betonte Pauli. Die Mitarbeiter haben zur Hilfe Kärtchen vorbereitet, die die Parteien darstellen. „Man merkt schnell, ob derjenige etwas mit der Thematik anfangen kann oder mit den Bildern etwas völlig politikfernes assoziiert.“ 

„Glauben, täglich mit Putin zu telefonieren“ 

Teilweise sei sogar besondere Vorsicht geboten, denn manche der Bewohner leiden unter starken psychischen Erkrankungen. „Ihnen die Politik näher vor Augen zu führen, kann eine Psychose manifestieren“, weiß der Leiter des Sozialen Dienstes. „Es kommt vor, dass sie glauben, verfolgt zu werden – oder täglich mit Putin zu telefonieren.“ 

Nichtsdestotrotz: Die Entwicklung hin zur Inklusion sei richtig, so die Ansicht Paulis. Problematisch sei vor allem der bürokratische Teil. „Für viele wurden die Briefwahlunterlagen direkt mitgeschickt, das ist wirklich hilfreich. Bei anderen aber nicht, wir wissen nicht warum“, sagte Mitarbeiterin Menge. 

Das Problem: Die Bewohner müssten die Unterlagen selbst beantragen, und das sei schwierig. Scheitern könne es bereits an der Unterschrift. „Einige unterschreiben gar nicht oder grundsätzlich mit falschem Namen oder nur mit dem Vornamen. Das wird aber nicht akzeptiert. Die Statuten müssen langfristig unbedingt aufgeweicht werden“, sagte Pauli. 

Vertrautheit als Basis ist wichtig

Ein persönlicher Besuch aller Bewohner im Wahllokal sei nicht umsetzbar und für die Leute selbst größtenteils zu anstrengend. „Die wenigsten würden bei unbekannten Wahlhelfern überhaupt wählen – egal ob hier vor Ort oder woanders“, versicherte Pauli. „Eine Vertrautheit als Basis ist unglaublich wichtig. Ohne die geht nichts.“ 

Sein Wunsch für die Zukunft: Eine bessere Kommunikation zwischen den Behörden vor Ort und den Einrichtungen. „Vielleicht kann man in einem direkten Gespräch einiges optimieren.“ Immerhin sei die Resonanz auf die Wahlbenachrichtigungen zumeist positiv: „Viele haben sich gefreut, dass sie überhaupt gefragt wurden“, sagte Menge. 

Es gebe außerdem zahlreiche Fragen und Bitten zur Unterstützung. „Manche zerreißen die Unterlagen aber auch oder sagen: ,Ich wähle nicht, das bringt ja sowieso nichts.‘ Aber das ist eine Reaktion, wie es sie überall gibt.“ 

Zusammenarbeit mit den Angehörigen 

So auch im Ellen-Scheuner-Haus. Die Mitarbeiter der Altenhilfeeinrichtung kennen das Prozedere bei Wahlen: „Bei uns gibt es natürlich immer einige Bewohner, die wählen dürfen“, sagte Pflegedienstleiterin Kornelia Tymoszuk. 

Die Herausforderung in diesem Jahr wird es sein, den demenzkranken Menschen die Wahl zu ermöglichen. „Das Problem ist schlichtweg, dass sie die Informationen schnell wieder vergessen“, weiß Tymoszuk. Daher seien intensive Einzelgespräche nötig – ebenso wie eine Beratung, auch für die Angehörigen. 

Melanie Jürgens (4. von rechts) und Kornelia Tymoszuk (3. von rechts) wollen allen Bewohnern des Ellen-Scheuner-Hauses die Möglichkeit zur Teilnahme an der Landtagswahl geben. Die Zusammenarbeit mit den Angehörigen ist dabei besonders wichtig.

Denn die nehmen für die Umsetzung eine ganz besondere Rolle ein: „Direkte Familienmitglieder kennen in der Regel die Vergangenheit ihrer Angehörigen; sie wissen, welche Parteien sie damals gewählt haben und in welche Richtung das politische Interesse geht“, sagte Melanie Jürgens, Soziale Begleitung. 

Ob die Wahl per Brief oder direkt im Lokal erfolgt, hänge vor allem von den Möglichkeiten der Bewohner ab. „Hier leben Menschen, die sind durchaus orientiert und mobil – andere wiederum nicht“, sagte Tymoszuk. „Dafür sind wir dann auch da: Wir begleiten die Leute und ermöglichen jede Option.“ 

In täglicher Zeitungsrunde informiert

Das Interesse am politischen Geschehen sei in der Altenhilfeeinrichtung sehr groß, erklärte Jürgens: „Wir bieten jetzt kurz vor der Wahl nicht viel mehr an als sonst – es gibt ohnehin eine tägliche Zeitungsrunde, in der wir vorlesen. Aber die Diskussionen werden deutlich intensiver.“ 

In diesen gehe es um Sorgen und Ängste – „die Bewohner erinnern sich und reden von Kriegszeiten“, sagte Jürgens. Dass sie sich nun alle an der Landtagswahl beteiligen dürfen, sei besonders aus einem Grund wichtig: „Jeder von ihnen wird jetzt ernst genommen.“

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