Mit dem Jahreswechsel Veränderung an der Spitze des Unternehmens

Stadtwerke wieder auf den richtigen Kurs gebracht

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Marc Bunse hat seinen Schreibtisch im Stadtwerke-Gebäude an der Linscheidstraße längst aufgeräumt. Sein Wechsel nach Ratingen stellt einen gewaltigen Karrieresprung dar.

Altena - „Selbst Brennholz aus dem Baumarkt ist billiger als das Gas von den Stadtwerken“: Auch nach neun Jahren kann Marc Bunse diese Schlagzeile noch frei zitieren. Sie erschien wenige Tage vor seinem Amtsantritt als Stadtwerke-Geschäftsführer im AK. Das war 2010, seinen Start in Altena bezeichnet er als „ziemlich ernüchternd“. Der Wasserpreis war damals in Altena der höchste in ganz NRW, auch beim Gas lagen die Stadtwerke über dem Durchschnitt.

 Das ebenfalls von Bunse geleitete Abwasserwerk kassierte ebenfalls sehr hohe Gebühren. Das hat sich im Laufe der Zeit gründlich geändert, was für Bunse natürlich eine Empfehlung war. Mit dem Jahreswechsel wird der 45-Jährige deshalb Geschäftsführer der Stadtwerke Ratingen, die zehn Mal so groß sind wie die in Altena. „Das war wie in einem Museum hier“, blickt Bunse auf seine Anfangsjahre zurück und meint damit vor allem den Stadtwerke-Hauptsitz an der Linscheidstraße, an dem „erheblicher Investitionsstau“ herrschte und der in den vergangenen Jahren kontinuierlich modernisiert wurde.

„Die Netze waren aber damals schon in einem guten Zustand“, attestiert er und wundert sich darüber nicht. Schließlich seien Vorgänger wie Otto Korn und Kurt Balkow Techniker gewesen - wie das halt üblich war damals, als die Stadtwerke noch Monopolisten waren. Dann kam 2005 die Reform des Energiewirtschaftsgesetzes und damit die Öffnung des Gasmarktes. Das war ein Einschnitt, der völlig andere Anforderungen an die Leitung eines Stadtwerks mit sich brachten. Bunse: „Der Fokus verschob sich auf das Kaufmännische“. „Gesucht wurde damals jemand mit einem gesunden Maß an Branchenkenntnis“, erinnert er sich und bezeichnet es „als auf beiden Seiten mutige Entscheidung“, dass die Wahl am Ende auf ihn fiel. Damals war er 35 und ziemlich jung für einen solchen Job.

Aber der gelernte Wirtschaftsingenieur hatte schon Erfahrungen gesammelt, und zwar auf einem damals noch neuen, aber immens wichtigen Gebiet: Den Netzentgelten. Er war dabei, als sein damaliger Arbeitgeber RWE die mit der Bundesnetzagentur aushandelte - „dabei ging es um Milliarden“, erinnert er sich. Vielfältiger Aufgabenbereich In Altena ging es dann nur noch um Millionen, dafür aber auf den verschiedensten Ebenen. Schwimmbad? Das hatte Bunse nicht gelernt - jetzt war er plötzlich dafür verantwortlich, dass nicht nur der laufende Betrieb, sondern auch eine mehrere Millionen Euro teure Sanierung gestemmt wurde.

 Abwasser? Ein städtischer Gebührenhaushalt und damit anfangs böhmische Dörfer für den Wiblingwerder. Bürgernähe, Zusammenarbeit mit Politik und Aufsichtsrat? Auch das bekommt man nicht unbedingt in die Wiege gelegt - „aber man kann alles lernen“, ist Bunse überzeugt. Haben die Stadtwerke Altena die Veränderungen der letzten zehn, 15 Jahre besser bewältigt als andere Unternehmen dieser Art? Klar, dass Bunse dazu nichts sagt. Aber es gibt eine ganze Reihe von Fakten, die unbedingt dafür sprechen. Im Vergleich mit anderen Stadtwerken ist der Gaspreis moderat. Natürlich sind Anbieter wie „Goldgas“, „Billiggasonline“ und wie sie alle heißen günstig - aber mit denen will Bunse gar nicht verglichen werden. So billig wie die könnte ein Stadtwerk niemals sein, sagt er - schon deshalb nicht, weil die GmbH tarifgebunden ist.

 Trotz der vergleichsweise günstigen Preise erwirtschaftet das Unternehmen übrigens gute Gewinne, die zu 75 Prozent in die Finanzierung des Frei- und Hallenbades fließen. Das war schon immer so – allerdings mit dem Unterschied, dass der Überschuss vor Bunses Amtsantritt einzig und allein der Enervie-Dividende zu verdanken war, die an die Stadtwerke ging. „Ohne die hätte das Unternehmen rote Zahlen geschrieben“, blickt er zurück. Zwischenzeitlich gab es von Enervie keine Ausschüttung mehr, trotzdem blieb was über – und das trotz nicht unerheblicher Ausgaben für Sponsoring, die für Bunse selbstverständlich sind. „Jeder Defibrillator, der in Altena in einem öffentlichen Gebäude hängt, stammt von uns“, sagt er und freut sich darüber, dass er sich über die Sinnhaftigkeit solcher Ausgaben vor der Öffentlichkeit schon lange nicht mehr rechtfertigen muss. Stichwort Lennergie: Die Stadtwerke haben 24 Mitarbeiter und sind damit ein sehr kleines Unternehmen. Trotzdem behaupten sie sich seit 2016 auch außerhalb Altenas auf dem Markt: Lennergie ist ein Tochterunternehmen, das vor allem in jenen Nachbarstädten um Kunden buhlt, in denen es keine Stadtwerke gibt oder wo die kein Gas verkaufen.

Anfangs von vielen belächelt, macht sich das inzwischen durchaus bezahlt: „Natürlich verlieren auch wir Kunden an Mitbewerber“, erklärt Bunse. Diese Verluste fange man aber durch Neuzugänge über Lennergie wieder auf. Es gebe halt in den Nachbarstädten Kunden die lieber regional einkaufen, meint der Geschäftsführer. Ganz neue Wege bestreitet das Unternehmen auch mit dem 2017 eingeführten „Wärmeservice“: Wer eine neue Gasheizung braucht, kann sich seitdem an die Stadtwerke wenden. Die bauen und betreiben die Anlage im Keller des Kunden und verkaufen dem nicht Gas, sondern Wärme. „Das läuft sehr gut“, berichtet Bunse.

Lob vom Bund der Steuerzahler Stichwort Goldener Kanaldeckel - da schmunzelt der Laie, während Fachleute den Hut ziehen vor solch einer Auszeichnung. Das Abwasserwerk erhielt sie 2017 wegen seines bürgerfreundlichen Vorgehens beim Umgang mit der Fremdwasserproblematik. Diese Auszeichnung ist Bunse mindestens ebenso wichtig wie ein Lob, das das Unternehmen 2017 vom Bund der Steuerzahler einfuhr: Damals sank die Gebühr für die Kanalnutzung in Altena um 15 Prozent und damit mehr als bei jedem anderen Betrieb in NRW – und das, obwohl die Stadtwerke dazu verpflichtet sind, zur Haushaltskonsolidierung jedes Jahr 600 000 Euro an die Stadtkasse zu vermeiden. Unterm Strich: Reichlich Erfolge, die nie auf dem Rücken der Belegschaft erkauft wurden, Darauf legt Bunse Wert, darauf ist er stolz. Seinem Nachfolger Hendrik Voß übergibt er nicht nur ein wirtschaftlich gut aufgestelltes Unternehmen, sondern auch hoch motivierte Mitarbeiter.

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